Hätten wir es schon früher bemerken müssen? Haben unsere Strukturen eine Mitschuld daran, dass es überhaupt so weit kommen konnte? So lassen sich die Fragen zusammenfassen, die sich die aktiven Fangruppen des SK Rapid Ende August in einer öffentlichen Aussendung stellen. Darin geht es um den Verdacht der Hütteldorfer Fans, dass jugendliche Anhänger sexualisierter Gewalt durch eine Person aus der Fanszene ausgesetzt waren. Die Selbstkritik und Offenheit der Aussendung sind bemerkenswert.
Sexualisierte Gewalt ist ein ebenso weit verbreitetes wie tabuisiertes gesellschaftliches Problem. Sie findet an zahlreichen Orten statt – in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Freizeit. Und es gibt Strukturen, die sie zu fördern scheinen: männerdominierte Institutionen mit starken Machthierarchien. Dazu zählen die katholische Kirche, Sportvereine und auch Fanszenen. Im Fußball sorgten zuletzt die Fälle der afghanischen Teamspielerinnen, die sexualisierte Gewalt durch Verbandsfunktionäre erleiden mussten, für Schlagzeilen – und die Geschichte des englischen Ex-Profis Andy Woodward, der von einem Jugendtrainer vergewaltigt wurde.
„Ich habe 30 Jahre gebraucht, um die Kraft zu finden, darüber zu reden“, sagte Woodward vor knapp drei Jahren, als er seine Geschichte erstmals öffentlich machte. Sein Beispiel belegt, wie destruktiv sich die Tabuisierung für die Betroffenen auswirkt und wie stark Machtausübung durch sexualisierte Gewalt auch Jahre später nachwirkt. Der Chelsea FC zeigte 2015, wie sich ein Verein in einem solchen Fall nicht verhalten soll. Der Klub soll einem Mann, der in den 1970er Jahren von sexualisierter Gewalt betroffen war, Schweigegeld geboten haben, damit er seine Geschichte für sich behält.
Wenn der „Block West“ nun verkündet, dass Schweigen keine Option sei, wirkt er einer solchen Tabuisierung entgegen. Und er zeigt Haltung, indem er den Täter nicht durch Ignorieren stärkt, sondern die Opfer seiner Solidarität versichert. Bemerkenswert ist auch, dass die Fans, die sonst so häufig auf ihre eigenen Regeln und die Selbstverwaltung ihrer Räume pochen, klar aufzeigen, dass sie in diesem Fall an ihre Grenzen stoßen. Sie beschwören nicht die „Fanfamilie“, die das Problem schon irgendwie lösen werde, sondern vermitteln externe professionelle Hilfe für Opfer, wie sie die Männerberatung Wien und die Verbrechensopferhilfe Weißer Ring anbieten.
Die Aussendung der Rapid-Fans hat aber auch Schwächen. Die Selbstreflexion über Machtstrukturen verliert durch den Verweis auf einen „kranken Einzeltäter“ an Schärfe. Und die Anmerkung über einen unbestätigten ähnlich gelagerten Fall in der Austria-Fanszene wirkt nicht wie eine seriöse Verallgemeinerung des Problems, sondern wie eine plumpe Immunisierungsstrategie gegen die Häme des Stadtrivalen.
Der genaue Wortlaut des Statements ist aber ohnehin nicht der Knackpunkt im Umgang mit dem Thema, es sind die künftigen Handlungen. Entscheidend ist, dass der „Block West“ seine Aussendung ernst nimmt und keine Angst vor der eigenen Courage bekommt. Indem er den Betroffenen seine Solidarität versprochen hat, zeigt er, wie stark der Zusammenhalt einer Gruppe sein kann, wie sie Betroffene sexualisierter Gewalt unterstützen kann und welchen Schutz sie jungen Frauen und Männern bieten kann, damit sie gar nicht erst Opfer werden. Das geht nur, wenn diese Gruppe klare Antworten auf die eingangs gestellten Fragen findet.