Austria-Vorstand Markus Kraetschmer spricht mit gedämpfter Stimme, die versammelte Profimannschaft und das Trainerteam rund um Thomas Letsch hören ihm aufmerksam zu. „Es ist wichtig, dass alle Austrianer verstehen, was diese Geschichte für uns bedeutet“, sagt Kraetschmer an diesem 8. November. Er steht am Judenplatz in der Wiener Innenstadt vor dem Mahnmal für die österreichischen Opfer der Shoah. Vor 80 Jahren begannen die Novemberpogrome, in denen Juden gewaltsam angegriffen, beraubt und deportiert wurden. Der nationalsozialistische Terror hatte eine neue Dimension erreicht. „Die jüdische Geschichte ist ein wichtiger Teil der Austria“, sagt Kraetschmer. Anders als der SC Hakoah war die Austria kein dezidiert jüdischer Verein, wurde aber 1938 von jüdischen Funktionären geführt. Der „Anschluss“ hatte für sie dramatische Folgen. Sie wurden von den Nazis vertrieben, inhaftiert oder ermordet. Manager Robert Lang und Schriftführer Heinrich Bauer wurden getötet. „Das ist jetzt 80 Jahre her, Zeitzeugen gibt es nicht mehr viele. Umso wichtiger ist es, sich diesen Teil der Geschichte in Erinnerung zu rufen“, sagt Kraetschmer.
Violetter Kranz
Nach ihm spricht der Historiker Bernhard Hachleitner. Er erzählt davon, dass nach dem „Anschluss“ von einem Tag auf den anderen die Spielerkabine versperrt worden sei. Und von Walter Nausch, einem der Stars der 1930er Jahre. Nausch bekam 1938 einen Trainerjob bei der Austria angeboten, lehnte aber ab. Er war mit einer Jüdin verheiratet. „Er wurde angehalten, sich scheiden zu lassen. Stattdessen ist er in die Schweiz geflohen“, sagt Hachleitner.
Nach einer Gedenkminute platzieren die Spieler Bright Edomwonyi, Alexander Grünwald, Patrick Pentz, Alon Turgeman und Lucas Venuto violette Gedenksteine am Mahnmal, die Vereinsführung um Kraetschmer legt einen Kranz nieder. Grünwald spricht von bewegenden Momenten. „Als Austrianer sollte man die Geschichte des Klubs kennen. Das ist vor allem auch für neue Spieler wichtig“, sagt der Kapitän.
Zwei Wochen später sorgt der Verein für vertiefendes Material zu dieser Geschichte. Er präsentiert das Buch „Ein Fußballverein aus Wien. Der FK Austria im Nationalsozialismus“ von Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik, Rudolf Müllner und Johann Skocek. Bei der Präsentation im Franz-Horr-Stadion erzählt Hachleitner davon, wie der Austria-Vorstand schnell ausgetauscht wurde, die Mannschaft aber recht ungestört weiterspielen konnte, da allen Spielern bescheinigt wurde „arisch“ zu sein. In der wissenschaftlichen Aufarbeitung geht es auch um die Rolle von Spieler Hans Mock, der bei der SA war, den hohen SS-Funktionär Ernst Kaltenbrunner, der zum Ehrenpräsidenten ernannt wurde, und Karl Sesta und Matthias Sindelar, die von „Arisierungen“ profitierten. Wie schon der Buchtitel naheliegt, ähnelte die Situation bei der Austria jener anderer Klubs. „Die Austria sollte ein ganz normaler Wiener Sportverein werden“, sagt Marschik. „Die Umbauphase war im Herbst 1938 abgeschlossen.“
Blau-Gelbe Schrift
Ein besonders erfolgreicher Fußballverein aus Wien war während des Nationalsozialismus der First Vienna FC. Der Klub gewann 1943 den „Tschammer-Pokal“ und dreimal die regionale Meisterschaft. Doch auch bei der Vienna lässt sich die Geschichte nicht so einfach erzählen, schließlich hat der Klub auch jüdische Opfer zu beklagen. Schon im Sommer erinnerte die aktive Fanszene an den 1942 deportierten und 1944 ermordeten ehemaligen Funktionär Rudolf Grünwald. Beim Heimspiel gegen Siemens Großfeld zeigten die Anhänger eine Überrollfahne mit dem Porträt Grünwalds.
Für das Spiel im Wiener Cup Ende November gegen Maccabi Wien, den einzigen dezidiert jüdischen Verein der Stadt, hat der Fandachverband „Vienna Supporters“ das Gedenkheft „Vertrieben und ermordet. Jüdische Mitglieder des First Vienna Football Club 1894“ herausgegeben. Auf 28 Seiten wird den jüdischen Opfern der Vienna gedacht. Der Fandachverband möchte mit der Publikation einen Anstoß liefern, sich intensiver mit der Vergangenheit des Klubs auseinanderzusetzen.
Grüner Stein
Noch erfolgreicher als die Vienna war im Nationalsozialismus der SK Rapid, der Klub gewann die „Großdeutsche Meisterschaft“, den „Tschammer-Pokal“ und drei regionale Titel. Seiner NS-Vergangenheit hat sich der Klubs bereits vor einigen Jahren gestellt, 2011 erschien die wissenschaftliche Aufarbeitung „Grün-Weiß unterm Hakenkreuz“. Das Erinnern an Täter und Mitläufer und das Gedenken an Opfer ist ständiges Thema im Vereinsmuseum Rapideum. „Niemals vergessen“ steht dort auf einer der zahlreichen Schubladen, die die Vereinsgeschichte erzählen – sie lässt sich als einzige nicht schließen. Zudem fänden etwa einmal im Monat Spezialführungen zum Thema statt, sagt Museumskurator Thorsten Leitgeb. „Im September waren die Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer und die ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten gemeinsam da“, sagt er. Die Spieler diverser Jahrgänge werden im Museum auch mit der NS-Geschichte des Klubs konfrontiert. Bei einigen dürfte das Eindruck hinterlassen haben. Als Maximilian Wöber 2017 maturierte, verfasste er eine vorwissenschaftliche Arbeit zu dem Thema. „Er ist dann zum Museumsteam gekommen und hat uns befragt“, sagt Leitgeb.
Eine besondere Rolle im Gedenken der Rapidler nimmt Wilhelm Goldschmidt ein. Er gilt als der Namensgeber des Vereins, schließlich brachte er im Jänner 1899 den Antrag ein, den 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club in Sportklub Rapid umzubenennen. 1942 wurde er als Jude ins Ghetto Izbica deportiert und dort getötet. Vor zwei Jahren gedachte der Block West des ermordeten Rapidlers mit einem Transparent, nun will der Klub anlässlich des 120. Vereinsjubiläums an Goldschmidt erinnern. Auf Initiative des Rapideums wird am 8. Jänner vor der Wohnung, aus der Goldschmidt vertrieben wurde, in der Großen Schiffgasse 22 in Wien-Leopoldstadt ein Gedenkstein eingeweiht. „Für uns ist es wichtig, auf diese Geschichte hinzuweisen. Um unseren Namensgeber Wilhelm Goldschmidt zu ehren“, sagt Rapid-Geschäftsführer Christoph Peschek. „Aber auch um zu zeigen, dass sich nationalsozialistisches Gedankengut und Rapid nicht vertragen.“