Ich weiß nicht, was das Stadionverbot mit mir machen wird. Eines steht für mich aber fest: Ich werde trotzdem zu den Spielen fahren.
Im Revier der Ausgesperrten
Vor dem Eingang türmen sich übereinandergeworfene Heurigenbänke. Die Barrikade verunmöglicht es den WEGA-Beamten, den Stadionvorplatz ein weiteres Mal zu stürmen. Die Polizisten müssen sich aufgrund der heftigen Gegenwehr der Fans in den Bauch des Gerhard-Hanappi-Stadions zurückziehen. Die Scheiben des VIP-Eingangs sind geborsten, die Keißlergasse ist mit Glasscherben übersät. Meine Haut brennt wie Feuer, der Pfefferspray scheint in sämtliche Poren meines Körpers einzudringen. Jeder Atemzug schmerzt. Die Staatsanwaltschaft wird das Geschehen nach dem Spiel in drei Phasen einteilen. Ich habe mich in allen drei am Ort des Geschehens aufgehalten – anders als andere war ich nicht vermummt. Zehn Verhandlungstage stehe ich im Sommer 2014 mit 28 weiteren Rapid-Fans vor Gericht. Ich werde schuldig gesprochen. Nach Ansicht des Schöffensenats habe ich den Landfrieden gebrochen. Denn ich hätte mich zurückziehen können, als es zu den Ausschreitungen gekommen ist. Wenig später wird der Paragraf 274 entschärft. Der antiquierte Name ist heute verschwunden – an meinem Urteil ändert das nichts.
Ich bin nun vorbestraft, ein Landfriedensbrecher. Bereits kurz vor dem Urteil des Landesgerichts für Strafsachen entscheidet der damals zuständige Senat 3 der Bundesliga über meine Zukunft: zwei Jahre Stadionverbot. „Dieses gilt bundesweit für alle Fußballspiele unter Aufsicht des ÖFB, der Österreichischen Fußball-Bundesliga und der Landesverbände“, lautet die Erklärung im Schreiben des Gremiums. Ein Jahrzehnt lang haben die Spiele des SK Rapid einen Großteil meines Lebens bestimmt. Ich habe es genossen, in der Kurve zu stehen und die Mannschaft anzutreiben, gemeinsam zu feiern oder mich im Kollektiv zu ärgern. Nun ist mir das nicht mehr möglich. Obwohl dieser Brief so vorhersehbar war wie das Einklatschen der Rapid-Viertelstunde, ruft die Gewissheit ein beklemmendes Gefühl in mir hervor. Ich weiß nicht, was das Stadionverbot mit mir machen wird. Eines steht für mich aber fest: Ich werde trotzdem zu den Spielen fahren.
Nur 4.137 Zuschauer nutzen die Möglichkeit, diese Begegnung vor Ort zu verfolgen. Ich wäre gerne der 4.138., doch zum ersten Mal in meinem Leben ist es mir untersagt, ein Spiel zu besuchen. Ich stehe damit nicht alleine da. Sämtliche Angeklagte des Landfriedensbruch-Prozesses hat dasselbe Schicksal ereilt, unabhängig davon, wie das Gericht in ihrem Fall entschieden hat. Die Freigesprochenen sind ebenso ausgesperrt wie die Verurteilten. Offiziell handelt es sich dabei nicht um eine Strafe, sondern um eine Präventivmaßnahme. „Zweck des Stadionverbotes ist es, zukünftiges sicherheitsgefährdendes beziehungsweise störendes Verhalten zu vermeiden und den Betroffenen zu Wohlverhalten anzuhalten“, heißt es in den Statuten. Aufgrund von Vorfällen, die sich nach einem Match außerhalb des Stadions ereignet haben, dürfen darin involvierte Fans nicht mehr ins Stadion. Sie stehen somit dort, wo sich das Ganze ereignet hat – nämlich außerhalb des Stadions. Was für eine Logik.
Gemeinsam mit den alteingesessenen Stadionverbotlern begebe ich mich zum Marathontor des Happel-Stadions. Von hier bietet sich uns ein guter Blick auf die C/D-Kurve, wo der „Block West“ bis zur Rückkehr nach Hütteldorf beheimatet ist. Durch die Gitterstäbe des Tors beobachten wir sehnsüchtig das Geschehen im spärlich gefüllten Sektor. Zum Einlaufen der Mannschaft wird eine große Überrollfahne hochgezogen. „Smash § 274 StGB“ prangt Weiß auf Schwarz auf dem Banner. Ich traue meinen Augen nicht. Ohne, dass es uns Betroffenen zuvor verraten wurde, äußert sich der „Block West“, so plakativ es nur geht. Unverhofft erlebe ich, wie viel Kraft einem derartige Solidarität geben kann. Ich spüre, dass ich nicht alleine gelassen werde.
Ich verabschiede die Leute aus meiner Gruppe am Eingang und geselle mich zu den anderen Stadionverbotlern. Mit den meisten von ihnen habe ich bislang nicht viel zu tun gehabt, so manchen kann ich nicht einmal besonders gut leiden. Aus meinem unmittelbaren Freundeskreis bin nur ich betroffen. Aber was soll’s – die Verwandtschaft und die Stadionverbotler, mit denen man draußen steht, kann man sich nicht aussuchen. Einige sind schon zum wiederholten Mal betroffen und haben reichlich Erfahrung im Bahöl machen. Das Paschinger Stadion kommt uns baulich sehr entgegen. Ein Tor auf Höhe der Cornerfahne direkt neben dem Auswärtssektor bietet einen guten Blick aufs Geschehen. So stehen wir unmittelbar neben der Tribüne, können auch den einzigen Treffer des Spiels mitansehen und feiern ihn übertrieben ausgelassen. Ein halbvoller Bierbecher fliegt im hohen Bogen in den Innenraum und trifft einen szenekundigen Beamten. Da ist er schon, der erste Stress mit der Polizei. Vorbei ist es mit der tollen Sicht aufs Spielfeld. Unsere Personalien werden aufgenommen, wir werden weggewiesen. Wirklich viel passiert beim Match aber ohnehin nicht mehr. Den eigentlichen Höhepunkt sehen wir leider erst später auf Fotos: Kapitän Steffen Hofmann hält nach Abpfiff einen Doppelhalter der Kurve gegen den Paragraf 274 in die Höhe.
Die Spiele, in denen es um alles geht, sind die schlimmsten. Wenn dann auch noch ein halbwegs interessanter Gegner auf der anderen Seite steht, schmerzt es, nicht dabei sein zu können. Zum ersten Mal kotzt mich dieses Stadionverbot so richtig an. Nicht einmal 10.000 Zuschauer sind gekommen. Vielleicht liegt es an meinem Verlangen, diesen Cup endlich zu holen, aber ich bin angefressen. Als würde es irgendetwas ändern, wenn ich hier stehe, anstatt drinnen zu sein. Das macht mich richtig aggressiv. Wenigstens kommen wir eine Runde weiter.
Mittlerweile bin ich es gewohnt, mich rund um dieses Stadion aufzuhalten. Das Areal ist zu unserem Revier geworden. Wir bewegen uns darin wie in einem Wildtiergehege, nur dass wir außerhalb des Zauns stehen und unsere Freiheit dennoch eingeschränkt ist. Auch mit meiner Wahrnehmung ist irgendetwas passiert. Ich sehe anders als früher. Ich registriere Dinge, die ichfrüher nicht bemerkt habe. Ich habe keine psychedelischen Drogen genommen. Ich bin völlig nüchtern – ein Derby ist immer noch ein Derby. Es herrscht ein Trubel, den man sonst eher vomEuropacup kennt. Die Chancen stehen gut, dass wir schon bald aus der Sicherheitszone rund um das Stadion verwiesen werden. Deren unsichtbaren Grenzen kennen wir mittlerweile ohnehin besser als die Polizei. Solange es gut geht, bleiben wir jedoch vor der Kurve stehen. Unterbewusst scanne ich meine Umgebung. Jede Veränderung fällt mir auf. Mein Blick kreuzt sich mit dem eines Radfahrers. Ich kenne sein Gesicht und bin mir sicher, er ist kein Rapidler. Zuletzt habe ich ihn im Umfeld einer Demo gesehen. Auch dort war der Mann auffällig unauffällig gekleidet und alleine unterwegs. Ich habe keinen Zweifel: Der Typ ist ein Zivilpolizist, der uns beobachtet. Wenig später entdecke ich einen weiteren Mann mittleren Alters, der wohl ebenso inkognito für die Staatsgewalt arbeitet. Auch nach Anpfiff der Partie treiben sich die beiden noch um das Stadion herum. Einige von uns starten ebenfalls einen Rundgang. Der Bereich um den Auswärtssektor ist heute stärker abgeriegelt als sonst. Aus der Entfernung sehen wir die Stadionverbotler des Stadtrivalen, die auf der anderen Seite des Ovals stehen. Kurz darauf kommen auch schon Uniformierte, die sich unserer annehmen wollen. Ehe sie uns wieder einmal aus der Sicherheitszone verweisen, ziehen wir uns freiwillig hinter die imaginäre Grenze zurück. Damit entgehen wir einer neuerlichen Identitätsfeststellung. Mittlerweile kennen wir unser Gehege und die Arbeitsweise unserer Wärter.
Es ist unbeschreiblich langweilig.
Heute lasse ich zum ersten Mal ein Spiel aus. Eine Familienfeier steht an, ich werde meinen Eltern eine Freude bereiten und nicht auswärts fahren. Erst kürzlich bin ich nach Altach mitgefahren, anstatt meine Mutter nach einer Operation im Krankenhaus zu besuchen. Nun schöpft sie sofort Hoffnung, ich könnte vielleicht doch endlich normal werden. Seit ich Stadionverbot habe, ist ihr meine Allesfahrermentalität endgültig suspekt. Sorgen machen sich stattdessen meine Freunde vom Fußball. „Warum fährst du nicht mit?“, werde ich gleich von mehreren gefragt. Sofort äußern Leute die Befürchtung, dass ich wegbrechen könnte. Diese Angst kann ich ihnen nehmen: Das Stadionverbot hat eine zu starke Trotzreaktion ausgelöst. Wenn die mich nicht da haben wollen, werden sie mich erst recht nicht los.
Heimspiele außerhalb des Praterstadions sind längst Routine. Auf den ersten Blick mag das Umfeld der Betonschüssel sehr trist wirken. Es sind aber die Kleinigkeiten, die es ausmachen. Manches habe ich erst allmählich und dank meines Stadionverbots schätzen gelernt. Ich hätte das früher nie über die Lippen gebracht, aber irgendwie mag ich es hier. Mittlerweile läuft alles nach einem gewohnten Schema ab. Wenn wir nicht zum Choreospechtln zum Marathontor auf die andere Seite gehen, stehe ich mit zwei bis drei anderen vor dem Eingang zum VIP-Sektor. Dort ist die beste Möglichkeit, die Partien durch die Scheibe hindurch auf einem Flachbildschirmzu schauen. Welchen Zweck der große Fernseher an dieser völlig sinnlosen Stelle ursprünglich gehabt hat, weiß ich nicht. Mittlerweile ist er jedenfalls zu unserem geworden. Da stehen wir Stadionverbotler – direkt neben dem grünen Teppich, über den die Prominenz zu den Spielen kommt. Die meisten nehmen uns meist dunkel gekleideten Pöbel nicht einmal wahr, wenn wir ihnen ungewollt ein Spalier bilden. Mit den Ordnern, die an diesem Eingang Dienst schieben, istimmerhin längst ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. An klirrend kalten Tagen wie heute versorgen sie uns mit heißem Tee. Es rennt der Schmäh, wir haben uns den Umständen entsprechend arrangiert.
Eine kleine Gruppe Altacher ist wie ich erst nach Anpfiff eingetroffen. Sie machen ein bisschen auf Ultras. Rund ums Stadion ist weit und breit niemand zu sehen – außer den Stadionverbotlern, die wie immer vor der Kurve stehen. Die Vorarlberger haben wohl darauf spekuliert, dass sie unbemerkt von den Heimfans in ihren Sektor gelangen, wenn sie etwas später kommen. Als sich eine kleine Gruppe ausgesperrter Rapidler in ihre Richtung bewegt, kriegen sie es mit der Angst zu tun. Sie sprinten zum Auswärtssektor.
Obwohl auf beiden Seiten mit voller Härte Stadionverbote verteilt worden sind, hat es beim letzten Derby erneut drinnen gekracht. Der Strafsenat der Bundesliga hat sich daher etwas Besonderes einfallen lassen. „Stadionverbot für alle, sonst gibt’s Krawalle“ ist die Losung. Es istdas erste von zwei Derbys ohne Gästefans. Ob das nun eine Strafe, eine Präventiv- oder eine Erziehungsmaßnahme sein soll, ist unklar. Eines ist jedenfalls sicher: Solche Kollektivstrafen schüren nur den Zorn auf die Liga. Als Stadionverbotler bin ich heute einer von vielen, die draußen bleiben müssen. Ein Trost ist das nicht. Die vielen Menschen, die einen Bildschirm anbrüllen, nerven. Man sollte ihnen allen ein Lokalverbot geben, damit die „Sektion Stadionverbot“ endlich wieder in Ruhe Fußball schauen kann.
Wir könnten auch einfach reingehen. Es interessiert sich sowieso kein Mensch für uns. Der Zugang zum Gastrobereich der Haupttribüne ist offen. Während alle anderen drinnen die Partie verfolgen, bedienen wir uns am Imbiss. Eine kleine Gruppe Polizisten ist ebenfalls da. Auch sie gönnen sich Schnitzelsemmeln und gehen danach wieder ihres Weges. Ich müsste bloß die Stiegen rauf und wäre im Stadion. Die Gewissheit, dass ich es so einfach tun könnte, ist mir jedoch Befriedigung genug. Wir belassen es bei der kleinen Stärkung und gehen freiwillig zurück vor den Auswärtssektor.
„Sei froh, dass du dir den Oaschkick nicht anschauen musst“, sagt Erich, der in der Pause zu uns kommt. Da sind sie wieder, die Phrasen, mit denen Gespräche mit Leuten vor den Toren begonnen werden. Er meint es nett, und eigentlich ist es schön, dass er kommt, um mit uns zu plaudern. Ich sollte besser gar nicht antworten, schaffe es aber nicht, mich zurückzuhalten. „Hier draußen ist es viel besser: Eine der schönsten Partien, bei der ich jemals bei feuchtem Wetter wie ein Volltrottel vorm Stadiongestanden bin, um zu warten, dass es vorbei ist“, erwidere ich. Mit den Wetterbedingungen hat meine schlechte Laune jedoch nur bedingt zu tun. Diese Art von Small Talk begleitet dich als Stadionverbotler die ganze Zeit. Als wüsste ich nicht, dass Rapid regelmäßig scheiße spielt – immerhin habe ich erst seit ein paar Monaten Stadionverbot und nicht seit 2008. Es heißt immer, ein Stadionverbot würde die Betroffenen zu Märtyrern machen, aber hört man denen von drinnen zu, scheint es umgekehrt zu sein: Diejenigen, die reingehen, um sich den Oaschkick anzuschauen, sind es, die sich aufopfern. Wir vor den Toren haben das Privileg, uns das zu ersparen.
Der Weg ist das Ziel. Das ist der einzige Grund, mit dem ich diese Reise rechtfertigen kann. Es ist ein Spiel an einem Sonntag in Vorarlberg. Ich werde irgendwann in der Früh nach Hause kommen und muss wenige Stunden später in die Arbeit. Und wofür? Um 90 Minuten ein Spiel nicht zu sehen. Für mich ist diese Auswärtsfahrt jedoch normaler als die meisten anderen Partien. Immerhin erlebe ich abgesehen von der relativ kurzen Zeit im Stadion alles so wie früher. Ich fahre gemeinsam mit meinen Freunden, bewege mich im gewohnten Umfeld und dasso lange wie bei keiner anderen Begegnung. Während die anderen Stadionverbotler am Parkplatz vor dem Gästesektor verweilen, begebe ich mich auf die Suche nach einem sinnvolleren Platz. Genau schräg gegenüber werde ich fündig. Da ich alleine unterwegs bin, interessiert sich die Polizei nicht für mich. Ohne Probleme passiere ich die Tribüne der Heimfans. Traktoren tuckern an mir vorüber. Immer wieder halten Radfahrer an, die sich am Sonntagsausflug ein paar Minuten das Match ansehen, ehe sie weiterfahren. Die Menschen um mich herum sind sehr freundlich. Mehrmals beginnen sie mit mir zu sprechen, leider kann ich den Großteil davon nicht verstehen. Ich bin allerdings sowieso nicht zum Plaudern aufgelegt. Ich habe keine Lust zu erklären, warum ich vom anderen Ende des Landes hergefahren bin, um dann bei bestem Ausflugswetter alleine an einer Böschung neben dem Schnabelholz zu stehen.Die Zweifel, die mich plagen, während ich den Auswärtsblock beobachte, werde ich auch meinen Freunden gegenüber nicht erwähnen. Auf der feuchtfröhlichen Rückfahrt sind sie sowieso schnell verflogen.
Was war das wieder für ein Spieltag? An viel kann ich mich nicht erinnern. Es war also alles wie meistens. Bereits am Weg zum Stadion trage ich eine Sonnenbrille. Dabei scheint gar keine Sonne, vor der ich meine Augen schützen müsste. Wovor ich mich schützen muss, sind vielmehr die Blicke auf meine Augen. Die schauen nämlich schon jetzt übel aus. Vor dem kritischen Urteil vom allseits bekannten „Pumuckl“ schützen sie trotzdem nicht: „Wos is Stadionverbotler? Immer deppat einesaufen“, ruft er mir zur Begrüßung entgegen, sodass es der ganze Stadionvorplatz hören kann. Seine Analyse ist zwar nicht sonderlich tiefgründig, sie stimmt aber. Seit ich draußen stehe, bedeutet ein Spielbesuch oft, blunznfett und butterwach zu sein. Auf meinen körperlichen Zustand hat die Präventivmaßnahme Stadionverbot definitiv keinen positiven Einfluss. Während ich im Stadion meistens nüchtern war, 90 Minuten gesungen habe und gesprungen bin, stehe ich jetzt die meiste Zeit nur herum, stopfe Junk Food in mich hinein, saufe Bier oder rauche mich ein. Aber was soll’s, das bisschen Eskapismus kann mir keiner verbieten.
Von einem Hügel neben dem Stadion erhaschen wir ein paar Blicke aufs Spiel. Um wirklich vernünftig etwas sehen zu können, sind wir allerdings zu weit entfernt. Der Polizei erscheinen wir dennoch suspekt. Als wir über Feld und Wiese zurück zu den Autos gehen, werden wir wieder einmal angehalten und einer Identitätsfeststellung unterzogen. Mittlerweile sollten sie uns eigentlich kennen, aber es geht meistens ohnehin nur ums Schikanieren. Wie es der Zufall so will, finden die Beamten bei einem von uns auch noch eine bengalische Fackel, mit der wir ursprünglich auf uns aufmerksam machen wollten. Das hat sich wieder einmal ausgezahlt. Dafür hätte ich mit den neuen Sneakers nicht durch den Gatsch gehen müssen.
Ich bin nicht böse, dass ich selbst beim sommerlichen Test nicht rein kann. Immerhin herrscht herrliches Badewetter, und das Stadion liegt direkt an einem See. Wir haben es richtig gut. Beinahe vergessen wir, dass Rapid spielt. So könnte die Saison weitergehen.
Ich liebe diese Cupbegegnungen gegen kleine Vereine. Die Menschen freuen sich, dass wir da sind, und das Thema Stadionverbot ist ihnen sowieso fremd. Mehrmals fragt man uns, warum wir nicht rein kommen, es gebe doch noch Karten. Das Angebot schlagen wir aus. Heute ist es auch gar nicht nötig. Wir können direkt hinter dem Sektor auf einer Stützmauer stehen. Wir schwenken Fahnen und supporten die Mannschaft gemeinsam mit den anderen aus dem „BlockWest“. Es fühlt sich an, als würden wir einfach in der letzten Reihe des Auswärtsblocks stehen.
Es ist ein Kommen und ein Gehen. Manche haben das Glück, dass ihr Stadionverbot ausläuft und sie wieder rein dürfen, andere kommen dazu. Meistens kennt man die Leute, da sie überwiegend zur aktiven Fanszene gehören – zumindest diejenigen, die trotz Stadionverbot kommen. Mit diesem Neuzugang am ersten Spieltag hat jedoch niemand gerechnet. Es ist so etwas wie ein Besuch aus den 1980er Jahren – der „Rapid-Charly“ in voller Montur. Er platziert sich mit Zylinder samt Sirene am Kopf neben uns auf einem Campingstuhl. Hinter sich hat er ein Transparent angebracht: „50 Jahre Rapid Fan! In Europa kein Problem außer in Wien (Geräte) ‚Fan-Betreuung‘ lässt mich im Stich! Danke! I love my Team 4ever“. Durch sein Aussehen und seine skurrilen Fernsehauftritte ist er so etwas wie ein Kultfan. Oder ein Maskottchen. Zumindest kennt den gebürtigen Kärntner fast jeder, wodurch sein Protest einige anlockt. Genau genommen hat er aber kein Stadionverbot, sondert bleibt freiwillig draußen. Er will darauf aufmerksam machen, dass ihn Ordner beim letzten Spiel der Frühjahrssaison mit seiner Sirene nicht ins Stadion gelassen haben. Wie sich später herausstellt, hätte sich das Klubservice bereits um alles gekümmert gehabt. Charly hat es allerdings die Sommerpause hindurch nicht geschafft, sich das Schreiben abzuholen, in dem ihm eine Sondergenehmigung für seine Gerätschaften erteilt worden ist. Spätestens mit Anpfiff lässt der Trubel um seine Person nach, und Charly sitzt auf seinem Campingsessel und trinkt sein mitgebrachtes Bier. Er wirkt traurig und einsam, also leiste ich ihm Gesellschaft. Sofort bietet er mir eines seiner – wie sich herausstellt – brunzwarmen Biere an. Trotzdem säuft es sich gemeinsam doch viel schöner. Der Auftritt vor den Stadiontoren bleibt eine Ausnahme. Charly ist von da an samt Geräten wieder im Stadion.
Ich habe einen Entschluss gefasst. Heute wird es für mich anders laufen. Ich will dieses Spiel sehen – im Stadion. Ob das eine kluge Entscheidung ist, wird sich zeigen. Werde ich erkannt, droht mir eine Verlängerung des Stadionverbots. Das Risiko nehme ich in Kauf. Aber ich gehe vorsichtig an die Sache heran. Ich habe erzählt, dass ich es aus beruflichen Gründen nicht schaffen werde, zum Spiel zu kommen. Ich habe mir eine Karte für die Längsseite besorgt und nur meine engsten Vertrauten eingeweiht. Je weniger darüber geredet wird, desto besser. Der Anpfiff um 21.05 Uhr ist prädestiniert, um mich unerkannt unters Volk zu mischen. Ich ziehe ein Rapid-Trikot an und setze mir eine schwarze Kappe auf. Mit einem eiskalten Bier in der Hand ordne ich mich in den Besucherstrom ein. Anders als sonst versuche ich jedem aus dem Weg zugehen, der mich kennt – allen voran den szenekundigen Beamten, die bei solchen Spielen zahlreich vertreten sind. Falls ich den Eindruck habe, dass ich erkannt werde, würde ich einfachweitergehen und mich doch zur „Sektion Stadionverbot“ gesellen. Im Schutz der Dämmerung erreiche ich das Stadion und passiere die Einlasskontrollen. 15 Minuten vor Anpfiff sitze ich auf einem ungewohnten Platz im dritten Rang. Die Menschen um mich sind genau wie ich ansonsten eher nicht im Stadion anzutreffen – typische Europacuptouristen. Gemeinsam ärgern wir uns über den 0:2-Rückstand, mit dem es in die Pause geht. Die Mannschaft kämpft sich in Unterzahl wieder heran und gleicht gegen den Favoriten aus. Der „Block West“ geht ab und feiert durch die Rapid-Viertelstunde. Sehnsüchtig schaue ich Richtung Kurve. Zumindest habe ich das Ganze miterlebt. Als die Masse das Stadion verlässt, gehe ich auch. Heimlich, still und leise verschwinde ich in die Dunkelheit des Praters.
Die Saison ist noch jung. Daher herrscht gute Stimmung. Bestärkt durch das Unentschieden gegen Ajax hoffen alle, dass wir endlich in einer Meistersaison sind. Das Spiel gegen das Marketingkonstrukt aus Salzburg wird zeigen, wie unsere Chancen auf den Titel stehen. Mich motivieren diese Begegnungen immer noch sehr. Es hat für mich etwas von Klassenkampf. Ich will aber nicht schon wieder 90 Minuten im Bus sitzen und warten, dass es vorbei ist. Gemeinsam mit drei Leidensgenossen verlasse ich den Gästeparkplatz. Wir begeben uns auf die Suche nach Alternativen und werden hinter der Haupttribüne fündig. Die großflächige Verglasung des VIP-Bereichs bietet einen hervorragenden Blick auf die vielen Flatscreens im Inneren. Dort läuft das Spiel, doch unsere Blicke schwenken immer wieder vom Bildschirm weg. Immerhin stehen wir direkt hinter den Köchen, die das Buffet für die Halbzeitpause vorbereiten. Wir können die vielen Köstlichkeiten zwar nicht riechen, aber wie heißt so schön: Das Auge isst mit. So stehen wir in der Pause mit einem Dosenbier in der Hand hier und schauen den Möchtegern-VIPs zu, wie sie sich laben. Lange wird es nicht dauern und irgendwer wird uns wegstampern. Doch nach Ende des Halbzeitansturms am Buffet begeben sich die Leute wieder ins Stadioninnere, und wir stehen immer noch ungestört da. Plötzlich geht das Fenster auf – es wird wohl wieder mühsam. Ein Koch schaut zu uns und fragt: „Burschen, wollts was zum essen?“ Da sagen wir natürlich nicht nein. Er reicht uns einen großen Teller mit köstlichen Leberkäsesemmeln – eine perfekte Mahlzeit. Wir bedanken uns herzlich, er nimmt den abgeräumten Teller und schließt das Fenster wieder, ohne dass jemand aus dem Innenraum etwas mitbekommen hat. Das ist gelebte Solidarität der Arbeiterklasse. Rapid gewinnt 2:1.
Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut. Ein Moment der vollkommenen Ekstase. 3:2 für Rapid. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Wie in Trance genieße ich den Triumph und feiere inmitten meiner Freunde. Scheiße, wie ist mir das abgegangen. Meine Freude kennt keine Grenzen. Das bundesweite Stadionverbot erfreulicherweise schon.
Der Gästeparkplatz in Graz-Liebenau ist ziemlich trostlos. Nach Anpfiff machen wir daher einen kleinen Spaziergang. Da wir schon beim letzten Mal an der Suche nach einem Lokal, das Spiele überträgt, gescheitert sind, gehen wir in die andere Richtung. Doch bereits nach fünf Minuten des friedlichen Flanierens werden wir angehalten. Mittlerweile kenne ich mich mit Identitätsfeststellungen aus. Ich frage den Wortführer der Polizisten, auf welcher Rechtsgrundlage er meine Identität feststellen will. „Wegen dem Sicherheitspolizeigesetz“, sagter. „Okay, aber was ist der Grund dafür?“ Er verweist neuerlich bloß auf das gesamte Gesetz. Ich erkläre ihm, dass Paragraf 35 SPG explizite Gründe erfordert und ich wissen will, warum er meine Identität feststellen will, obwohl ich hier nur den Gehsteig entlanggegangen bin. „Wenns deppat werdets, dann verhaften wir euch“, antwortet er. Wir zücken unsere Ausweise und lassen uns die Dienstnummer des Beamten geben. Zu den Bussen können wir nicht mehr zurück. Die stehen nämlich in der Sicherheitszone, die wir nun verlassen müssen.
Der Abpfiff eines Spiels ist immer eine Erleichterung. Dabei ist völlig unerheblich, ob die Mannschaft eine knappe Führung gerade noch halten können hat oder der Ausgang schon früh klar gewesen ist. Das Ende der Partie ist der Anfang einer raschen Rückkehr in die Normalität. Mit jedem Besucher, der das Stadion verlässt, verliert das eigene Dasein vor den Toren an Besonderheit. Man wird wieder Teil der Masse, die den Stadionvorplatz bevölkert – innerhalb weniger Minuten nehmen die Dinge ihren gewohnten Lauf. Es wird langsam zermürbend, draußen zu stehen. Trotzdem will ich nichts mehr riskieren. Bald habe ich ein Jahr hinter mir, dann werde ich um frühzeitige Aufhebung meines Stadionverbots ansuchen.
„Was macht ihr hier?“, fragt ein Mittvierziger, der auf seinem City-Bike bei uns anhält. Er stoppt sein Rad, weil er nicht vom Ball getroffen werden will, mit dem Karli wieder einmal sinnlos durch die Gegend schießt. Der schlaksige Mann trägt ein „Star Wars“-Leiberl und einen roten Helm. Seine Knie und Ellbogen sind mit massiven Protektoren geschützt. Zusätzlich blitzen uns an seinen Armen und Beinen gelbe Reflektoren entgegen. Er mustert uns von Kopf bis Fuß. Wir Stadionverbotler machen auf ihn einen sonderbaren Eindruck. Wir beantworten geduldig seine Fragen, doch unsere Antworten befriedigen ihn nicht – er fühlt sich von uns verarscht. Dass wir eine Ansammlung von Leuten sind, die nicht ins Stadion dürfen und deshalb nun direkt davor stehen und warten, bis das Spiel vorbei ist, kann er nicht glauben. Er durchlöchert uns mit Fragen. Den meisten von uns wird das Gespräch schnell zu blöd – sie spielen wieder Fußball. Auch der Radfahrer zieht bald von dannen. Begegnungen dieser Art bin ich mittlerweile gewohnt. In unserer Situation ziehen wir seltsame Menschen an wie ein Magnet.
Ich kann mich nicht motivieren. Es wird so gut wie niemandem auffallen, wenn ich nicht da bin. Wem muss ich etwas beweisen? Alle wissen, dass ich Altach nicht leiden kann. Die Alternativen sind zu verlockend. Ich verbringe lieber ein Wochenende am Meer, anstatt mich nach Vorarlberg aufzumachen.
Der Auswärtssektor des WAC ist für Stadionverbotler richtig geschmeidig. Durch einen Maschendrahtzaun kann man das Spielfeld sehen und steht zudem neben dem Auswärtssektor. Wir wollten das schon länger einmal ausgiebig zelebrieren. Die Busse werden auf unseren Wunsch so positioniert, dass sie direkt hinter dem Auswärtssektor stehen. Der erste Teil des Spektakels wird ein kleines Feuerwerk. Wir checken die Lage und bereiten alles vor. Sobald uns keine Polizisten mehr beachten, stürmen zwei von uns nach draußen und zünden die Raketen. Danach klettern einige auf den Bus und präsentieren ein Spruchband. „Ausgesperrte mit euch“ lautet das Motto des Tages. Die Rapidler im Stadion jubeln.
Es ist ganz egal, wie sehr man Problemen ausweichen will, sie finden einen. Völlig überraschend und meistens dann, wenn man sie nicht brauchen kann. Eigentlich ist der Spieltag schon vorbei. Die drinnen haben ihren Spaß gehabt, der „Block West“ hat sich nach vielen Jahren wieder einmal mit Austria Salzburg duellieren können. Einer Fanszene, die gerade wegen der Feindschaft, die in der Zeit vor Red Bull sehr gewalttätig ausgelebt worden ist, geschätzt wird. Die Polizei hat größtenteils bereits Dienstschluss, als eine kleine Gruppe Salzburger direkt in unsere Richtung kommt. Im spärlich beleuchteten Stadionumlauf sind sie nur vage zu erkennen. Innerhalb weniger Sekunden kracht es – und ich bin mittendrin. Bis die Polizei da ist, sind wir längst in alle Himmelsrichtungen verschwunden. Neuerlichen Stress mit den Bullen hätte ich jetzt so gut brauchen können wie einen Stein am Schädel. Eigentlich wollte ich mich bis zum Ende des Stadionverbots aus all diesen Situationen tunlichst fernhalten, aber was soll ich machen, wenn alte Feinde plötzlich direkt vor mir stehen?
Es ist so weit. Der Senat 3 entscheidet nach 59 Partien über meinen Antrag zur vorzeitigen Aufhebung des Stadionverbots. Ich bin zum Vorsprechen geladen – die Mitglieder des Gremiums wollen sich ein Bild von mir machen. Ich weiß, wenn ich Reue zeige und davon spreche, Fehler eingesehen zu haben, wird mein Stadionverbot frühzeitig aufgehoben. So eine Geschichte will ich denen aber nicht auftischen. Ich entscheide mich, ehrlich zu sein. „Glauben Sie, dass in Zukunft wieder Probleme mit der Polizei haben werden?“, fragt mich der Vorsitzende. „Sicher sogar“, antwortete ich. „Jeder, der regelmäßig zum Fußball geht und zur Fanszene gehört, muss damit rechnen.“ Ich nutze die Plattform, um meine Sicht der Dinge darzustellen, und spreche über Grundsätzliches. „Ich sehe keinen Sinn im Stadionverbot und wüsste nicht, warum ich noch länger draußen stehen sollte“, sage ich. Dem Senat 3 geht es offenbar genauso. Nach 14 Monaten wird mein zweijähriges Stadionverbot aufgehoben. Ich weiß, dass es mich wieder treffen kann.
Dieses Tagebuch basiert auf der Fantasie des Autors, die Erzählung ist fiktiv. Teile der Geschichte könnten jedoch in ähnlicher Form stattgefunden haben.
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