Sie sitzen in der ersten Reihe zu viert nebeneinander, aber auch in der zweiten und dritten Reihe. Sie reden miteinander und schauen auf den Platz, eine der Frauen hat sogar ein Fernglas mitgebracht. Eine genaue Datierung und Zuordnung des Fotos, das im Vereinsmuseum des SK Rapid zu sehen ist, gibt es nicht. Aber fest steht: Es zeigt Frauen in den 1920er Jahren am Fußballplatz. Mit dieser vagen Angabe ist schon viel über die Geschichte weiblicher Fans gesagt – sie ist weitgehend ungeschrieben.
Ins Abseits gestellt
Kulturwissenschafter Matthias Marschik ist bei seinen Forschungen zu Fußball und Männlichkeit auf eine Veränderung in der Zusammensetzung des Publikums gestoßen. „Als der Fußball um 1900 in Wien noch ein gutbürgerlicher Sport war, sind auf Fotos viele Frauen am Platz zu sehen, die mit großen Hüten auf den besseren Plätzen sitzen.“ Einige Jahre später habe die Anzahl deutlich abgenommen. „Als das Publikum gewachsen ist, sind die Frauen zunehmend verschwunden“, sagt Marschik. Während der Fußball kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg erfolgreich wird, verliert er zugleich sein bürgerliches Gesicht. Um 1900 seien Arbeiter von der Mitgliedschaft in einem Fußballverein ausgeschlossen gewesen, während Frauen problemlos Mitglied werden konnten. „Die Arbeiter werden dann hineingeholt und die Frauen ausgeschlossen“, sagt Marschik. „Die Diskriminierung verläuft zunächst über die Klasse, später über das Geschlecht.“
Parallel dazu lässt sich in der Presse eine veränderte Darstellung von Frauen am Fußballplatz feststellen. Denn erst jetzt wird ihnen systematisch das Verständnis für den Sport abgesprochen. „Die Geschichte ‚Frauen werden die Abseitsregel nie begreifen‘ beginnt mit der Professionalisierung“, sagt Marschik. „Ab dieser Zeit gibt es die Unterstellung: ‚Die Frau geht nur mit, um die feschen Spieler zu sehen oder ihren Mann zu begleiten.‘“ So erteilt das Illustrierte Sportblatt im Jänner 1920 den Klubs den Rat, in den Programmheften die Vorlieben der Spieler für bestimmte Haarfarben zu notieren, um das Spiel für Frauen interessanter zu machen. Diese vermeintliche Wesensverschiedenheit von Frauen und Fußball, wie Marschik es nennt, wurde nicht nur in Österreich etabliert, sondern auch in anderen Ländern.
Heldenhafte Begleiterinnen
Wenn die Anwesenheit von Frauen beim Fußball wahrgenommen und kommentiert wurde, geschah das selten, indem sie als Fans unter Fans dargestellt wurden. In einem Artikel über das FA-Cup-Finale 1927 zwischen Cardiff City und dem Arsenal FC ist zu lesen: „Bemerkenswert war die Zahl der Frauen, die ihre Männer und ihre Liebsten begleitete.“ Das Erstaunen über die Begleiterinnen der männlichen Fans konnte dabei durchaus als Kompliment zum Ausdruck kommen. In einer Kolumne im Leicester Mercury von 1923 heißt es: „Wenn Frauen dastehen, während der Dauerregen ihnen die hübsche Kleidung, den Hut und jegliche Bequemlichkeit ruiniert, zeugt das von einem Interesse, das an Heldentum grenzt.“
Diese Zitate finden sich in einem Bericht des Zentrums für Fußballforschung in Leicester zur Geschichte weiblicher Fans. Die Autoren stellen die Vermutung an, dass die Zahl von Frauen im Stadion nach dem Zweiten Weltkrieg zurückging – ebenso wie die Zuschauerzahlen insgesamt. Mit der WM 1966 ging der Versuch einher, das Spiel wieder attraktiver für ein breiteres Publikum zu machen. Dazu gehörte auch, dass Frauen im WM-Programm der BBC über die Regeln des Spiels, insbesondere das Abseits, aufgeklärt wurden. „Überraschend viele Frauen sahen in England den Spielen zu, mehr jedenfalls, als in Deutschland oder Frankreich auf dem Sportplatz anzutreffen sind. Vor allem junge Männer gingen Seite an Seite mit Frauen, Bräuten oder auch jüngeren Schwestern ins Stadion“, schreibt ein westdeutscher WM-Berichterstatter. „Sie brauchen sich nicht zu sorgen, dass ihre Begleiterinnen Langeweile spüren könnten, denn bei der Weltmeisterschaft gab’s kein Spiel, das nicht durch die Märsche eines Musikregiments eingeleitet und in der Halbzeit verschönt worden wäre.“
Wie sich die bundesdeutsche Fußballwelt der Nachkriegsjahrzehnte die Rolle von Frauen vorstellte, demonstriert der Kicker. Dort fanden sich ebenfalls Frauen – nicht auf dem Platz, denn das Fußballspielen in Vereinen war ihnen bis 1970 untersagt. Sie wurden auf der letzten Seite in der Rubrik „Fußballer und ihr Familienalbum“ zusammen mit ihren Kindern und mitunter den Haustieren abgebildet. Manch Gattin oder Verlobte, heißt es dort, nehme am Fußball Anteil, andere seien zu aufgeregt, um Spiele von der Tribüne zu verfolgen.
Mädchen, Frauen, Fans
Ab den 1980er Jahren geraten jugendliche Fans zunehmend in den Blick von Wissenschaft und Medien. 1989 veröffentlicht Stern-Redakteur Ulrich Pramann sein Buch „Das bisschen Freiheit. Die fremde Welt der Fußballfans“. Er schätzt den Anteil von Frauen in dieser Jugendkultur auf 15 Prozent und nimmt sie zunächst einmal als Mädchen statt als Fans wahr. Aber immerhin kommen sie zu Wort, so wie die 17-jährige Claudia, die seit vier Jahren in die Westkurve des Hamburger Volksparkstadions geht und ihre Erfahrungen mit den Burschen gemacht hat: „Die wollten nicht kapieren, wie man auch als Mädchen Fußballfan sein kann. ‚Tischtennis‘, sagten die, ‚das ist was für Mädchen, aber nicht Fußball.‘“
Auch manche Überlieferung lässt erahnen, dass Frauen mehr und anderes waren als stumme Begleiterinnen an der Seite eines fußballbegeisterten Mannes. So wie Liselotte Kremer, die 1962 die öffentliche Ordnung störte. Sie erhielt eine Anzeige, weil sie den Gehweg vor dem Lokal Dörper in Köln mit rot-weißer Farbe bemalt hatte. Aus gutem Grund: Es war das Vereinslokal des 1. FC Köln, der gerade die Meisterschaft gewonnen hatte, und das musste gefeiert werden. Auch Liselotte Kremer war genau genommen eine Begleiterin, sie war die Ehefrau von Franz Kremer, dem Gründer und Präsidenten des Vereins. Und sie war ein Fan. Liselotte Kremer starb im April 2014 im Alter von 95 Jahren, sie überlebte ihren Mann um fast fünf Jahrzehnte und ging bis ins hohe Alter ins Stadion.