219 Zuschauer besuchten das erste öffentlich ausgerichtete Fußballspiel in Wien. Auf der Kuglerwiese in Döbling sahen sie am 15. November 1894 bei freiem Eintritt eine 0:4-Niederlage des First Vienna Football Club gegen die Cricketer. In kleinerem Rahmen war allerdings schon zuvor auf dem Gebiet des heutigen Österreichs gespielt worden, der erste dokumentierte Ort ist das Jesuitengymnasium Stella Matutina in Feldkirch. Auf zwei Wegen landete das Spiel schließlich in der Hauptstadt: via Graz und über Baden.Kickende Schüler und Studenten
1893 fand in Prag das erste Spiel zwischen den Klubs Regatta und Viktoria statt, dabei ließ sich der Grazer Student Georg Wagner für das Fußballspiel begeistern, er schloss sich der Regatta an. Wie Karl Kastler in seinem Buch „Fußballsport in Österreich“ berichtet, wurde Wagner kurz darauf von seinen Eltern, die sich um seinen Studienfortschritt sorgten, nach Graz zurückbeordert. Dort hielt er mit Unterstützung seines Gönners Ferdinand von Platen am 18. März 1894 mit dem Grazer Akademisch-Technischen Radfahrverein (ATRV Graz) ein erstes Fußballspiel ab, allerdings nur vereinsintern.
Am Badener Kaiser-Franz-Josephs-Gymnasium wiederum wurde bereits im Sommer 1891 im Schulunterricht Fußball gespielt. Die Allgemeine Sportzeitung berichtete: „In Baden bei Wien wird von der Jugend des dortigen Obergymnasiums seit kurzem das Fußballspiel kultiviert, und es findet diese schöne, kräftigende Leibesübung bei den Schülern den vollsten Anklang.“ Geleitet wurde das Spiel von Ludwig Lercher, einem Lehrer, der sich nach einem Ministerialerlass zur Einführung von Schulspielen für den Fußball entschieden hatte. Diese Idee sei ihm nach Lektüre englischer Werke gekommen, schreibt Karl-Heinz Schwind in seinem Buch „Geschichten aus einem Fußball-Jahrhundert“.
Ein Stein war ins Rollen gebracht – und nicht mehr aufzuhalten: Als sich an einem Sonntag im Juni 1894 auf der Eiswiese in der Heiligenstädter Straße in Wien erstmals einige „Narrische“, wie sie in Wien genannt wurden, öffentlich beim Fußballspiel zeigten, geriet die Veranstaltung außer Kontrolle. Neugierige kamen und stürmten das Feld, um sich am Spiel zu beteiligen, wie das Allgemeine Sporttagblatt berichtete.Reisebüroleiter als Fußballpionier
Ein paar Wochen später waren zwei Engländer dafür verantwortlich, dem Wiener Fußball eine Struktur zu geben: Zum einen James Black, ein Gärtner von Baron Nathaniel Rothschild, der mit seinen Erzählungen vom englischen Fußballspiel seinen Kollegen den Mund wässrig machte. Als Franz Joli, der Sohn von Rothschilds Gartendirektor, nach einem Lehraufenthalt in England ebenfalls mit der Fußballleidenschaft angesteckt wurde, ließen sie Taten folgen. Aus Baron Rothschild wurde der erste Finanzier des Wiener Fußballs. Die Wappenfarben seiner Familie wurden zu den Klubfarben des ersten Vereins des Landes: dem First Vienna FC, der am 22. August 1894 von Black, Joli und ihren Mitstreitern gegründet wurde.
Mark Nicholson wiederum sorgte für die rasche Weiterentwicklung des Fußballs in Wien. Der ehemalige englische Teamspieler war 1897 als Büroleiter der Niederlassung des Reiseveranstalters Thomas Cook nach Wien gekommen und engagierte sich bei der Vienna. Dort veranlasste er den Einbau von Tornetzen, nachdem er im Spiel gegen die Cricketer am 15. November 1897 einen derart scharfen Schuss aus 40 Metern abgegeben hatte, dass niemand sagen konnte, ob der Ball zwischen den Stangen oder daneben gelandet war.
„Als Nicholson 1900 in seine Heimat zurückbeordert wurde, hatte er ganze Arbeit geleistet“, schreibt Schwind. Er wurde zu Viennas erstem Ehrenkapitän auf Lebenszeit ernannt, der Vorgängerverein des FC Wien benannte sich nach ihm FC Nicholson. Der Fußballpionier hatte Training und Spielgestaltung in Wien reformiert, zudem 1898 das Komitee zur Veranstaltung von Fußballspielen ins Leben gerufen und 1900 die Österreichische Fußball-Union gegründet. Mit diesen beiden Institutionen war es Österreich möglich, internationale Spiele abzuhalten. 1904 gründete sich daraus der Österreichische Fußball-Bund.