[Aus einem Tagebucheintrag vom 11. Juni 1998]
Schön langsam sollte ich in die Gänge kommen. Mich entscheiden, ob ich das Philosophiestudium abschließen oder es bleiben lassen soll. – 31 Jahre auf der Welt und noch immer kein Plan. Um der Orientierungslosigkeit zu entkommen, gibt es glücklicherweise Ausweichmöglichkeiten, die zumindest vorübergehend Halt bieten: Fußball und Literatur.
Fußball spielen, Fußball schauen – vornehmlich im Fernsehen, Menschenmassen versuche ich, so gut es geht, auszuweichen – und Bücher kaufen, die dann ab und zu auch gelesen werden wollen. Heute schlendere ich in Vorfreude auf das WM-Gruppenspiel Österreich gegen Kamerun am Abend durch die Innenstadt und verweile vor der Auslage eines meiner Lieblingsbuchläden, der Universitätsbuchhandlung und Antiquariat Schaden. Dabei fällt mir ein Buch auf, zunächst wegen seines hässlichen Covers, ein in Blautönen gehaltenes, „abstraktes“, also nicht identifizierbares Foto, das irgendwie nach Ästhetik der 1980er Jahre aussieht, also nichtssagend. Den Titel jedoch finde ich interessant: „Die Kanten des runden Leders. Beiträge zur europäischen Fußballkultur“. Ich gehe in den Laden, der so herrlich vertraut nach Dachboden, alten Büchern und Tabak riecht, und kaufe das Buch um 140 Schilling, nicht gerade wenig, aber was soll’s. Danach setze ich mich ins Alt Wien, bestelle einen Verlängerten, zünde mir eine A3 an und blättere in dem soeben erworbenen Buch. Beim Durchlesen des Inhaltsverzeichnisses fällt mir vor allem ein Beitrag auf: „Treten können, kulturlos: über die Literaturunfähigkeit des runden Leders“ von Konrad Paul Liessmann. Jener Liessmann, dessen Vorlesung ich zu Beginn meines Studiums gerade einmal besucht hatte und der mir danach in verschiedensten Printmedien untergekommen war, weil er zu allen möglichen und unmöglichen Themen etwas schreibt – aber über Fußball?
Ich beginne zu lesen: Fußball und Literatur, das geht sich für Liessmann nicht aus: „Fußball als literarisches Sujet: das ist der Wunschtraum jener Intellektueller, die gerne in der Nationalmannschaft spielten, es aber nur zum Staatsstipendiaten geschafft haben. Das Problem des Schriftstellers ist, dass er zur Kultur, nicht zu den Massen gehört. Zu glauben, man gehöre zu den Massen, wenn man über Fußball schreibt, ist natürlich ein Irrtum. Wer unter dieser Voraussetzung schreibt, schreibt schlecht; naturgemäß. Fußball als solcher – dies einmal die These – ist aber nicht literaturfähig.“ Ich beginne, mich zu ärgern und – darüber nachzudenken, warum ich meine Leidenschaften Fußball und Literatur bisher noch nicht verbinden konnte.
21 Jahre später hat das Buch mit 25 Beiträgen europäischer Soziologen, Historiker und Kulturanthropologen seine Faszination bewahrt. Damals war es eine der ersten deutschsprachigen Publikationen, die sich wissenschaftlich mit den gesellschaftspolitischen und medialen Entwicklungen im und durch den Fußball beschäftigte.
Solltet ihr Lust auf die Lektüre dieses oder anderer Fußballbücher bekommen haben, macht euch auf in eine der vier „Fußballbibliotheken“ der Büchereien Wien. Seit Herbst 2015 gibt es dieses Projekt an vier Standorten: in der Hauptbücherei am Gürtel (College 2), in der Zweigstelle Philadelphiabrücke, in Liesing und in der „Bücherei der Raritäten“ in der Zieglergasse.
Über Anregungen, Hinweise, aber auch über Spenden für den Bestand der „Fußballbibliothek“ freut sich unser Rezensent und Fußballbibliothekar Thomas Pöltl. Ihr erreicht ihn über thomas.poeltl@wien.gv.at