99,6 Prozent. Der staatliche isländische Rundfunksender RUV brach am 16. Juni 2018 wohl so ziemlich jeden Marktanteilsrekord. Nur 0,4 Prozent der isländischen Fernsehzuseher schauten etwas anderes als die WM-Begegnung gegen Argentinien. Nun ist nicht jede Fußballübertragung so historisch wie das WM-Debüt des eigenen Landes, doch Rundfunkanstalten auf dem ganzen Globus vermeldeten während des Turniers beachtliche Quoten. Auch der ORF jubelte schon nach dem Achtelfinale über einen Marktanteil von bis zu 50 Prozent. „Kaum ein TV-Event erreicht derart alle Milieus wie eine Fußballweltmeisterschaft“, sagt ORF-Sportchef Hans-Peter Trost. Weltweit kauften 658 Lizenznehmer der FIFA Übertragungsrechte fürs Fernsehen, Radio und Internet ab. Dem Weltverband bescherte das mit Einnahmen von mehr als drei Milliarden Dollar den größten Budgetposten des Jahres.
Regenmacher Fernsehen
Das Fernsehen verschafft der FIFA einen Großteil ihres Reichtums, der Fußball ist vom TV abhängig. Das gilt nicht nur für die Megaevents, sondern auch für andere Bewerbe. Die UEFA führte in ihrem jüngsten Finanzbericht zur Saison 2016/17 einen Umsatz von 2,3 Milliarden aus Übertragungsrechten an, das sind 82 Prozent des Gesamtumsatzes. Wenn im Europacup für die Klubs Millionen zu scheffeln sind, kommen die in erster Linie vom Fernsehen. Wenn im europäischen Klubfußball die Schere zwischen den großen Klubs, also regelmäßigen Champions-League-Teilnehmern, und den kleineren immer weiter auseinandergeht, ist das dem Fernsehen geschuldet. Millionentransfers, neue Stadionprojekte und Investitionen in die Infrastruktur werden mit schon vorhandenem und erwartetem Kapital aus diesem Bereich finanziert.
Der Geldregen durch TV-Verträge vergrößert nicht nur die Ungleichheiten zwischen Europacupstartern und dem Großteil der anderen Teams, er wirkt schon viel früher – bei den nationalen Ligen. Laut einer aktuellen Studie des Finanzdienstleisters Deloitte setzte die Premier League 2016/17 mit dem Verkauf von Übertragungsrechten 3,2 Milliarden Euro um, dahinter folgten die Primera Division mit 1,5 Milliarden, die Serie A mit 1,2 Milliarden und die deutsche Bundesliga mit 960 Millionen. Im Durchschnitt sind das je Erstligist 160 Millionen in England, 75 in Spanien, 60 in Italien und 53 in Deutschland. In der österreichischen Bundesliga betrugen die Einnahmen im Vergleichszeitraum pro Klub im Schnitt kolportierte 1,5 Millionen. „Es ist doch Irrsinn, wenn der Absteiger in England mehr TV-Gelder bekommt als Bayern München in Deutschland“, sagt Erich Korherr, Obmann des TSV Hartberg. „Wir können von den Einnahmen eines englischen Zweitligisten in der Bundesliga nur träumen.“ Austria-Finanzvorstand und Bundesliga-Vizepräsident Markus Kraetschmer sieht das ähnlich. „Wir wissen schon lange, dass die Einkünfte aus dem nationalen TV-Sektor im Quervergleich eines der größten Defizite für die österreichischen Klubs bedeuten“, sagt er. Die Liga musste handeln. Rechtzeitig vor der Ausschreibung der Neuvergabe der TV-Rechte beschloss sie vor zwei Jahren eine Reform, um die Liga attraktiver zu machen.
Krankl-Tore im TV
Wenn am 27. Juli die Partie zwischen der Wiener Austria und Wacker Innsbruck angepfiffen wird, ist das auch der Start des neuen Ligaformats. Statt bisher zehn Mannschaften spielen nun zwölf um den Titel – oder zumindest um Titelchancen. Nach einem Grunddurchgang aus Hin- und Rückspielen werden Liga und Punkte geteilt, die oberen sechs Mannschaften spielen um den Meisterteller, die unteren sechs gegen den Abstieg und um einen Platz in einem Europacup-Play-off. Das Format zielt auf neue Spannungselemente und Höhepunkte ab: Eine sportliche Vorentscheidung wird schon im Grunddurchgang getroffen, doch werden Ergebnisse durch die Punkteteilung vor den Play-offs gleich wieder nivelliert. Das Meister-Play-off besteht praktisch nur aus Spitzenspielen, und das Europacup-Play-off ermöglicht mit seinem K.-o.-Modus Spannung über die letzte Runde hinaus. Diese Elemente sollen die Fans ins Stadion locken – und vor die TV-Geräte.
Der Fußball hat sich seit Beginn der TV-Übertragungen als enorm fernsehkompatibel erwiesen. Das Spiel ist vor dem Bildschirm gut nachvollziehbar, wesentliche Bewegungen sind anders als bei der Formel 1 und bei Skirennen ohne technische Hilfsmittel wie eine auf Hundertstelsekunden genaue Zeitnehmung leicht erkennbar. Zudem verspricht die offene Ausgangslage Spannung, die gerade bei Liveübertragungen gut vermittelt werden kann. Fußball war schon im August 1955, als das ORF-Fernsehen trotz einer Verbreitung von nicht einmal 1.500 Geräten startete, ein populärer Teil des Programms. 1956 wurden erstmals Spiele des Nationalteams live übertragen, ein Jahr später auch die der Klubs. Als die Vereine wegen der Konkurrenz des Fernsehens einen Zuschauerrückgang fürchteten und 1961 höhere Entschädigungen verlangten, wurden die regelmäßigen Livespiele der Staatsliga wieder ausgesetzt.
Und doch übte das Fernsehen weiterhin Faszination aus. „1974, damals war ich sieben Jahre alt, habe ich in einer Zusammenfassung einmal den Namen ‚Hans Krankl‘ gehört und dass er viele Tore geschossen hat. Damit hat meine Beziehung zum Fußball und zu Rapid begonnen“, sagt Heinz Deutsch vom Fanklub „Hütteldorfer Xindl“. Drei Jahre später ist er als Zehnjähriger erstmals im Stadion, zunächst bei Rapid, dann beim Nationalteam, das Fernsehen behält dabei eine wichtige Rolle. „Die Qualifikation zur WM 1978 und das Turnier selbst haben mich geprägt“, sagt er. „Hans Krankl verehre ich bis heute.“ Ähnliche Erzählungen lassen sich vermutlich in vielen Biografien finden. Das Fernsehen war für die Fußballsozialisation heutiger Fangenerationen ein entscheidender Faktor.
Mitarbeit: Michael Graswald
Den gesamten Artikel gibt es in der Printausgabe des ballesterer (Nr. 133 August 2018) zu lesen. Die Ausgabe könnt ihr hier bestellen.