Mein erstes Mal im Stadion

"I wü mei Göd zruck!"

 

Vier Tage, bevor ich zwölf wurde, war ich zum ersten Mal im Hanappi-Stadion. Der um einige Jahre ältere Nachbarssohn hatte beschlossen, dass ich für meinen ersten Stadionbesuch reif war und so ging es am 5. August 2001 mit dem Zug von Linz nach Wien-Hütteldorf. Ich erblickte zum ersten Mal die Flutlichtmasten des Gerhard Hanappi-Stadions.

Zwei Jahre zuvor hatte ich zu meinem zehnten Geburtstag von meinen Eltern mein erstes Fußballtrikot geschenkt bekommen. Ganz nach meinem Wunsch war es das Rapid-Trikot der Saison 1999/2000. Ich habe es geliebt und so oft getragen, wie es meine Mutter aus hygienischen Gründen für zulässig hielt. Heute weiß ich, dass es alles andere als schön war, eigentlich war eines der schirchsten Trikots der Vereinsgeschichte.

Als im Herbst 1999 die Schule wieder begonnen hatte, bin ich eines Tages nach dem Unterricht zu Intersport Eybl gegangen, um mir eine Rückennummer draufbügeln zu lassen. Sie war zwar leuchtend rot, schwarz gab es nicht, aber immerhin hatte ich die richtige: Die Nummer 10 von Dejan Savicevic. Vor der Saison 2001/2002 hat „Il Genio“ Hütteldorf verlassen, die Rückennummer auf meinem Trikot blieb. Statt Savicevic hatte ich nun Roman Wallner am Rücken picken.

Bei meinem ersten Stadionbesuch führte ich mein Wallner-Trikot aus. Rapid war unter Trainer Ernst Dokupil mit zehn Punkten aus den ersten fünf Spielen akzeptabel in die Saison 2001/2002 gestartet. Dokupil zog sich dennoch auf den Posten des Sportdirektors zurück, Interimstrainer wurde Peter Persidis. Am 6. Spieltag war der Liebherr – der Name hatte mir schon als Kind gefallen – GAK zu Gast. Ich erinnere mich an meine kindliche Selbstverständlichkeit, mit der ich von einem Rapid-Sieg ausging. Nichtsahnend, was der GAK damals für ein Ensemble an Überkickern hatte: Mario Tokic, Eric Akoto, Didi Ramusch, Benedict Akwuegbu, Ronald Brunmayr.

Nach meinen ersten zwei Live-Minuten lag Rapid 0:1 hinten. Brunmayr. Nach 33 Minuten stand es 0:4. Brunmayr, Ramusch, Brunmayr. Meine damalige Gefühlslage habe ich verdrängt. Ich erinnere mich nur an einen sich heiser schreienden, älteren Herren direkt hinter mir, der unaufhörlich die Rückgabe des Eintrittspreises verlangte („I wü mei Göd zruck!“). Ich war auf vielen Ebenen irritiert. Persidis hingegen reagierte, er wechselte in der 36. Minute doppelt: Peter Schöttel und Andreas Ivanschitz kamen aufs Feld. Niemand wusste zu dem Zeitpunkt, wie sehr man letzteren in Hütteldorf noch verehren und verachten würde.

Stärker ist mir in Erinnerung, wie sehr es mich ärgerte, dass ich die singenden Fans nur hören, aber nicht sehen konnte. Die Hintertortribünen des Hanappi-Stadions wurden damals überdacht, die Fans übersiedelten für die Dauer der Bauarbeiten von der West auf den unteren Rang der Nord. Ich hörte, dass da unten was los war, aber ich konnte vom oberen Rang nichts sehen. In der zweiten Halbzeit konnte ich sie dann sehen. Ein paar Dutzend Fans waren über die Werbebande aufs Spielfeld geklettert. Peter Schöttel bewog sie dann dazu, selbiges wieder zu verlassen.

Nach Abpfiff diskutierte Dokupil noch mit einigen Fans. Zehn Tage später war Dokupil bei Rapid Geschichte. Nach Interimstrainer Peter Persidis übernahm Lothar Matthäus und führte Rapid zum 8. Tabellenplatz – in der bis heute schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte.

Nach einem verstörenden Nachmittag saß ich wieder im Zug nach Linz. Vier Tage später schenkte mir mein bester Schulfreund eine signierte Autogrammkarte: Roman Wallner, Nummer 10.


SK Rapid Wien – Grazer AK
5.8.2001, Gerhard Hanappi Stadion

Tore:
0:1 (2.) Brunmayr
0:2 (19.) Brunmayr
0:3 (27.) Ramusch
0:4 (34.) Brunmayr

Rapid: Maier – Ratajczyk- Schießwald, Jazic – Prisc (36. Schöttel), Markus Hiden, Saler, Freund, Taument – Wallner (81. Wagner), Maletic (36. Ivanschitz)

GAK: Almer – Tokic – Akoto, Dmitrovic – Standfest, Ramusch, Ceh (75. Hütter), Kulovits (66. Bazina), Amerhauser – B. Akwuegbu, Brunmayr (86. Milinkovic)