Während der SV Austria Salzburg 1994 im UEFA-Cup die Weiten des Praterstadions füllt, muss der SK Rapid in den engen Gassen der Inneren Stadt um seine Existenz bangen. Die Entscheidungen zur Zukunft des Vereins fallen an der Börse und am Handelsgericht. Am 23. März 1994 zieht die Bank Austria einen Schlussstrich, sie lässt den Handel mit den Rapid-Aktien aussetzen. 354 Schilling bekommt man zuletzt noch dafür, das entspricht nicht einmal einem Drittel des Werts bei der Emission. Zwei Wochen später genehmigt das Handelsgericht den Zwangsausgleich.
Attraktive Aktien
Drei Jahre zuvor gelten die Hütteldorfer mit ihrem Börsengang als Vorreiter. Die Aussicht, durch Aktienverkauf schnelles Geld zu lukrieren, kommt im chronisch defizitären Fußballgeschäft gut an. FC-Tirol-Präsident Gernot Langes spekuliert öffentlich mit der Möglichkeit, Austria-Vorstand Joschi Walter findet die Idee reizvoll, und auch ÖFB-Präsident Beppo Mauhart befürwortet die Umwandlung der Vereine in Aktiengesellschaften. Er verspricht sich davon eine breite Eigenkapitalbasis der Klubs. Rapids Fiasko wird allen eine Lehre sein, bis heute hat kein österreichischer Klub sein Glück mehr an der Börse versucht.
Im Frühjahr 1991 hat Rapid gerade zum ersten Mal seit elf Jahren die Qualifikation für das internationale Geschäft versäumt. Sportlich ist der fünfte Platz eine Enttäuschung, wirtschaftlich sieht es nicht besser aus. Die Hauptsponsoren, die Creditanstalt und die ÖMV-Tochter Elan, steigen aus. Das hohe Gehalt von Trainer Hans Krankl belastet das Budget, sein Abgang steht ebenso im Raum wie jener von Jan Age Fjörtoft und Andreas Herzog. Die Klubführung gibt sich optimistisch, Vizepräsident Helmut Böhmert sagt dem Standard: „Wir finden sicher bald neue Sponsoren. Wir sind ja attraktiv.“
Als die Sponsoren ausbleiben, ist es Zeit für wagemutige Ideen: Ein Börsengang soll die Rettung bringen. Befürwortet wird er von Spielerberater und Rechtsanwalt Skender Fani. Seit fünf Jahren sitzt der enge Freund von Hans Krankl im Rapid-Präsidium, dort kann er einen ausgewiesenen Experten zum Thema präsentieren: den 32-jährigen Banker Michael Margules. Bereits 1988 hat Margules einen Artikel für das Wirtschaftsmagazin Gewinn verfasst, in dem er über die Vorteile eines Börsengangs von Fußballvereinen schreibt. Rapid, die Wiener Austria und der FC Tirol könnten damit „kräftig absahnen“, mutmaßt er damals. Margules hat auch den passenden Partner zur Hand, denn er sitzt im Vorstand der Vindobona-Privatbank. Die 1991 gegründete Bank hat sich schnell einen Namen gemacht, sie ist darauf spezialisiert, Unternehmen an die Börse zu bringen. Geleitet wird sie vom ebenfalls 32-jährigen Michael Lielacher, dem Star der Wiener Aktienszene, wie ihn die Presse nennt. Mitte der 1980er Jahre hat er sich an der Börse den Spitznamen „Der Bulle von Wien“ erarbeitet. Fani, Margules und Lielacher wollen gemeinsam Geschichte schreiben, sie wollen alle wirtschaftlichen Probleme Rapids lösen und dabei ordentlich verdienen.
Speed kills
„Der Verein war total pleite“, sagt Margules heute. Über Rapid hat er seit 25 Jahren nicht mehr öffentlich gesprochen. Auch die ballesterer-Anfrage lehnt er zunächst ab, schließlich will er seine Sicht der Dinge aber doch darlegen. „Wir haben bei der Umsetzung Fehler gemacht“, sagt er. „Aber wir haben schnell an die Börse gehen müssen, sonst wäre der Verein in Konkurs gegangen.“
Ende August präsentiert Rapid die Zusammenarbeit mit der Vindobona-Bank, zwei Wochen später sind die Aktien im Umlauf. Margules wird Finanzvorstand der neu gegründeten Rapid AG, die die Markenrechte am Klub und die Transferrechte an den Spielern erhält. Der Verein sichert sich eine Sperrminorität von 25 Prozent und einer Aktie. Kurz herrscht Euphorie. Die Vindobona-Bank verkündet die Aussicht auf eine Rendite von mindestens sechs Prozent, Fani prophezeit einen Millionengewinn, und Klubpräsident Anton Benya zeigt sich begeistert. „Mit dem Börsengang ist die Existenz des Vereins endlich gesichert“, sagt der langjährige SPÖ-Abgeordnete und ÖGB-Vorsitzende. Doch das Präsidium handelt unter Vorbehalten. „Die alten Funktionäre haben Fani nicht vertraut“, sagt Margules.
Auch größere Investoren scheinen dem Projekt nicht zu trauen, das Risiko ist den Anlegern zu groß. Die Nachfrage kommt vor allem von Fans. Sie sind die einzigen, die tatsächlich bereit sind, 1.100 Schilling für die Aktie zu zahlen. Knapp 2.500 Aktien verkaufen sich in den ersten Tagen. Die Einnahmen reichen gerade einmal aus, um die dringendsten Verbindlichkeiten zu bedienen. Immer neue Budgetlöcher tauchen auf, die Margules nicht einberechnet hatte. „Es gibt hier nichts zu beschönigen“, sagt er. „Die Börseneinführung ist von uns nicht ausreichend vorbereitet worden.“ Schon im Oktober hat die Aktie 30 Prozent ihres Werts verloren.
Bankenrettung
Kein halbes Jahr später bricht der Kurs endgültig ein. Margules wird am 2. März 1992 am Flughafen in New York verhaftet. Er habe, so der Vorwurf der Behörden, Geschäfte mit Drogendealern gemacht. Tatsächlich hat er im Herbst 1991 bei der VIP-Bank für einen Kunden aus den USA ein Konto eröffnet. Der aber ist ein verdeckter Ermittler, der vorgibt, das Geld stamme aus dem Drogenhandel. Margules sitzt sechs Monate in Untersuchungshaft, anschließend darf er über ein Jahr nicht ausreisen. Er beteuert seine Unschuld. Der Anleger habe nie erwähnt, woher das Geld komme. „Unter Bankern war es nicht üblich, Fragen zu stellen“, sagt Margules. Im Oktober 1994 wird er schließlich verurteilt. Nicht wegen Geldwäsche, sondern wegen der Entgegennahme verdächtiger Bargeldsummen, ohne dies mit den Behörden abgeklärt zu haben, wie es im Gesetzestext heißt. Die einjährige Haftstrafe muss er nicht antreten. Nach seiner Rückkehr nach Wien zieht sich Margules aus der Öffentlichkeit zurück. „Ich hatte mit Geldwäsche nichts zu tun“, sagt er.
Die juristischen Turbulenzen des Finanzvorstands betreffen Rapid nicht direkt, doch sie versetzen der Aktie einen weiteren Tiefschlag. Der Kurs rutscht auf 540 Schilling ab, die Rapid AG versucht vergeblich, den Handel mit den Papieren zu sperren. Auch die Vindobona-Bank ist schwer angeschlagen. Ihr Geschäft lässt nach, sie wird im Dezember 1992 von der Bank Austria übernommen. Damit erbt die Bank Austria auch fast 40 Prozent der Rapid-Aktien aus dem Besitz der Vindobona-Bank.
Sie wird somit Mehrheitseigentümerin der Rapid AG und übernimmt die Sanierung des Vereins. Die Bank Austria liquidiert die Aktiengesellschaft und finanziert die für den Ausgleich notwendigen 40 Prozent der knapp 60 Millionen Schilling Schulden. Der Klub überlebt dank seines Namens. „Es hat ein großes öffentliches Interesse daran gegeben, Rapid nicht in Konkurs gehen zu lassen“, sagt Günter Kaltenbrunner. Der frühere Ressortleiter der Bank Austria wird 1996 zum Vereinspräsidenten gewählt. Den Absolventen der Weltwirtschaftslehre verbindet eine Vergangenheit mit dem Verein. Zwei Saisonen spielte er in den 1960er Jahren bei Rapid und wurde Meister und Cupsieger. „Als die Rettung konkrete Züge angenommen hat, bin ich gefragt worden, ob ich diese Funktion einnehmen möchte“, sagt er im ballesterer-Gespräch in einem italienischen Restaurant in der Wiener Innenstadt. „Ich konnte nicht anders, mein Herz hängt an Rapid.“
Nur Sparmeister
Der Verein fährt einen Sparkurs, dennoch spielt die Mannschaft 1995/96 eine der besten Saisonen der Geschichte: Rapid wird Meister und zieht im Cup der Cupsieger ins Finale ein. Doch die Spieler sind nicht zu halten. Carsten Jancker wechselt noch im Sommer zu den Bayern. Dietmar Kühbauer, Michael Konsel, Peter Stöger und Trifon Iwanow verlassen Rapid im Jahr darauf. „Das Ziel war es, den Verein zu sanieren“, sagt Kaltenbrunner. „Dafür haben wir auf den Nachwuchs setzen müssen.“
Werner Kuhn, den der Präsident ebenfalls von der Bank Austria holt, wird Manager – er muss das Budget im Auge behalten. Rapid kann mit der finanziellen Übermacht des FC Tirol und des SK Sturm nicht mithalten, der Klub erhält das Image eines Sparvereins. Kaltenbrunners Nachfolger Rudolf Edlinger versucht, aus der Not eine Tugend zu machen, bei der Bundesliga setzt er sich für strengere Auflagen bei der Lizenzierung ein. Im April 2002, ein Monat vor dem Konkursantrag der Tiroler, sagt er der APA: „Wir müssen uns endlich mit einer seriösen Fußballfinanzierung in Österreich beschäftigen.“ Im Juni 2003 setzt die Bank Austria abermals einen Schlussstrich. Sie kündigt an, den Deal als Hauptsponsor mit Rapid nicht zu verlängern. Nach kolportierten Zahlungen von 50 Millionen Euro beendet sie ihr Engagement in Hütteldorf.
Mitarbeit: Benjamin Schacherl