Alle Prager Vereine rühmen sich ihrer Historie. Dabei überwiegt meist der Blick auf schwarz-weiße Bilder bereits verstorbener Helden. Bei den Bohemians ist das anders: Die größte Vereinslegende, Antonin Panenka, repräsentiert den Verein heute als Ehrenpräsident. Er leistete einen wichtigen Beitrag dazu, dass es den Klub überhaupt noch gibt. Nach der Insolvenz der Bohemians 2005 verzichtete Panenka auf 500.000 Kronen, die ihm der Klub schuldete. Bis heute zeigt er sich dankbar für die Karriere, die ihm sein Verein ermöglicht hat. Nach einer knappen Heimniederlage gegen Teplice nimmt sich Panenka kurz vor seinem 70. Geburtstag Zeit für ein ballesterer-Interview. Bei Bier aus dem Plastikbecher wird aus den angekündigten fünf Minuten letztlich doch eine gute halbe Stunde.
ballesterer: Ist es das Besondere an den Bohemians, dass man den Ehrenpräsidenten einfach so nach einem Spiel treffen kann?
Antonin Panenka: Dieser Klub ist wie eine große Familie. Jeder kennt jeden. Wir haben spezielle Zuschauer, arbeiten mit unseren Fans und sprechen miteinander.
Sind Sie stolz darauf, dass Sie in der Tschechoslowakei nur für die Bohemians gespielt haben?
Ich habe 23 Jahre für den Klub gespielt, manchmal auch in der zweiten Liga. Mit Anfang 20 wollte ich erstklassig spielen und habe Angebote von Slavia und Sparta gehabt, aber die Funktionäre haben einen Wechsel nicht zugelassen. Sie haben gesagt, ich könnte überall in der Tschechoslowakei spielen, nur nicht dort.
Und dann haben Sie den Klub genau vor jenen beiden Saisonen verlassen, in denen die Bohemians erstmals Cupsieger und Meister geworden sind? Haben Sie den Wechsel bereut?
Nein, so ist das Fußballerleben. Ich habe mich für die Bohemians über die Titel gefreut. Zur gleichen Zeit habe ich mit Rapid eine sehr erfolgreiche Zeit gehabt. Ich habe mich also doppelt freuen können.
Wie steht der tschechische Fußball heute da?
Wenn man die internationalen Resultate hernimmt, schaut es nicht so gut aus. Die Nationalmannschaft hat zuletzt sehr schlecht gespielt, auch im Europapokal ist es nicht besonders gut gelaufen. Aber Slavia hat beispielsweise gerade ein sehr gutes Team, und die Nationalmannschaft hat viel Potenzial.
Ist der kreative Stil, der tschechische Mannschaften einst ausgemacht hat, noch erkennbar?
Der Fußball ist sehr schnell und aggressiv geworden. Was mir fehlt, ist die Kreativität: Doppelpässe, überraschende Abspiele, das Spielerische. In meiner Zeit waren in jeder Mannschaft zwei bis drei spezielle Spieler – richtige Regisseure. In der Liga findet man die fast gar nicht mehr.
Versuchen die Bohemians, diesen spielerischen Zugang aufrechtzuerhalten?
Nach den turbulenten letzten Jahren ist es eigentlich ein Wunder, dass der Verein im Mittelfeld der ersten Liga mitspielen kann. Angesichts unserer Möglichkeiten spielen wir einen sehr guten Fußball. Wir sind nicht reich und können nur mit jungen Spielern arbeiten.
Verdanken Sie Ihre Karriere eher dem Talent oder harter Arbeit?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich mit Talent gesegnet war. Ich habe das Training trotzdem ernst genommen. Aber das hat für mich bedeutet, etwas mit dem Ball zu machen. Für mich war es völlig uninteressant, nur zu laufen. Viele Leute sagen, dass ich noch besser geworden wäre, wenn ich mehr trainiert hätte. Ich glaube das nicht.
Hat es einen Unterschied zwischen dem Training in Prag und Wien gegeben?
Bei den Bohemians haben wir zweimal täglich trainiert. Sechs Tage pro Woche, am siebenten Tag war das Spiel. Es war lang, die Trainer haben viel gesprochen und uninteressante Übungen geleitet. Das hat mir zeitweise die Freude am Fußball genommen. In Wien haben wir nur einmal täglich trainiert, mindestens ein Tag pro Woche war frei. Die Einheiten waren kürzer, aber mit hohem Tempo und sehr intensiv.
War das Training bei den Bohemians von einer realsozialistischen Sportphilosophie geprägt?
In der Tschechoslowakei hat sich das Team stark am Kollektiv orientiert. Die besten Spieler haben ihre Stärken in die Mannschaft einbringen müssen. In Österreich war das Spiel auf einzelne Spieler zugeschnitten. Bei Rapid haben alle für ein, zwei Stars wie Hans Krankl gespielt.
Auch für Sie?
Als ich zu Rapid gekommen bin, habe ich keine Ahnung gehabt, wohin ich wechsle. Ich habe nur gewusst, dass sie auch grün-weiß sind. Die Mannschaft war dann super. Und sehr ausgewogen. Es hat kopfballstarke Spieler gegeben, Kämpfer, Läufer und Vollstrecker – es hat alles gepasst.
Was hat es bedeutet, als einer der ersten tschechoslowakischen Spieler ins Ausland wechseln zu dürfen?
Wir haben als Fußballer viele Privilegien gehabt. Wir haben nicht arbeiten müssen und sind für Spiele in den Westen gereist, was für den Rest der Bevölkerung sehr kompliziert war. Als ich mit 32 Jahren ins Ausland wechseln durfte, war das wunderbar. Die viereinhalb Jahre bei Rapid waren die beste Zeit in meinem Fußballerleben. Wir waren zweimal Meister, dreimal Cupsieger, haben jedes Jahr im Europacup gespielt. Wien war eine zweite Heimat.
Welchen Anteil an dem Transfer hat der EM-Titel von 1976 gehabt?
Ohne die Turniere 1976 und 1980 hätte das Sportministerium wahrscheinlich keinen Wechsel ins Ausland zugelassen. Durch das große Interesse an tschechoslowakischen Spielern ist der Druck so hoch geworden, dass sie es schlussendlich denen erlaubt haben, die schon 45-mal fürs Nationalteam gespielt haben.
Tut es Ihnen leid, dass Ihre Karriere oft auf den Elfmeter im EM-Finale 1976 reduziert wird?
Mein Name wird immer mit diesem Penalty verbunden sein. Einerseits bin ich stolz darauf, andererseits ist es schade, dass meine restlichen Leistungen nur in zweiter Reihe stehen. Ich wollte in jeder Begegnung für die Zuschauer spielen: schöne Tore machen, unerwartete Abspiele, gute Kombinationen. Ich wollte immer etwas zeigen, worüber sich die Fans im Gasthaus noch unterhalten.