David de Paula ist kein Mann der lauten Töne. Obwohl der bald 34-Jährige bei der Wiener Austria nur mehr Ergänzungsspieler ist, wirkt er nicht unzufrieden. Im Interview spricht er ruhig und sucht nicht lange nach Worten. Nimmt er sein Smartphone zur Hand, um ein spanisches Wort ins Deutsche zu übersetzen, scheint er damit auch seine eigene Neugier stillen zu wollen. „Wenn du dich zu einem Thema äußerst, musst du dich auskennen“, sagt er im Gespräch. Diese Einstellung zeigt sich vor allem abseits des Fußballfelds. In den sozialen Medien postet de Paula keine Selfies aus der Kabine oder sponsorengerecht aufbereitete Tweets. Stattdessen informiert er seine Follower über das politische Geschehen in seinem Heimatland. So offen wie über sich selbst spricht er auch über Spanien, wo er bis 2012 Fußball gespielt hat.
Austria statt Rapids
Erst mit 27 Jahren wagte der gebürtige Baske den Sprung ins Ausland. Dabei hätte ihm ein Manager schon mit 18 die Rutsche gelegt – zu den Colorado Rapids. „Für die USA war ich wirklich nicht bereit“, sagt de Paula schmunzelnd. Er spielte in Alicante, Lemoa, Ponferrada und Palencia. Länger als zwei Jahre hielt es ihn nirgends. Nach einer sechsten Saison in der dritten Leistungsstufe bei Logrones wechselte er im Sommer 2012 schließlich nach Wolfsberg. Bundesliga-Aufsteiger WAC rüstete sich für die Erstklassigkeit, und Trainer Nenad Bjelica war der laufstarke Mittelfeldspieler aufgefallen.
Zu dieser Zeit standen etliche Spanier in Österreich unter Vertrag. Inaki Bea und Carlos Merino waren mit Wacker Innsbruck gerade abgestiegen, in Ried kickten Nacho, Guillem und Ivan Carril. Auch beim WAC traf der Neuankömmling mit Jacobo und Jose Solano auf Landsleute. „Klar beruhigt dich das, wenn du in ein fremdes Land ziehst“, sagt de Paula. „Aber ich habe zu den spanischen Spielern außerhalb von Wolfsberg keinen Kontakt gehabt. Ich bin ein bisschen introvertiert.“ Doch unter Bjelica gelang die fußballerische Integration rasch. De Paula wurde auf Anhieb Stammspieler, erzielte ein Tor und legte acht weitere auf. In seiner Debütsaison verpasste er nur vier Spiele. Drei davon gesperrt nach einem schweren Foul an Rapid-Kapitän Steffen Hofmann – sein bis heute einziger Platzverweis. Am Ende belegte der WAC den fünften Rang und verlor seinen Erfolgstrainer an den neuen Meister, die Wiener Austria. „Ich habe danach immer wieder Kontakt zu Nenad gehabt“, sagt de Paula. „Aber natürlich war ich überrascht, als er mich zur Austria geholt hat. Vom Aufsteiger zu einem Champions-League-Teilnehmer zu wechseln, ist ein sehr großer Schritt.“
Allrounder mit zwei Leben
Unter Bjelica bestritt de Paula nach dem Wechsel im Jänner 2014 allerdings nur zwei Pflichtspiele. Im Herbst war die Austria unter den Erwartungen geblieben und hatte auf Platz vier überwintert. Nach einem 1:3 bei Rapid – David de Paula traf bei seinem Debüt – und einem 1:1 in Wiener Neustadt wurde der Kroate im Februar beurlaubt. „Die Stimmung war wie bei einer Beerdigung“, sagt de Paula. „Nenad ist in die Kabine gekommen. Ich habe ihn mit ‚Hallo, Trainer‘ begrüßt – und er hat nur gesagt: ‚Nein, nicht mehr‘. Das war hart. Er war mein größter Förderer, und auf einmal war er weg.“ Doch je schneller sich das violette Trainerkarussell drehte – auf Bjelica folgten Herbert Gager, Gerald Baumgartner, Andreas Ogris und 2015 schließlich der jüngst geschasste Thorsten Fink –, desto besser etablierte sich David de Paula.
Der Routinier wird nicht zuletzt aufgrund seiner Vielseitigkeit geschätzt. Ob als Flügel oder Außenverteidiger, offensiv oder defensiv im Mittelfeld: De Paula spult Kilometer um Kilometer ab. Der Verein hat seinen Vertrag bereits zweimal verlängert, obwohl der Spanier zuweilen nicht einmal im Kader steht, wenn die sechs Legionärsplätze an Jüngere vergeben werden. Einem neuerlichen Wechsel innerhalb Österreichs kann er aber nur wenig abgewinnen: „Meine Frau und meine Kinder gehen vor. Ich will nicht noch einmal in eine andere Stadt ziehen“, sagt er. „Ich habe auch noch meine Verwandten in Spanien, dazu zwei Hunde – ich lebe also zwei Leben.“
Doch zu de Paulas Leben gehört ohnehin mehr als nur Fußball. „Bis vor einem Jahr hat mich Politik überhaupt nicht interessiert“, sagt er, als das Gespräch auf seine Postings im Internet kommt. „Aber momentan macht die spanische Regierung so viel falsch. Ich kann davor nicht die Augen verschließen. Ich muss meine Meinung sagen, um andere Leute zum Nachdenken zu bringen.“
Alte Parteien und neue Proteste
Stoff zum Nachdenken gibt es genug. Wie Griechenland und Portugal spürt auch Spanien die Folgen der Wirtschaftskrise und der Sparpolitik. Die Arbeitslosenquote zählt zu den höchsten der EU: 36 Prozent aller Jugendlichen finden keinen Job. Auch für ältere Menschen ist die Lage prekär. Frühere Wachstumsbranchen liegen heute am Boden. „Der Immobiliensektor ist ein wirkliches Problem geworden. Die Leute scherzen schon, wenn du Architekt oder Ingenieur wirst, hast du deinen Job bei McDonald’s sicher“, sagt de Paula. „Es war eine richtige Spekulationsblase. Die Politik hat den Unternehmen Aufträge zugeschoben.“ Doch Spanien leidet nicht nur unter der Korruption, auch die Innovationen stocken. „Wir haben wahrscheinlich die meisten Sonnentage in Europa“, sagt der Fußballer. „Aber wir produzieren kaum Ökostrom, weil er nicht gefördert wird – ein Wahnsinn!“
Vor diesem Hintergrund verschieben sich die Kräfteverhältnisse in Spaniens Innenpolitik. Neue Bewegungen haben sich hervorgetan – allen voran die linke Podemos. Die 2014 gegründete Partei ist heute drittstärkste Fraktion im Parlament. Ihren Ursprung hat sie in der „Bewegung 15. Mai“. An diesem Datum begannen 2011 landesweite Massendemonstrationen. Sie richteten sich gegen soziale, wirtschaftliche und politische Missstände – und damit gleichermaßen gegen die rechte Regierungspartei PP wie die sozialdemokratische PSOE. „Es war klar, dass sich irgendwann neue politische Bewegungen bilden müssen“, sagt de Paula und erklärt: „Die jungen Leute suchen Alternativen. Es ist wie beim Fußball: Ohne Konkurrenz verbessert man sich nicht. Aber sie haben es schwer, weil die großen Medien nicht ausgewogen berichten. Das öffentliche Fernsehen macht fast Propaganda für die PP.“ Gute Presse hat die Partei von Premierminister Mariano Rajoy tatsächlich bitter nötig. Der Regierungschef steht im Zentrum von Ermittlungen zu großen Korruptionsfällen. „Die spanische Politik ist schmutzig“, sagt de Paula.
Spannende Zeiten
Schwierig sei es heute in Spanien, erzählt David de Paula und meint damit die Politik ebenso wie das Leben der Menschen. Zwischen Sozialleistungen und Inflation klafft eine Lücke, der Arbeitsmarkt wird zunehmend flexibilisiert. „Die Unternehmen profitieren, weil sie weniger Abfindung zahlen müssen“, sagt de Paula. „Alte Arbeiter zu entlassen und junge schlechter zu bezahlen wird belohnt. Die Leute arbeiten ihr ganzes Leben, bekommen 0,25 Prozent mehr Pension – und der Strom wird zehn Prozent teurer. Wie kann das sein?“ Eine von Podemos geforderte Angleichung werde von der Regierung abgelehnt, während sie Millionen in Waffenkäufe investiere. Dass der Staat noch dazu das Mausoleum des faschistischen Diktators Franco großzügig subventioniert, stößt ihm besonders sauer auf. „Das System ist viel zu nahe am Faschismus“, sagt de Paula und wählt damit ähnlich harte Worte wie auf Twitter.
Dass er selbst aus der Distanz nicht viel zur spanischen Politik beitragen kann, ist dem Sohn eines Installateurs aus der Kleinstadt Durango bewusst. „Ich bin kein Politiker“, sagt er. „Aber wenn das Thema zur Sprache kommt, versuche ich, meine Meinung zu argumentieren.“ Im Moment liegt der Fokus des Fußballers aber noch hauptsächlich auf dem Sport. „Ich gehöre körperlich weiterhin zu den Besten“, sagt de Paula. „Ans Aufhören denke ich noch lange nicht.“ Demnächst stehen wieder Vertragsgespräche an. „Es ist eine spannende Zeit“, sagt de Paula und meint damit ausnahmsweise nur den Fußball.