Wenn Pascal Claude Einblicke in sein Fußballuniversum gibt, ist es immer eine Freude. Ab 1997 schrieb er das wunderbare Fanzine Knapp daneben, seit 2012 betreibt er die Website 45football.com, auf der sich inzwischen knapp 1.000 Fußballsongs befinden. Nun bringt der Schweizer ein Begleitbuch zu seiner Sammlung heraus, das ganz dem ästhetischen Charme der Plattencover gewidmet ist – Typos, Farben und Frisuren aus sieben Jahrzehnten und mehr als 40 Ländern. Ergänzt wird der deutsch- und englischsprachige Band durch kurze Essays zu Fußball und Musik in Argentinien, Deutschland, Großbritannien und Italien. Österreich kommt in „Football Disco“ ebenfalls vor – mit Raritäten wie „Waun da Fav. AC spüht“ (1979), Klassikern wie Johann K. und dem Chor österreichischer Sportreporter und ihrem Hit zur WM 1978 „Grüß’ euch wir sind aus Öst’reich“. Ein Coffee-Table-Buch für Kenner und Nostalgiker.
ballesterer: Sie schreiben, Fußballschallplatten gehören vielleicht zu den dürftigsten Genres der Musikgeschichte. Warum haben Sie trotzdem eine Leidenschaft für sie entwickelt?
Pascal Claude: Sie rührt einerseits von einer jahrzehntealten Schwäche für Sieben-Zoll-Singles her, also für dieses tolle Format, andererseits hast du bei Fußballsingles neben der Musik auch noch Hülle und Erscheinungsjahr, die jeweils eigene Erzählebenen bilden. Und schließlich habe ich mich immer für dilettantische Zugänge zur Musik interessiert.Welche Geschichten erzählen die Cover?
Sehr viele verschiedene. Nehmen wir als Beispiel die singenden Spieler und wie die sich fürs Coverfoto inszenieren: ernst, nachdenklich, fröhlich, als perfekter Schwiegersohn wie Franz Beckenbauer, in einer coolen Pop-Pose wie Glenn Hoddle und Chris Waddle oder unter der Dusche wie Ruud Gullit. Was wollten sie uns damit sagen?Welche Konjunkturen und Konstanten gibt es?
Musikalisch ist der klassische Marsch dominant, ansonsten hängen Stil und Qualität von der Tradition der jeweiligen Länder ab. In Argentinien und Italien hat es schon vor 60 Jahren wunderbare Kompositionen gegeben, in Deutschland hingegen hat es die Entwicklung des Synthesizers mit der Wahltaste „Samba“ gebraucht, damit sich etwas tut – und wunderbar hat das dann auch nicht geklungen. Bei den Covern sind Teamfotos am häufigsten zu sehen, daneben Bälle in allen Varianten, Wappen und Fankurven.
Über welche Vereine gibt es die meisten Lieder?
Hier muss man zwischen Liedern allgemein und jenen auf Vinylsingles unterscheiden. Was Letztere angeht: Von Ajax, Manchester United, Roma, Benfica und Boca Juniors gibt es jeweils dutzende, von Napoli sogar rund 70 verschiedene Titel. Von Rapid und dem FC Basel gibt es hingegen je einen oder zwei. Das hat nicht nur mit der Bedeutung der Vereine zu tun, sondern auch mit dem sportlichen Erfolg in den 1960er und 1970er Jahren, der Hochblüte des Singleformats.Haben Sie ein Lieblingscover?
Ich mag vor allem drei Arten von Hüllen: die mit herausragender grafischer Gestaltung, die mit miserabler, aber herzerwärmender, und dann vor allem jene mit Spuren der Vorbesitzer. Das sind Widmungen, Notizen oder, wie im Fall einer Perugia-Single, Bekenntnisse eines unglücklich Verliebten, der in seiner Verzweiflung Dante Alighieri zitiert.Was wird aus Ihrer Leidenschaft in digitalen Zeiten? Sammeln Sie auch MP3s?
Ein guter Fußballsong alleine reicht mir nicht, ich brauche auch das Haptische und Optische. Umso netter, dass „Tankard“ und Jan Delay vor Kurzem Vinylsingles zu ihren Vereinen herausgebracht haben. Es geht also weiter.