AFC Tubize – Royale Union Saint-Gilloise

21. September 2018
Stade Leburton
Zuschauer: 500
Resultat: 0:2

© Dutrieux

Acht Jahre sind vergangen, seit ich sie zuletzt gesehen habe. acht Jahre, in denen ich immer wieder an sie gedacht, sie letztlich aber doch vernachlässigt habe. Aber jetzt ist das alte Kribbeln wieder da. Eine Dienstreise hat mich in ihre Nähe geführt, jetzt zieht sie mich wieder an wie ein Magnet: die Perle Brüssels, die elffache belgische Meisterin – die große Union Saint-Gilloise. Wie konnte ich nur acht Jahre ohne sie leben, frage ich mich. Gut, sie lässt sich auch schon länger Zeit mit ihrem nächsten Meistertitel. aber was sind schon 83 Jahre?

Immerhin hat sich Union in meiner Abwesenheit von der dritten in die zweite Liga hochgearbeitet. Gefühlsmäßig hat sich wenig geändert. Nach der halbstündigen Bahnfahrt von Brüssel nach Tubize geht es zu Fuß durch wenig attraktive Wohngebiete zu einem Stadion mit drei unzusammenhängenden Betontribünen. Der schicke mobile Verkaufsstand mit der Aufschrift „Moules et frites“ hält nicht, was er verspricht. Er bietet zwar Pommes an, Muscheln kommen aber nicht in die Tüte. Kein Wunder, dass alle drei Hazard-Brüder mit 16 Jahren aus Tubize in eine französische Fußballakademie geflüchtet sind.

In der ersten Hälfte gibt es mittelprächtiges Zweitligagekicke, aber beste Stimmung im Auswärtsblock. Kurz nach Wiederbeginn finde ich mich plötzlich mit einem Dutzend Union-Fans an der Bande im Auswärtsblock wieder und bejuble den Führungstreffer von Faiz Selemani. Die Spieler stürmen auf uns zu. Wir strecken ihnen die Hände entgegen. Ich spüre den kräftigen Händedruck von Youssouffou Niakate, Glückshormone durchströmen unsere Körper. Niakate wird gegen Spielende noch ein sehenswertes Solo mit einem Schlenzer ins lange Kreuzeck zum 2:0 abschließen – und eine Woche später den haushohen Favoriten Anderlecht mit drei Toren im Alleingang aus dem Cup fegen. Der Höhepunkt zwischen den beiden Toren in Tubize ist der komplette Ausfall der vier Flutlichter. Die Fanblöcke winken einander mit erhellten Handys über das dunkle Spielfeld hinweg zu. Unions gut 100 Fans sind sangesfreudig wie eh und je und fordern ihr Gegenüber auf: „Tubize, Tubize, singt mit uns!“ Auch den für die Unterbrechung zuständigen Energieversorger nehmen sie in die Sangespflicht: „Electrabel, sing mit uns!“

Nach dem Spiel übernimmt der sichtlich gerührte Kapitän Charles Morren die Rolle des Vorsängers. Etwa 50 Unionisten singen noch, als ich zum letzten Zug nach Brüssel aufbreche. Bis zum nächsten Mal wird es keine acht Jahre dauern – und keine 83!

(Klaus Federmair)