Jürgen Pucher ist verliebt. 111 Gründe schreibt er deshalb seinem Liebsten, dem SK Sturm. Seit Jahren begleitet er die Grazer als kritischer Kommentator. Zunächst beim Internetportal Sturm12, nach dessen Einstellung für verschiedene Onlinemedien wie das Fanradio blackfm, in dem er mit Vorliebe Trainer Franco Foda tadelt. Am 18. September wird er nun sein Buch der Öffentlichkeit vorstellen.
Bei dessen Lektüre wird schnell klar, dass der als ewiger Kritiker verschriene Autor der allzu reinen Ratio abgeschworen hat und dieses Mal lieber Geschichten und Anekdoten erzählt. Das Buch wird dadurch zur optimalen emotionalen Ergänzung der stark statistischen Vereinschronik aus dem Jahr 2009.
ballesterer: Wie heißt Ihre Katze?
Jürgen Pucher: Bozo, wegen Sturms Angreifer der 1980er Jahre, Bozo Bakota. Sie ist schwarz-weiß und in unserer Wiener Wohnung mein Bezug zu Sturm. Ich habe Bakota zwar aktiv nur am Rande mitbekommen, aber alles, was ich über ihn erfahren habe, zeigt mir, dass er eine coole Haut war.
Wie sind Sie Sturm-Fan geworden?
Meine Familie hat mich als Kind schon in die Gruabn mitgenommen. Da bin ich auf den Schultern eines erwachsenen Familienmitglieds gesessen und habe mir alles angeschaut. Selbst bin ich dann ab meiner Gymnasialzeit ins Stadion gegangen. Samstag nach der Schule ging es da nicht nach Hause, sondern mit Freunden auf den Sturm-Platz.
Welcher der 111 Gründe ist Ihr Lieblingsgrund?
Ich habe versucht, die Geschichten um folgendes Zitat von Ivan Osim aufzubauen: „Sturm deckt alles, was schwarz ist, in meinem Leben. Alles, was weiß ist, aber auch.“ Als Geschichten, die illustrieren, wie bunt der Verein ist. Sturm hat Ambivalenzen und Schattierungen, das will ich zeigen.
Wie würden Sie die 111 Gründe zusammenfassen?
Sturm ist erst in der Nachkriegszeit landesweit relevant geworden, danach kommt die Kämpfer- und Gatschära, in der sie bis auf den Vizemeistertitel 1981 und die Europacupsaison 1983/84 keine wirklichen Erfolge gefeiert haben. Stabil war nur das Image als Rauferbande aus der Gruabn. Dann ist es dank der Erfolge der Osim-Zeit zum Riesenbruch gekommen. Erst danach haben sie wieder zu den alten Tugenden gefunden. Aktuell ist der Klub in einer Findungsphase. Aufgrund der internationalen Rahmenbedingungen wird es für einen österreichischen Verein nicht mehr möglich sein, international so erfolgreich zu sein. Das finde ich aber per se nicht schlecht.
Auf welche Überraschungen sind Sie bei der Arbeit gestoßen?
Die Geschichte von Tesourinha war mir neu, einem Brasilianer aus Porto Alegre, der Ende 1960 in Graz zum Publikumsliebling geworden ist. Auch über den Sieg gegen Arsenal 1970 habe ich wenig gewusst. Über die jüngere Vergangenheit habe ich gelernt, wie wichtig die Fangruppen in der Ära unter Präsident Hannes Kartnig und vor allem unmittelbar danach waren. Sie haben sehr früh gemahnt und sich untereinander zusammengerauft. Das zeigt: Ein Fußballverein ohne Fanszene ist zum Vergessen.
Ist zwischen Ihnen und Sturm jetzt alles geklärt?
Es ist schon schön, wenn so ein Projekt einmal fertig ist. Jetzt würde es mich wahnsinnig reizen, eine Biografie über Franco Foda zu schreiben.
Er ist Ihr Lieblingsopfer. Im Buch würdigen Sie Ihn. Wird er die ausgestreckte Hand annehmen? Wird der Text gar Ihr Verhältnis ändern?
Das glaube ich nicht. Ich begleite den Verein journalistisch, seit Franco Foda bei Sturm als Cheftrainer arbeitet. Seitdem mögen wir uns nicht. Oder sagen wir, es hat immer irgendwelche Schwierigkeiten gegeben. Zwischendurch hat es aber auch immer wieder Momente gegeben, in denen er ganz anders war. Beispielsweise zuletzt bei uns im blackfm-Studio. Da hat er aufgemacht. Er ist so, wie er ist. Wenn man ihn am richtigen Fuß erwischt, kann er sogar recht cool sein.
Welche Bedeutung hat er in der Geschichte von Sturm?
In einem Buch über den Verein muss er gewürdigt werden. Er ist der zweiterfolgreichste Trainer in der Geschichte des Klubs. Bei Gerhard Goldbrich ist es leicht, den habe ich nicht erwähnen müssen, weil er in Wirklichkeit keine Relevanz hat. Foda hat aber, bei aller Vielschichtigkeit seiner Persönlichkeit, seinen Platz in diesem Buch verdient. Retrospektiv, wenn er dann als Pensionist auf der Tribüne sitzen wird, werden ihn sowieso alle feiern. Die Zeit verklärt.
Sie sind für Ihre bissigen Kommentare bekannt. Haben Sie nun Lust auf das Anekdotische bekommen?
Ja. Früher war ich immer auf dem Standpunkt: Du musst kurz und prägnant Stellung nehmen. Das war mein Zugang zu Sturm. Ich hatte daher die Sorge, dass mir im Format dieses Buchs die Luft ausgeht. Ich habe aber mittlerweile so viel zu Sturm produziert, dass ich das in einer chronologischen Form zu Papier bringen wollte. Die sechs Jahre Recherchefundus sturm12 haben mir da sehr geholfen.