„Ich war bei der Pressekonferenz im Rathaus. Es fiel mir schwer zu glauben, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe.“ Jesus Dominguez berichtet seit 2011 über Real Valladolid, doch dass der brasilianische Weltstar Ronaldo Luis Nazario de Lima, galaktisches Phänomen und Partykönig, einmal die Mehrheit bei der grauen Maus Real Valladolid erwerben würde, wäre ihm im Traum nicht eingefallen. „Als ich das erste Mal die Gerüchte aus Brasilien gehört habe, habe ich – so wie viele hier – an eine Falschmeldung gedacht.“ Dominguez ist als Chefredakteur von Blanquivioletas, einer Website über Real Valladolid, eigentlich nahe am Verein aus der nordkastilischen Provinz dran. Als im September 2018 nach kolportierten Übernahmeangeboten aus China und Mexiko Ronaldo das Rennen machte, hat ihn das unvorbereitet getroffen.
Langzeitpräsident Carlos Suarez hatte sich vor Jahren mit der Übernahme eines Anteilspakets arg übernommen. Nachdem er sich wiederholt bei anderen Vorstandsmitgliedern Geld gepumpt hatte, um die fälligen Raten abzustottern, stellte er irgendwann fest, dass es so nicht weitergehen konnte. Der Joker in Ronaldos Ärmel war vermutlich die Zusage an Suarez, ihn als Geschäftsführer weitermachen zu lassen. Der Brasilianer erwarb letztlich 51,05 Prozent der Anteile um kolportierte 25 Millionen Euro. Als sich das erste Staunen gelegt hatte, standen zwei Fragen im Raum: Woher hat Ronaldo das Geld? Und was will er ausgerechnet in Valladolid?
Going to Ibiza
Beginnen wir mit dem Geld. Zwar kursierten Gerüchte, Ronaldo sei nur der Strohmann für dunkle Hintermänner mit Geld aus noch dunkleren Kanälen. Umso vehementer betonten der Brasilianer und seine Entourage, dass es sich um sein eigenes Geld handle. Was bei einem Vermögen von etwa 250 Millionen Euro durchaus sein kann. „Tatsächlich gehört er ja zur ersten Generation von Fußballstars, die beim Kicken so viel verdienten, dass sie danach nicht nur als Trainer oder Sportdirektor im Geschäft bleiben können. Sondern eben auch gleich als Klubeigentümer in einer Spitzenliga“, schrieb die Welt Anfang des Jahres. Ronaldo hat einen lebenslangen Sponsorvertrag mit Nike, ist Testimonial für die Champions League, hat in den letzten Jahren Real Madrid beraten, Anteile an Agenturen für Bildrechtevermarktung und an E-Sport-Vereinen, um nur einen Teil seiner Aktivitäten anzureißen. Nach einem missglückten Investment im nordamerikanischen Fußball hat er in London diverse Businessschulungen durchlaufen und sein Englisch aufpoliert. Um dann bei Valladolid einzusteigen.
Der Zeitpunkt war gut gewählt. Suarez konnte den Verein in finanziell geordneten Verhältnissen übergeben, nachdem ein überraschender Aufstieg im Sommer Fernsehgelder in die Kassen gespült hatte. Erste geschäftliche Kontakte nach Valladolid hat Ronaldo bereits 2007 geknüpft, als er Aktien eines Weinguts der Familie des ehemaligen Vizepräsidenten erwarb. Über diese Kanäle wurde in den letzten zwei Jahren immer wieder sondiert, bevor der Deal plötzlich perfekt war. Ronaldo hat die spanische Staatsbürgerschaft und lebt seit Längerem in Madrid. Von dort könnte er mit dem Hochgeschwindigkeitszug in einer Stunde in Valladolid sein. Falls er den Zug nimmt. Er zeigt jedenfalls Präsenz. „Er war bei den Auswärtsspielen gegen große Gegner und den entscheidenden Partien im Kampf um den Klassenerhalt im Stadion. Dazu ist er bei fast allen Heimspielen auf der Tribüne und verfolgt auch die wichtigen Matches der Nachwuchsteams“, sagt Jesus Dominguez. „Zu den Fans ist er ausgesprochen nett, nie verweigert er ein Autogramm oder ein Foto. Das hat die Leute hier am meisten beeindruckt: wie jemand von seinem Format so bescheiden sein kann.“ Mit Bescheidenheit kommt man bei Spielern weniger gut an, das weiß auch Ronaldo: „Er hat der Mannschaft eine Reise versprochen, wenn sie die Klasse halten, und das Versprechen auch eingelöst: Sie waren auf Ibiza.“
Keine galaktische Zukunft
Trotz der Ankündigung einer Revolution in Valladolid hat Ronaldo nie davon fantasiert, mit dem Klub in Bälde Titel zu holen oder ins Champions-League-Finale vorzudringen. Es gebe auch ganz andere Baustellen, sagt Dominguez: „Das Stadion ist das einzige in der Primera Division mit einem Graben zwischen Tribüne und Spielfeld. Die Infrastruktur muss verbessert werden, momentan gibt es nur drei Trainingsplätze für alle Teams, vom Nachwuchs bis zu den Profis.“ Darüber hinaus würde man sich freuen, wenn der Präsident seine Beziehungen nach Südamerika und zu Real Madrid spielen lassen könnte, um den Kader aufzubessern. Finanziell ist noch Luft nach oben, Valladolid hatte vergangene Saison das kleinste Budget der Liga.
Toni Padilla, Sportjournalist der Tageszeitung ARA, hat die erste Saison von Ronaldo mit Interesse verfolgt. Auch er könne nichts Nachteiliges berichten: „Er hat positiv überrascht. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, den Vertrag des Trainers zu verlängern. Damit hat er die bisherige Arbeit honoriert und gezeigt, dass er nicht alles über den Haufen werfen will.“ Als Ronaldo nach Saisonbeginn zum Klub stieß, sei auch seine Kaderplanung unaufgeregt und pragmatisch gewesen. „Das Team hat quasi keine Stürmer gehabt. Er hat günstige Spieler geholt, die in der Rückrunde sehr wertvoll geworden sind.“ Selbst ein Skandal um Spielabsprachen, bei dem auch ein Match von Valladolid verschoben wurde, konnte ihm nichts anhaben. „Der beteiligte Spieler, Borja, hat seine Karriere beendet. Das hilft. Die polizeilichen Ermittlungen haben ergeben, dass Ronaldo und der Verein nichts davon gewusst haben.“ Padilla rechnet damit, dass Valladolid nächstes Jahr den Klassenerhalt früher fixieren kann, wenn weiterhin so solide gearbeitet wird.
Jeder hofft, dass Ronaldo den Job so lange wie möglich macht. Und niemand glaubt, dass er für immer bleiben wird. Dass er gerne Präsident von Corinthians Sao Paulo oder des brasilianischen Verbands werden würde, ist ein offenes Geheimnis. Er könnte sich wohl auch vorstellen, eines Tages seinen guten Freund Florentino Perez bei Real Madrid zu beerben. Ronaldo selbst hat sein Engagement bei einem Pressetermin ganz nüchtern kommentiert: „Valladolid ist eine Mannschaft mit viel Tradition. Ich habe weder die Geschichte des Vereins noch die Emotionen der Fans gekauft. Ich kümmere mich um das Management des Klubs.“