Vor der Literatur gibt es in diesem Buch kein Entkommen. Der Rückblick auf 125 Jahre österreichische Fußballgeschichte ist gespickt mit Zitaten. So darf Franz Grillparzer mit den Zeilen „Und die Größe ist gefährlich, Und der Ruhm ein leeres Spiel; Was er gibt, sind nicht’ge Schatten“ über das frühe Ausscheiden bei der EM 2016 hinwegtrösten, und Heimito Doderer das Eigentor von Ernst Happel gegen Ungarn 1954 zum österreichischen Schicksal erklären. Allein schon dieses Stilmerkmal hebt Klaus Dermutz’ Fußballgeschichte von anderen ab.
Beginnen lässt er diese Geschichte mit einem inoffiziellen Spiel vom März 1894, bei dem zwei Mannschaften von Radfahrern in Graz gegeneinander antraten. Das vorläufige Ende bildet das 2:4 Österreichs in Haifa und die getrübte Aussicht auf eine erneute EM-Qualifikation. Es liegt in der Natur der Fußballhistorie des Landes, dass dazwischen von Niederlagen die Rede ist, die sich wie Siege anfühlen, und Siegen, die ein WM-Ausscheiden nicht verhindern.
Das Buch ist in zehn chronologische Kapitel unterteilt, jede Epoche umfasst verschiedene Spiele und besondere Ereignisse. Darunter sind die Klassiker aus der Länderspielgeschichte ebenso wie die Beinahe-Triumphe im Europacup, die Größen des österreichischen Fußballs ebenso wie weniger bekannte Geschichten, etwa jene über Ernst Melchior, der 1938 am Novemberpogrom beteiligt war, und Hermann Leopoldi, Komponist und KZ-Überlebender, der 1951 einen Foxtrott auf ihn schreibt.
ballesterer: Ihr Buch wirkt sehr melancholisch. Können Sie mit diesem Eindruck etwas anfangen?
Klaus Dermutz: Ja, durchaus. Das Fußballspiel hat auch etwas Melancholisches, es ist eine Sisyphusarbeit. Immer wieder wird der Stein hochgerollt, es wird versucht, Titel zu gewinnen. Aber das gelingt eben nur einer Mannschaft, und so rollt der Stein immer wieder hinunter. Auch im Spiel selbst sind nur die wenigsten Angriffe erfolgreich. Melancholie kann ja auch etwas Schönes haben. Der Gedanke an das „Wunderteam“ ist zum Beispiel mit viel Melancholie und Nostalgie verbunden.
Das „Wunderteam“ gehört zu dem großen Berg an Mannschaften, Spielen, Spielern und Ereignissen, vor dem Sie gestanden sein müssen. Wie haben Sie eine Auswahl getroffen?
Ich habe mich zuerst gefragt: „Was muss hinein?“ Teilt man die 125 Jahre in zwei Hälften, war das bedeutsamste Spiel der ersten Phase die 3:4-Niederlage des Nationalteams 1932 in England. Die ist wie ein Sieg gefeiert worden und hat eine mythische Bedeutung bekommen. Ein kleines Land hat damals Weltgeltung gehabt. In der zweiten Hälfte ist das 3:2 gegen die Bundesrepublik Deutschland in Cordoba ein Muss. Das Jahr 1978 war sowieso so etwas wie das annus mirabilis, das Wunderjahr des österreichischen Fußballs. Hans Krankl wird Torschützenkönig in Europa, die Wiener Austria erreicht das Europacupfinale, Ernst Happel kommt mit Brügge ins Finale des Landesmeistercup und mit den Niederlanden ins WM-Finale gegen Argentinien. So große Erfolge hat es davor und danach nicht mehr gegeben.
Was bedeutet der Fußball für Sie persönlich?
Ich bin in Judenburg aufgewachsen und in der Gruabn beim SK Sturm sozialisiert worden. Der Fußball bekämpft die Einsamkeit und bietet immer auch einen Trost. Norbert Elias hat einmal gesagt, dass der Fußball mit seiner Dynamik von Spannung und Entspannung einen perfekten Ausgleich zur kapitalistischen Arbeitswelt liefert.
Das Buch endet mit einem Ausblick auf die kommenden Länderspiele. Was erhoffen Sie sich vom Nationalteam?
Ich erwarte, dass es sich für die EM qualifiziert. Als Happel zum HSV gekommen ist, hat er gesagt: „Ich will den Meistertitel und den Europacup.“ In diesem Sinn sei es mir als Happel-Biograf gestattet zu sagen: Ich will das Viertelfinale.
Eine Buchpräsentation mit Klaus Dermutz findet am 3. September um 19 Uhr in der Buchhandlung Thalia Wien Mitte, Landstraßer Hauptstraße 2A, statt. Der Eintritt ist frei.