Am Tag nach dem 6:1 der Austria im Wiener Derby sitzt Herbert Prohaska entspannt im Bistro seines Tennisklubs. „Das war schon ein vorgezogenes Christkindl“, sagt er über den überraschend hohen Sieg seiner Violetten. Aber auch in die Verlierer kann sich der ehemalige Teamchef hineinversetzen. „Gestern hab ich schon mitfühlen können mit Rapid. Ich hab’ ja auch mal neun ‚Stückln’ kriegt in Valencia.“ Psychologisch sei das für Rapid nicht weniger gewesen als „eine komplett am Schädel“, wie der TV-Analytiker meint.
ballesterer.at: Sie sind seit 18 Jahren im Fernsehen. Jüngere Semester kennen Sie nur noch als Analytiker und nicht mehr als Trainer oder sogar Spieler. Worauf werden Sie heute öfter angesprochen?
Herbert Prohaska: Das kommt auf die Altersgruppen an. Die Kinder verbinden mich damit, dass ich Analytiker im Fernsehen bin. Es gibt aber auch welche, die sagen: Das ist der „Mister Kelly“ aus der Chips-Werbung. Das habe ich wirklich schon so erlebt, dass ein Bub in einem Geschäft mit seiner Mutter getuschelt hat. Die ist dann zu mir gekommen und hat gefragt: „Mein Sohn hat gesagt, Sie sind der ‚Mister Kelly’, darf ich ein Foto von Ihnen machen?“ Aber die meisten Leute erkennen mich noch immer als Fußballer. Je älter sie sind, desto mehr natürlich. Aber mit den Jungen ist es lustig. Ich habe vier Enkelkinder, und der kleinere Bub spielt oft mit mir Fußball im Keller. Natürlich lasse ich ihn immer gewinnen. Aber er hat schon einmal meiner Tochter gesagt: „Du erzählst immer, der Opi ist so ein guter Spieler gewesen. Aber gegen mich verliert er immer.“
Man kennt Sie als jemanden, der seit der aktiven Karriere viel Schmäh und Selbstironie bewiesen hat. Trauen Sie das auch den Spielern von heute zu?
Während der Karriere ist es wahrscheinlich schwerer, ironisch oder lustig zu sein. Die Medien haben viel mehr Bedeutung heute. Ich bin seit 18 Jahren aus dem Geschäft draußen und kann mir das viel eher leisten. Es gibt noch immer genügend „Typen“, aber sie haben andere Prioritäten als früher. Für uns war es im Trainingslager das Kartenspielen oder Würfeln, also immer zusammen zu sein. Das müssen die Spieler heute nicht. Wenn sie das Handy haben, reicht es den meisten. Ich denke, dass es zu meiner Zeit schöner war und die Mannschaft viel mehr zusammengewachsen ist. Heute ist alles viel professioneller. Aber die Spieler gehen halt in die Arbeit. Sie treffen sich in der Kabine mit den Arbeitskollegen und schauen, dass sie ihren Job gut erledigen. Ich glaube nicht, dass es noch viele Freundschaften gibt.
Liegt das daran, dass die Spieler heute schneller die Vereine wechseln?
Das ist natürlich auch ein Punkt, der sich verändert hat. Das war zu unserer Zeit nicht möglich, da warst du im Besitz deines Klubs und bist nur weggekommen, wenn die Ablöse gestimmt hat. Ich habe bei der Austria sicher mit sechs, sieben Spielern über zehn Jahre zusammengespielt. Das kriegst du heute nirgends mehr auf der Welt.
Bei Ihren TV-Analysen rennt oft lange der Schmäh. Denken Sie sich manchmal: Ich hätte mehr sagen wollen, aber es war zu lustig?
Der Schmäh rennt bei Großereignissen mehr, wenn du fast jeden Tag am Schirm bist. Da kann es nicht immer trocken sein. Wenn es nur ein Livespiel gibt – ein Länderspiel oder in der Champions League –, dann geht das nicht, weil man sich auf das Spiel konzentrieren muss. Aber bei der WM hat es Abende gegeben, wo ich bei drei Matches gesessen bin. Und da muss hin und wieder – wenn es passt – schon ein Schmäh rauskommen.
Was sagen Sie dazu, dass die österreichische Bundesliga nur mehr im Pay-TV läuft?
Aus meiner Sicht trifft es die großen Sponsoren am härtesten. Da geht’s mir nicht darum, dass ich seit 18 Jahren beim ORF arbeite, aber dort schauen im Free-TV hundertprozentig zehn Mal mehr Menschen zu. Zu meiner Zeit waren die Sponsoren fast noch Gönner. Heute wollen sie ein richtiges Sponsorpaket und auch wissen: Wie viele Leute sehen mein Produkt? Das ist schlecht, weil auch das Fernsehgeld für die Klubs viel zu wenig ist. Aber du musst es nehmen, weil du keinen anderen Anbieter hast. Die Deutschen kriegen pro Saison über eine Milliarde. Und wir kriegen 34 Millionen? Ich will uns nicht mit Deutschland vergleichen, das zehn Mal so groß ist – sie sollen das Zehnfache bekommen, aber wenn wir zehn Prozent bekommen, sind es immer noch 100 Millionen.
Was heißt das für den österreichischen Fußball?
Wenn ich mit meinen Freunden diskutiere, sage ich: Heute in Österreich Trainer zu sein, ist nicht mehr lustig. Weil als Trainer hast du die Aufgabe, einzelne Spieler zu verbessern und die Mannschaft zu verbessern. Sobald du jetzt zwei gute Spieler hast, sind sie weg, und du fängst wieder von vorne an. Wirklich weiterentwickeln kannst du die Mannschaft so nicht. Und das Geld, um sie zu verstärken, hat auch nur ein Klub. Für die bescheidenen Mittel müssen wir eigentlich mit unserem Fußball sehr zufrieden sein. Wir haben eine gute Nationalmannschaft und zwei Teams in der K.o.-Phase der Europa League. Mehr können wir nicht erwarten.
Was war in den letzten Jahren Bundesliga Ihr persönliches Highlight?
Das ist schwer, weil ich leider Gottes – oder Gott sei Dank – in der Lage bin, so viele Spiele zu sehen wie nie zuvor. Jedes Spiel, bei dem du den Eindruck hast, beide Mannschaften wollen offensiv spielen und gewinnen, ist für mich ein Highlight. Ich finde, der Fußball ist schon ein bisserl zu viel Taktik geworden. Das soll nicht überheblich klingen, aber für mich hat die deutsche Bundesliga enorm verloren. Vier, fünf Mannschaften sehe ich gern, der Rest spielt gleich. Niemand traut sich, den Ball herauszuspielen. Es geht nur hin und her, zum Goalmann und so weiter. Ich will aber gar nicht von meiner aktiven Zeit reden. Der Fußball ist auf alle Fälle viel besser geworden: athletischer, schneller, technisch perfekt. Aber ob er deshalb schöner anzuschauen ist, das bezweifle ich.
Haben Sie auch einmal genug davon, sich nur mit Fußball zu beschäftigen?
Ich bin kürzlich gefragt worden, ob mir das nicht irgendwann auf die Nerven geht mit dem Fußball. Ich habe gesagt: „Ich kann ja nichts anderes und weiß nichts anderes“. Wenn mir das auch auf die Nerven geht, hab ich ja nichts mehr außer meiner Familie. Die ist natürlich das Wichtigste für mich. Aber es liegt auf der Hand: Fußball ist halt da und es wird mir nie fad werden.
Herbert Prohaska (63) spielte bis 1989 bei der Wiener Austria, war zwei Mal Trainer in Favoriten und trainierte von 1993 bis 1999 das Nationalteam. Seit 2000 ist er als Analytiker beim ORF tätig.