Historiker streiten darüber, welche Rolle die Eisenbahn für die Entwicklung des Fußballs gespielt hat. Half sie Ende des 19. Jahrhunderts schlicht dabei, den Sport in allen Teilen des Vereinigten Königreichs bekannt zu machen, oder war die Nähe zu einem Bahnhof wie im Fall des Chelsea FC ein entscheidender Vorteil, um die Anreise vieler Zuschauer zu ermöglichen? Waren die Züge nur bei großen Länderspielen voller Anhänger oder auch bei kleineren FA-Cup-Spielen? Fest steht, dass der Fußballsport schon früh Anhänger zum Reisen animierte.
Mehr als 100 Jahre später ist aus den gezielten Reisen um der Spielbesuche willen ein Hobby geworden, seit den 1980er Jahren ist dafür der Begriff Groundhopping gebräuchlich. Grenzen sind heute zumindest in Europa und für Europäer relativ leicht überwindbar, Spielansetzungen auch in der untersten Liga des kleinsten Verbands über das Internet von überall auffindbar. Das Planen von kostengünstigen Touren ist heute einfacher als früher, nötig ist neben Einfallsreichtum und Erfahrung aber auch die Bereitschaft, private und berufliche Abstriche zu machen.
Klub der Krawattenträger
Die Wurzeln des Groundhopping liegen in England, 1974 schlug Geoff Rose im Magazin Football League Review vor, eine besondere Krawatte für die Anhänger zu produzieren, die alle 92 Stadien der höchsten vier Spielklassen besucht hätten. Im November 1977 berichtete die Presse in Bristol, dass Alf und Pauline Small das Ziel erreicht hätten. Mit einem Besuch im Ashton Gate von Bristol City sollen sie Spiele in allen 92 Profistadien gesehen haben. Die englische Liga freute sich über das neue Hobby und unterstützte im Mai 1978 die von Bristol-Rovers-Fan Gordon Pearce eingereichte Idee, einen exklusiven Klub für diejenigen zu gründen, die alle 92 Stadien abhaken können. Der Vorschlag wurde über Tageszeitungen und Stadionmagazine verbreitet, und bereits ein Monat später hoben 39 Mitglieder den „92 Club“ aus der Taufe. Am 2. September 1978 kam es zu einem ersten Treffen, als Ort wurde das Stadion von Wigan Athletic gewählt. Kein Zufall, war Wigan doch ein noch blinder Fleck in der Liste, der Klub war gerade erst aufgestiegen. Weitere regelmäßige Treffen folgten, die Orte wurden so ausgewählt, dass alle vier Ligen und alle fünf Regionalgebiete abgedeckt waren. Jährlich organisierte der „92 Club“ sechs bis acht Stadionbesuche, häufig bei Liganeulingen.
Mehr als 40 Jahre später finden solche Klubtreffen nicht mehr statt. Die Mitgliederzahl ist mit rund 1.500 einfach zu groß, außerdem laufen sich die Mitglieder ohnehin auf den Fußballplätzen über den Weg. Ein Regelwerk definiert, wer Mitglied werden kann, eine genaue Dokumentation der Spielbesuche samt detaillierter Statistik ist stets erforderlich. Zu den bekanntesten Mitgliedern gehören Ken Ferris und Ed Wood, die sich ein langjähriges Rennen um die schnellste Komplettierung der 92 Spielstätten liefern. 1995 löste Ferris Wood mit 237 Tagen ab und erhielt dafür einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Zwölf Jahre später konnte sich Wood den Titel als Rekordhalter mit 189 Tagen zurückholen.
Auch wenn Groundhopping mittlerweile ein gesamteuropäisches Phänomen ist, unterscheiden sich die Gewohnheiten auf der Insel noch heute von denen auf dem Kontinent. Die Prioritäten liegen für englische Hopper auf der Insel: Wer den „92 Club“ abgeschlossen hat, kann sich zum Beispiel am „38 Club“ in Schottland versuchen. Außerdem gibt es immer die Option, in tiefere Regionen vorzudringen. Der Non-League-Fußball begeistert die Groundhopper dank günstiger Eintrittskarten und des Charmes des Unterhauses. Einmal im Jahr, zum „Eastern Hop“, erfolgen die Ansetzungen mehrerer Klassen sogar so, dass die Groundhopper ein Spiel nach dem anderen besuchen können. Die Ligen konkurrieren darum, wer mehr Hopper anzieht.
Keine Vereinsmeier
Vergleichbare Institutionen wie den „92 Club“ gibt es auf dem Kontinent nicht, in Deutschland gab es aber einen Versuch in diese Richtung. Nach der WM 1990 reisten viele von der italienischen Stadionatmosphäre angetane deutsche Fans regelmäßig in den Süden, 1992 gründeten einige von ihnen die Vereinigung der Groundhopper Deutschlands. Ihr Regelwerk setzte hohe Hürden: Anfangs reichten noch 100 besuchte Stadien und zehn besuchte Länder für eine Mitgliedschaft. Später wurde eine Verschärfung auf 300 Spiele und 30 Länder beschlossen. Die Organisation erhielt dadurch einen elitären Anstrich, was nicht jedem gefiel. Junge Groundhopper strebten oft gar nicht danach, diesem Kreis anzugehören. Sie brauchten keinen Verband, um sich als Groundhopper zu definieren. Stattdessen folgten sie lieber ihren eigenen – mal strengeren, mal lockeren – Regeln für das Sammeln von Stadion- und Länderpunkten.
Heute lässt sich das Groundhopping ohnehin nicht mehr so starr definieren, denn es gibt zahlreiche Abwandlungen. Am bekanntesten sind wohl die Groundspotter, die Stadien ganz ohne Spielbesuche in Augenschein nehmen. Dadurch können sie auch längst aufgegebene Spielstätten sammeln – und die engen Vorgaben des Spielplans umgehen. Andere Hopper entwickeln ihre ganz eigenen Zählkategorien: Beispielsweise solche, in denen nur Stadien angefahren werden, wenn das eigentlich geplante Spiel abgesagt wird. Oder bei denen nur Spiele zählen, die nicht 0:0 ausgehen. Oder bei denen der Hopper einen ins Out fliegenden Ball wieder direkt ins Spielfeld köpfeln kann.