„Gibt es hier eh Bier zu kaufen?“ Zwei Jugendliche scheinen nicht ganz sicher zu sein, an welchem Ort sie an diesem Abend gelandet sind. Der 21. Juli ist ein ungewöhnlicher Abend im Wiener Gartenbaukino, vor dem Eingang tummeln sich schon eine Stunde vor Filmbeginn überwiegend junge Männer, die hier eher nicht zum typischen Publikum zählen dürften. Die Woche über lief anlässlich ihres neuen Films „Die Verführten“ eine Werkschau der Regisseurin Sofia Coppola, heute ist im Kino am Parkring alles anders. „Ultras Rapid 1988 & Ultras Nürnberg 1994 präsentieren Großer Bruder“ steht in großen Lettern auf der Tafel über dem Eingang. Im restlos ausverkauften Saal können Jakub Czyz und Oliver Pohle, der aktuelle und der ehemalige Vorsänger der „Ultras Rapid“, mit dem Grinsen nicht mehr aufhören. 750 Leute warten auf die Vorführung. Zuvor ergreift Pohle das Wort. „Wir sind an der Wiener Ringstraße angekommen“, sagt er. „Hätte mir das vor 20 Jahren jemand gesagt, ich hätte ihn einliefern lassen.“ Immer wieder macht sich während seiner Rede tosender Jubel im Saal breit, die Stimmung erinnert zeitweise mehr an den „Block West“ als an einen Kinoabend.
Gefühlskino
„Großer Bruder“ kann mit dem Drumherum nicht ganz mithalten. Der Film ist ein Geschenk der Nürnberger Ultras an jene aus Wien-Hütteldorf anlässlich des 15-jährigen Bestehens ihrer Fanfreundschaft. Dem Streifen ist anzumerken, dass einige Nürnberger Fans in der Filmbranche tätig sind. Die professionell gedrehten Bilder sind schön, manche Einstellungen aus den Fankurven großartig. Ansonsten wird in einer wilden Aneinanderreihung von Anekdoten die Geschichte einer Freundschaft erzählt – von ersten Kontakten in den 1990er Jahren über gemeinsame Erlebnisse in Italien bis zu dem Freundschaftsspiel zwischen Rapid und Nürnberg im September 2013. Ein ausverkaufter Sonderzug rollte damals aus Franken bis an die Tore des Gerhard-Hanappi-Stadions. Einige Protagonisten sagen im Film, es sei der schönste Moment der Freundschaft gewesen. Die Auseinandersetzungen mit der Polizei nach dem Match werden nur am Rande thematisiert. Später mussten sich deswegen 32 Rapid-Fans vor Gericht wegen Landfriedensbruch verantworten, ein Großteil wurde verurteilt. Aber das hätte nicht zur Stimmung von „Großer Bruder“ gepasst.
Dass der Film sich öfter wiederholt und in 75 Minuten einige Längen aufweist, ist dem Großteil des Publikums egal. Die meisten von ihnen haben die Freundschaft wohl sehr intensiv miterlebt, das zählt mehr als ein ausgefeiltes Storytelling. Der Film wird mit stehenden Ovationen bedacht. Auch die anwesenden Rapid-Spieler, darunter Alt-Kapitän Steffen Hofmann und sein Nachfolger Stefan Schwab, stehen artig auf. Um die Spieler für den Meisterschaftsauftakt am folgenden Tag zu motivieren, greift Pohle noch einmal zum Mikrofon. „Auf geht’s Rapid, kämpfen und siegen“, skandiert er, der ganze Saal macht es ihm in ohrenbetäubender Lautstärke nach. Die Akustik des Saals kommt den Fans entgegen. Der Gegensatz zwischen Programmkino und Fankurve ist eben doch nicht so groß.