Eine Reise in die südöstliche Türkei ist im Februar schon wegen des Wetters und der Infrastruktur eine Herausforderung. Der Ausnahmezustand und die teilweise bürgerkriegsähnlichen Zustände machen sie noch dramatischer. Das Interesse der Reisenden galt türkischen Vereinen, die ihre kurdische Identität betonen und deshalb von Behörden, Fußballinstitutionen und gegnerischen Fans als Terroristen verunglimpft werden.
Die Reportage samt Spielberichten und politischen Hintergründen ist ein Zeugnis der täglichen Repressionen. Sie ist im Stil eines Aktivistenfanzines gehalten – die Autoren ergreifen Partei und können mit vielen Fakten und Eindrücken überzeugen.
ballesterer: Hat es während der Reise unerwartete Ereignisse gegeben?
Freddy Pitschak: Eigentlich nicht. Über die Lage vor Ort und Dinge wie militärische Sperrgebiete haben wir uns im Vorfeld informiert. Bei einem Checkpoint in Dersim waren wir einmal mit Argwohn konfrontiert. Wir sind etwa eine Stunde verhört worden, letztlich aber ohne Konsequenzen.
Die Geldbußen und Gästefanverbote gegen Amedspor, die der Verband seit Ende 2015 fast wöchentlich verhängt, sind penibel aufgelistet. Wie sind diese Strafen zu erklären?
Das ist schlicht Rassismus. Bei Amedspor ist einmal ein Transparent mit der Aufschrift „Die Kinder sollen nicht sterben, sie sollen zum Match gehen“ gezeigt worden. Allein, dass der Wunsch nach einem Ende des Blutvergießens als Terrorpropaganda gewertet wird, spricht Bände. Bestraft worden ist dafür nur Amedspor, obwohl das Team das Transparent gemeinsam mit Fenerbahce-Spielern gehalten hat. Die Diskriminierung der Kurden, die ihre Identität pflegen wollen – und nichts anderes tut ein Klub wie Amedspor –, ist tief in den Institutionen verankert.
Etwas anders liest sich der Erfahrungsbericht aus der fünften Liga vom Match Dersimspor gegen Adiyaman. Die Heimfans des kurdischen Klubs werfen Gegenstände aufs Feld, ohne dass es geahndet wird. Am Ende besiegt Dersimspor den Favoriten. Wie passt das ins Bild?
Dieses Spiel fällt ein wenig aus der Reihe. Die Fanszene von Adiyaman ist extrem nationalistisch bis islamistisch eingestellt. Bei einem so aufgeladenen Spiel stehen sich nicht nur die Kurven feindlich gegenüber, sondern auch die Mannschaften. Da sind Plastikflaschen von den Rängen nicht weiter dramatisch. Im Zweifelsfall hat die Polizei die Leute aus ihren Panzern heraus gefilmt. Auch wenn die Leine mal locker gelassen wird, sind die Machtverhältnisse klar.
Was geschieht mit den Einnahmen aus dem Heftverkauf?
Wir haben gemeinsam mit weiteren Fans ein Konto für Amedspor eingerichtet. Vertreter des Klubs und der Fangruppe „Direnis“ werden Anfang 2019 nach Deutschland reisen, um über ihre Lage zu informieren. Einer von ihnen ist für das Frauenteam verantwortlich, dorthin soll das gesammelte Geld gehen. In diesem Bereich leistet der Klub Pionierarbeit.