Sie haben einen Lauf. Lange hat der Frauenfußball in Spanien ein Schattendasein gefristet, die Spielerinnen haben weder in der Liga noch im Nationalteam angemessene Strukturen vorgefunden. Seit dem Vorrundenausscheiden bei der WM 2015 in Kanada hat ein Umdenken stattgefunden. Der Verband hat die Infrastruktur verbessert und die Gagen der Teamspielerinnen erhöht. Im Sommer 2016 wurde der Ligabetrieb neu aufgestellt und professionalisiert. Seither hagelt es gute Nachrichten. Bei der EM 2017 scheiterten die Spanierinnen erst im Viertelfinale im Elfmeterschießen an Österreich. 2018 holten sie die Titel bei den U17- und U19-EM-Turnieren und zogen in das Finale der U21-WM ein. Der FC Barcelona steht heuer wie schon 2017 im Halbfinale der Champions League. Und dann gibt es ja auch noch den Weltrekord.
Ein wachsender Markt
Mitte März kommt es zum Spitzenspiel in der Liga: Atletico Madrid gegen den FC Barcelona. Das Match wird in die 2017 eröffnete Spielstätte des Männerteams verlegt. Beide Teams rühren die Werbetrommel, dazu sind die Karten günstig und für Abobesitzer der Heimmannschaft gratis. Am 17. März 2019 wird schließlich Geschichte geschrieben. Das mit 60.739 Fans fast ausverkaufte Metropolitano knackt den Weltrekord für ein Vereinsspiel im Frauenfußball. Einen ziemlich alten Weltrekord. 1920 hatten im Goodison Park mehr als 53.000 der Partie des Dick Kerr Ladies FC gegen die St. Helen’s Ladies beigewohnt. Der englische Verband sah sich durch diese Kulisse angeblich derart bedroht, dass er seinen Mitgliedern verbot, Frauen auf ihren Plätzen spielen zu lassen.
Derart drastische Konsequenzen wird das Rekordspiel in Madrid nicht haben, doch die Begehrlichkeiten auf einem wachsenden Markt sind geweckt. So hat sich der erbitterte Streit zwischen der Liga und dem Verband vor Kurzem auf den Frauenfußball ausgeweitet. Verbandspräsident Luis Rubiales kündigte an, einen eigenen Wettbewerb neben der Liga austragen zu wollen. Barcelona und Athletic Bilbao hätten schon Interesse angemeldet. Da die anderen 14 Erstligisten dankend abwinkten, dürfte der Plan wohl nicht realisiert werden.
Ligapräsident Javier Tebas hat schon 2016 einen Sponsor für die Liga an Bord geholt und ein Budget von vier Millionen Euro pro Jahr aufgestellt. Atletico Madrid, Bilbao und der FC Barcelona sind zu echten Profivereinen geworden, andere Großklubs zogen nach. Pro Spieltag werden mehrere Partien live im TV übertragen, die Rechte wurden erst Ende März wieder für drei Millionen Euro pro Saison verkauft. Auch in den Printmedien ist der Sport deutlich präsenter, und dort schwärmen die Spielerinnen in Interviews von den besseren Trainingsplätzen und den vielen Betreuern, die sie nun zur Verfügung hätten.
Vom Männerfußball verprellt
Mehr Professionalismus, mehr Geld, mehr Spiele im TV – was den Männerfußball in den Augen vieler Fans ruiniert, hat den darbenden Frauenfußball scheinbar aufgepäppelt. Doch mehr ist auch hier nicht immer besser. Xavi Bove ist langjähriger Marketingberater für Spielerinnen, Klubs und Turniere. Dazu ist er als Blogger, Vortragender und Autor aktiv. Er rät zu einem behutsamen Vorgehen. „Das Marketing muss anders funktionieren als bei den Männern“, sagt er. „Das Erlebnis der Fans setzt die Grenzen der Vermarktung: Sie müssen zufrieden sein. Wenn wir nicht mehr unterhalten oder nicht authentisch sind, geht die Essenz des Sports verloren.“
In diese Kerbe schlägt auch die Schriftstellerin Elvira Sastre in der Tageszeitung El Pais. Sie hat das Rekordmatch besucht, davor sei sie vor vier oder fünf Jahren zuletzt bei einem Spiel gewesen, ebenfalls bei der Begegnung Atletico gegen Barcelona, allerdings bei den Männern. Mit ihrer Schwester und einer weiteren Freundin haben sie das Spiel im Calderon besucht – mit Barcelona-Trikots unter der Jacke im Sektor von Atletico. „Ich habe noch immer den Hass in den Augen des 60-Jährigen im Kopf, der am Stadionausgang auf mich zugekommen ist und ‚Katalanische Scheißhure!‘ geschrien hat“, schreibt Sastre. „Weder konnte ich mich über den Sieg freuen, noch hatte ich Lust, jemals wiederzukommen. Ich habe Fußball fortan verschmäht. Ich, für die es keinen Tag gegeben hat, an dem ich nicht gegen den Ball getreten habe, die keine Totorunde versäumt hat, habe dem Sport Auf Wiedersehen gesagt.“ Erst zum Spiel der Frauen im Metropolitano kehrte sie in ein Stadion zurück. „Was ich gesehen habe: glückliche Familien, Pensionisten, die mit dem Resultat haderten, einen Vater, auf dessen Trikot ‚Meine Tochter‘ stand, Kinder, die sich heiser sangen“, heißt es im Text. „Ich habe nicht eine Beleidigung erlebt. Ich bin nach Hause gegangen und hatte Lust, Mitglied zu werden und wiederzukommen.“
Harter Arbeitsmarkt
Doch Spitzenspiele in großen Stadien – wie auch das Cupspiel im San Mames zwischen Athletic Bilbao und Atletico Madrid Ende Jänner vor knapp 50.000 – sind die Ausnahme, der Alltag sieht anders aus. Zu gewöhnlichen Ligaspielen kommen durchschnittlich 1.000 Zuschauer. Rekordkulissen führt Xavi Bove auf gutes Marketing zurück. „Die großen Klubs haben Brandingstrategien, die die emotionale Klaviatur ihrer Fans perfekt bedienen“, sagt er. „Sie tragen die Farben des Vereins mit Stolz, egal ob sie sich die Männer oder die Frauen anschauen.“
Topspielerinnen kommen auf ein Monatsgehalt von 8.000 Euro, doch bei den kleineren Teams herrschen prekäre Zustände. Manche Erstligaakteurin wird mit ein paar 100 Euro im Monat abgespeist. Laura del Rio, Gewerkschafterin und Stürmerin von Madrid CFF, schildert in El Pais den üblichen Karriereweg: „80 Prozent der Spielerinnen studieren nebenbei. Wenn ihre sportliche Karriere vorbei ist, stehen sie ohne Berufserfahrung da.“ Damit haben sie auf dem harten spanischen Arbeitsmarkt keine guten Karten. Also doch lieber mehr Vermarktung? Ein bisschen Geld scheint der Frauenfußball noch vertragen zu können, ohne seine Seele zu verkaufen.