An den Ereignissen rund um das Auswärtsspiel des FC Sankt Pauli in Bielefeld scheiden sich die Geister: Für die Polizei war der Großeinsatz eine Verteidigung des Rechtsstaats, für Fans und Verein ein Eingriff in Grundrechte.
Stell dir vor, dein Verein wird Tabellenführer, und du bist nicht dabei, sondern stehst am Bahnhof in Bielefeld. Den ersten Teil erleben die Fans des FC Sankt Pauli nicht allzu häufig, auf den zweiten dürften sie bei jeglichem Tabellenstand lieber verzichten. Den 2:1-Sieg in Bielefeld konnte nur ein unterbesetzter Auswärtsblock beklatschen, für rund 300 weitere Fans hatte zu diesem Zeitpunkt der Weg durch eine polizeiliche Bearbeitungsstraße gerade erst begonnen. Bis sie wieder zu Hause waren, war der Tag vorbei.
Provokantes Rauchen
Die Geschichte des Zweitligaspiels des FC Sankt Pauli bei Arminia Bielefeld ist insofern typisch, als die Schilderung der Konflikte zwischen Fans und Polizei stark auseinandergeht. Weniger typisch ist, dass der Verein öffentlich aufseiten seiner Fans steht. Der Klub hat den Einsatz kritisiert und prüft juristische Schritte. Daher will die Bundespolizei Nordrhein-Westfalen Fragen des ballestererzu den Ereignissen nicht beantworten. Am Spieltag und unmittelbar danach zeigte sich die Behörde noch weniger zurückhaltend – schon während des Einsatzes gaben lokale Medien die Stellungnahmen der Polizei wider.
Für die Sankt-Pauli-Fans beginnt der Tag früh – um 6.15 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof. Die Zugfahrt dauert viereinhalb Stunden. „Ultra Sankt Pauli“ hat zur gemeinsamen Anreise aufgerufen. Die Reisegruppe aus rund 300 Anhängern besteht jedoch nicht nur aus Ultras. Ein bunter Haufen sei es gewesen, sagt Max, der eigentlich anders heißt. „Da waren auch Leute Mitte 50 mit Kühlbox und Weingläsern dabei.“ Die Fahrt ist zunächst entspannt, die Polizei kommt erst nach rund drei Stunden am Umsteigebahnhof Osnabrück dazu. „Das war nichts Ungewöhnliches“, sagt Max. „Im Zug haben sie sich ganz normal auf die Türen verteilt.“
„Die Polizei hat die Leute erst mit den kleinen Kannen gepfeffert, dann hat einer die Halbliterkartusche herausgeholt und wahllos losgesprüht.“
Max, Sankt-Pauli-Fan
Die Schwierigkeiten beginnen im Niemandsland kurz hinter Osnabrück. Polizisten seien beleidigt worden, Fans hätten ihnen Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen, es sei zu Schubsereien gekommen, sagte Polizeisprecher Carsten Bente dem Onlineportal der Neue Westfälische. Der Rauch taucht auch in Berichten von Fanseite auf. „Angefangen habe das Ganze, weil eine Person im Zug geraucht habe und sich dann nicht ausweisen wollte“, twittert User pantoffelpunk unter Berufung auf Freunde im Zug. Max, der Mitglied der Fanrechteorganisation „Braun-Weisse Hilfe“ ist, berichtet von einem ruppigen Versuch einer Identitätsfeststellung bei zwei Personen. „Da sind mehr Leute darauf aufmerksam geworden“, sagt er. Die Polizisten hätten sie wegdrängen wollen. „Aber der Zug war ja total voll.“ In dieser Situation greifen die Beamten im geschlossenen Waggon zum Pfefferspray.
Pfeffer oder Plastik
Laut den ersten medialen Darstellungen wird der Pfefferspray nicht im fahrenden Zug versprüht, sondern am Bahnhof Melle. Die Polizei habe dort nach den Provokationen Personalien feststellen wollen, sei von Fans mit Fahnenstangen aus Plastik angegriffen und aus dem Zug gedrückt worden. „Die Polizei setzte während des Aufruhrs Schlagstock und Pfefferspray ein, die Täter verschwanden nach der Gewalteskalation unerkannt in der Masse“, schreibt die Neue Westfälische.
Der Fanladen Sankt Pauli, der sozialpädagogische Arbeit mit Fans leistet, sammelt Gedächtnisprotokolle über die Ereignisse rund um das Spiel. Mitarbeiterin Maleen Schero sagt: „Wir haben in keinem Bericht gelesen, dass sich jemand mit Fahnenstangen zur Wehr gesetzt hätte.“ Auch Max widerspricht: „Die Polizei hat die Leute erst mit den kleinen Kannen gepfeffert – aus 50 Zentimetern Abstand“, sagt er. „Dann hat einer die Halbliterkartusche herausgeholt und wahllos losgesprüht.“ Viele husten, vereinzelt erbrechen Fans oder reagieren panisch. Die Polizei habe zunächst zu verhindern versucht, dass jemand in Melle den Zug verlässt. Schließlich dürfen die Reisenden auf den Bahnsteig, manche seien gestanden, andere gelegen, sagt Max. Einige spülen sich die Augen, die Weintrinker verteilen ihre Eiswürfel zum Kühlen.
Die Fans im Gästesektor stellen den Support vorübergehend ein, viele verlassen den Block und begeben sich in den Stadionumlauf.
Der Aufenthalt in Melle verlängert sich, da Verstärkung für die bislang rund 20 Beamten geordert wird. Die Polizei gibt an, die Situation nur so beruhigen zu können – auch das entspricht nicht der Wahrnehmung der Fans. „Die Polizisten sind mit Schlagstöcken in der Hand herumgestanden, aber die Fans haben sich ganz normal bewegt“, sagt Max. „Es hätte dann auch vorbei sein können.“ Für die Polizei fängt es allerdings gerade erst an. Während der Zug nach Bielefeld fährt, schweben dort drei Hubschrauber mit Einheiten der Bereitschaftspolizei ein. Aus der Zugbegleitung von Fans, von denen einer oder zwei rauchen, ist ein Großeinsatz geworden.
Kesseltreiben
Schero ist mit einem Fanbus nach Bielefeld gereist. Als sie am Stadion von einer Kollegin über die Situation im Zug informiert wird, geht sie zum rund eine Viertelstunde entfernten Bahnhof. Die Reisegruppe ist noch nicht eingetroffen, die Polizei schon. „Der Einsatzleiter hat ohne Umschweife gesagt ‚Die werden hier alle kontrolliert und können wieder nach Hause fahren‘“, sagt Schero. „Ich habe zu erklären versucht, dass das die Situation nicht beruhigen wird. Da war die Antwort: ‚Wir sind hier in Nordrhein-Westfalen.‘“
Der hintere Bahnhofseingang wird abgeriegelt, die Fans auf die Betonstufen davor eskortiert und eingekesselt. Inzwischen ist es kurz vor Spielbeginn. „Sie haben durchgesagt: ‚Wer zum Spiel will, kann sich anstellen und seine Personalien abgeben‘“, sagt Max. Er will zwar zum Spiel, aber nicht so. „Ich gebe meine Personalien nicht einfach ab. Da sollen sie mir schon etwas Konkretes vorwerfen.“ Diese Meinung teilt die Mehrheit, nur rund 30 Personen steigen die Stufen hinauf, dort werden in der Bearbeitungsstraße die Personalien erfasst. Eine Garantie für den Spielbesuch ist das nicht. Das Verfahren dauert mehr als anderthalb Stunden, außerdem muss ein Teil der Erfassten die Stufen auf der anderen Seite wieder hinuntergehen, in einen zweiten Kessel. „Die Kriterien dafür waren völlig intransparent“, sagt Schero. „Ein Fan ist mit dem Auto nach Bielefeld gefahren und am Bahnhof dann in den zweiten Kessel gekommen. Der war definitiv nicht in Melle im Zug.“ Die Sozialarbeiterin vermutet, dass die Polizei eine große Fanmenge vom Stadion fernhalten wollte –und zwar unter viel öffentlicher Aufmerksamkeit. Es bleibt – hierüber herrscht Einigkeit – friedlich, die Fans konsultieren ihre Smartphones, um sich über den Spielverlauf zu informieren.
Nebenschauplatz Stadion
Im Stadion hat sich herumgesprochen, was geschehen ist. Die Fans im Gästesektor stellen den Support vorübergehend ein, viele verlassen den Block und begeben sich in den Stadionumlauf. Wohl aus Sorge, es könnte sich eine größere Gruppe Richtung Bahnhof aufmachen, lässt die Polizei die Tore am Gästeblock schließen. Sie werden nach Abpfiff erst durch Arminias Sicherheitsbeauftragten wieder geöffnet.
Widerstand – Die Fans protestieren gegen die Schikanen in Bielefeld
Dass Fans am Verlassen des Stadions gehindert werden, ist einer der Punkte, die in den Stellungnahmen nach dem Spiel kritisiert werden. Nicht nur die Ultras, die Fanrechtsorganisation „Braun-Weisse Hilfe“ und Fanmedien melden sich zu Wort, sondern auch der Verein und Amnesty International. Im Fokus steht dabei die Behandlung der am Bahnhof Eingekesselten, die mehr als sechs Stunden ausharren müssen. Toilettengänge und die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln werden an die Abgabe der Personalien geknüpft. Maleen Schero, die zwischen Kessel und Polizei pendelt, bittet darum, Wasserflaschen kaufen zu dürfen. „Das ist mir mit der Begründung verwehrt worden, dass ich dann ja Wurfgegenstände in den Kessel bringen würde“, sagt sie.
Schließlich wird eine Personalienfeststellung für alle angeordnet. Nach und nach werden die Daten aufgenommen, die Fans durchsucht und Fotos angefertigt. „Wir haben Zugreisende und normale Fußballfans herauskanalisiert und dann von allen anderen die Personalien aufgenommen“, sagt Polizeisprecher Bente der Bild. Alle anderen, das sind 319 Personen, darunter eine zweistellige Anzahl von Minderjährigen.
Der Rechtsstaat sind wir
Gegen halb acht werden die Fans zu einem Zug eskortiert, die Polizei begleitet die Fahrt bis zur Hamburger U-Bahn-Station St. Pauli. Am Millerntorstadion warten vier Einsatzwagen. Die Begleitung, so schreibt die Neue Westfälische zeitgleich, sei nötig, weil „die verärgerte Menge ihren Frust womöglich an Unbeteiligten auslässt“. In ihrer Meldung vom späten Abend berichtet die Polizei von 18 eingeleiteten Ermittlungsverfahren. Zudem seien Vermummungsmaterial, Zahnschutz, Quarzhandschuhe und Fahnenstangen gefunden worden. Ermittelt wird wegen Landfriedensbruchs, gegen zwei Personen zusätzlich wegen Beleidigung, gegen eine wegen Körperverletzung.
„Wir haben eine Anwaltskanzlei beauftragt, das Einleiten rechtlicher Schritte zu prüfen.“
Christoph Pieper, Sankt-Pauli-Pressesprecher
„Der Grund für den Einsatz war, dass wir uns als Rechtsstaat so etwas nicht gefallen lassen“, sagt der Polizeisprecher der Bild. Nicht gefallen lassen wollen sich Verein und Fans wiederum, was in Bielefeld geschehen ist. „Wir haben eine Anwaltskanzlei beauftragt, das Einleiten rechtlicher Schritte zu prüfen. Derzeit werden die Gedächtnisprotokolle ausgewertet“, sagt Sankt Paulis Pressesprecher Christoph Pieper. Das Engagement des Vereins sei enorm hilfreich, sagt Sozialarbeiterin Schero. „Bundesweit fährt die Polizei gerade eine harte Linie gegen Fans. Deswegen ist es wichtig, die Darstellung der Ereignisse nicht nur ihr zu überlassen.“
Von Ermittlungen betroffenen Fans vermittelt die „Braun-Weisse Hilfe“ auf Wunsch Rechtsbeistände. Ihnen droht zudem ein vom DFB verhängtes bundesweites Stadionverbot. Doch Folgen gibt es auch für die 301 übrigen. „Das geht vielen noch im Kopf herum“, sagt Schero. „Das Ohnmachtsgefühl einer solchen Schikane wirkt nach.“
Wir hoffen, dir gefällt dieser Text. Online findest du viele weitere Artikel aus unseremArchiv – kostenlos. Wir freuen uns, wenn du uns einen kleinen Beitrag spendest. Damit hilfst du uns, weiter unabhängig und kritisch zu berichten – und weiter Texte kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
In Deutschland prägen die Fans ihre Klubs nicht nur im Stadion, sondern beteiligen sich bei Mitgliedsversammlungen – und übernehmen Funktionen in den Vereinsgremien. lesen