Der jüngste, Jon-Paul Gilhooley, wäre heute 40 Jahre alt, der älteste, Gerard Bernard Patrick Baron, fast 100. Sie sind zwei von 96. Sieben von ihnen waren Frauen. Die meisten lebten in Liverpool und Umgebung. Alle waren nach Sheffield gekommen, um am Nachmittag ein Spiel ihres Vereins zu sehen und abends wieder zu Hause zu sein. Doch sie starben an diesem 15. April 1989 im Hillsborough- Stadion. Das Unglück während des FA-Cup-Halbfinales zwischen Nottingham Forest und dem Liverpool FC gehört mit 96 Toten und mehr als 700 Verletzten zu den schwerwiegendsten im europäischen Fußball. Die Menschen starben in einem völlig überfüllten Block, weitere Fans drängten durch einen geöffneten Zugang in den Sektor, während der rettende Weg aufs Feld versperrt blieb. Hillsborough liegt mehr als eine Generation zurück, der Fußball, der Verein und die Stadt Liverpool haben sich verändert. Doch für die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer von Hillsborough hat es nie einen Abschluss gegeben.
KEIN UNFALL
Die Planungen für den Gedenktag in Anfield fielen heuer kleiner aus. Eine Zeremonie für die Angehörigen in der Stadionkapelle soll zum 30. Jahrestag der Katastrophe die öffentliche Veranstaltung im Stadion ersetzen. Margaret Aspinall, die Vorsitzende der „Hillsborough Family Support Group“, sagte: „Ich möchte den Fans für all das danken, was sie in den vielen Jahren getan haben. Am liebsten hätten wir den Tag mit allen gemeinsam begangen, aber das ist im Moment nicht möglich. Wir wollen das Verfahren nicht beeinflussen.“ Denn im Jänner begann der Prozess gegen David Duckenfield, den damaligen Einsatzleiter der Polizei, und Graham Mackrell, einen früheren Funktionär von Sheffield Wednesday.
Die beiden sind heute in Pension und wären wohl schon vor 30 Jahren vor Gericht gestanden, wenn die Geschichte von Hillsborough nicht auch eine von Lügen und Verleumdungen wäre. „Rund zwei Jahrzehnte lang galt Hillsborough als Unfall. Und wenn nicht, dann als unvermeidbar. So waren Fans nun einmal, so waren Stadien und so war Fußball in den 1980er Jahren. Aber Hillsborough war kein Unfall, und es war nicht unvermeidbar“, schreibt Adrian Tempany in „And the Sun Shines Now“. Tempany ist heute 49 und einer der Überlebenden der Katastrophe. Er schildert in dem Buch seine Erlebnisse am 15. April 1989 und den Jahren danach – den Zorn, die Trauer und das Misstrauen derjenigen, denen nicht nur ein Unglück, sondern auch noch Ungerechtigkeit widerfahren ist.
DER FEIND IM INNEREN
Hillsborough und seine Folgen lassen sich ohne die damalige Sicht auf den Fußball nicht erklären. Im Vereinigten Königreich von Premierministerin Margaret Thatcher zählten Fußballfans wenig bis nichts. Gemeinsam mit der IRA, schwarzen Jugendlichen und militanten Gewerkschaftern galten sie ihrer Regierung als enemy within, Feinde im Inneren. Diese Sicht teilten auch viele Medien. Fußball, schrieb die Sunday Times, sei „ein schäbiger Sport in schäbigen Stadien für schäbige Leute, die anständige Menschen fernhalten“ würden. Das war 1985 – das Jahr, in dem der Tribünenbrand im Valley Parade von Bradford City 56 Menschen das Leben kostete und beim Europacupfinale im Brüsseler Heysel-Stadion 39 Fans totgetrampelt wurden. Dass in Bradford so viele Menschen starben, lag an mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Für die Katastrophe in Brüssel trugen Liverpool-Fans, die den Sektor der Juventus-Anhänger stürmen wollten, eine große Mitschuld.
Fans war alles zuzutrauen, erst recht denen aus Liverpool, und ihnen war auch alles in die Schuhe zu schieben. Die Manipulationen dessen, was im Stadion von Sheffield geschah, begannen noch am selben Tag. Aussagen von Überlebenden wie Tempany wurden nicht korrekt aufgenommen, Augenzeugen eingeschüchtert. Die Sun berichtete mit Berufung auf die Polizei, Liverpool-Fans seien betrunken und ohne Tickets ins Stadion gekommen, hätten Sanitäter behindert und Leichen geplündert. All das war falsch. Angesichts der Lügen und Vertuschungen ist es erstaunlich, dass die erste Untersuchung über das Unglück, die Richter Peter Taylor im Auftrag der Regierung verfasste, eine andere Sicht darlegte: Er kritisierte die Sicherheitsvorkehrungen, das Verhalten der Ordnungskräfte, insbesondere das der Polizei und David Duckenfields. Zwar habe der Einsatzleiter in der Befragung Fehler eingeräumt, doch niemand sonst. „Die Polizei war nicht bereit, eine Mitverantwortung einzugestehen. Sie warf den Fans vor, verspätet und betrunken gewesen zu sein“, schrieb Taylor im August 1989. Mit der Reichweite der Sun konnte sein vorläufiger Bericht nicht konkurrieren. Der Abschlussbericht im folgenden Jahr konzentrierte sich weniger auf die Ursachen des Unglücks als auf Maßnahmen für die Zukunft: Taylor empfahl eine Modernisierung der Stadien und einen weitgehenden Verzicht auf Stehplätze. Diese Empfehlungen wurden umgesetzt und veränderten den englischen Fußball. Taylors Kritik an den Behörden hatte keine Folgen. Das Bild der Fans, die an ihrem Tod selbst schuld waren, blieb bestehen.
NICHT SCHULDIG
Die Bewohner von Liverpool vergaßen die Wahrheit jedoch nicht. „Don’t buy the Sun“ wurde ebenso zum Slogan wie „Justice for the 96“. Dieser Ruf schallte Sportminister Andrew Burnham entgegen, als er 2009 bei der Gedenkveranstaltung in Anfield sprach. „Wenn ich nicht der Minister gewesen wäre, hätte ich zu denen gehört, die den Minister angeschrien haben“, sagte Burnham, ein Everton-Anhänger, später. „Es war vielleicht ihre letzte Chance, die Aufmerksamkeit auf Hillsborough zu lenken.“ Burnham nutzte sie, die damalige Labour-Regierung beschloss eine neue Untersuchung. 2012 lagen die Ergebnisse vor. Es fiel dem Tory-Premierminister James Cameron zu, sich nach 23 Jahren bei den Überlebenden und den Familien der Opfer zu entschuldigen: „Der Bericht könnte nicht klarer sein. Die Liverpool-Fans waren nicht schuld an dem Unglück.“
Die Untersuchung führte nun zum Prozess gegen Duckenfield und Mackrell. Anfang April verurteilte die Jury den früheren Funktionär wegen Nichteinhaltens der Sicherheitsvorschriften. Im Fall von Duckenfield lautete die Anklage auf grob fahrlässige Tötung, doch die Jury konnte sich nicht auf ein Urteil einigen. Vermutlich wird der Prozess wiederholt. Für den Herbst ist zudem ein weiteres Verfahren gegen zwei Polizisten und den Anwalt der Polizeibehörde wegen Behinderung der Justiz geplant. Es könnte nach mehr als 30 Jahren das letzte sein.
Multimedial
Eine aktuelle Dokumentation zu Hillsborough könnt ihr euch in der Mediathek des NDR anschauen. Ole Zeisler, der Autor von „30 Jahre nach der Hillsborough-Katastrophe“, berichtet im Rasenfunk-Tribünengespräch von seinen Recherchen.