„Win When We’re Singin’“. So haben die „Freund*innen der Friedhofstribüne“ des Wiener Sport-Club in Anlehnung an den britischen Chant 2017 ihr Liederbuch genannt. Es sollte gleichermaßen ein Archiv sein wie eine Einstiegshilfe für Neuzugänge und ein Kanon des Dornbacher Liedguts. Der Wortlaut der darin gesammelten Gesänge sei aber nicht in Stein gemeißelt, sagt Alex Prückler. „Die Lieder werden je nach Situation adaptiert. Wenn die Frauen kicken, sind es eben nicht die Gegner, sondern die Gegnerinnen, die an die Wand gespielt werden.“ Und wenn die Eishockeysektion antritt, tut sie das nicht „on the green“, sondern „on the ice“.
Prückler ist seit Jahren Teil der Stammbelegschaft auf der Friedhofstribüne, kurz FHT. Jenem Ort, an dem sich die aktiven Fans des Wiener Sport-Club in der Regionalliga Ost versammeln. Und jener Ort, an dem die Idee zur Gründung einer Eishockeysektion reifte. Es überrascht somit nicht, dass das ballesterer-Gespräch in einem Beisl neben dem Sportclub-Platz stattfindet. „Ich habe da drüben schon alles mitgemacht“, sagt Prückler. Seit knapp zwei Jahren ist sein Portfolio um einen Posten reicher. 2018 war er maßgeblich an der Etablierung der Eishockeysparte beteiligt, heute ist er deren stellvertretender Leiter und bezeichnet sich als Tormannurlaubsvertretung der zweiten Mannschaft.
Love Hockey – Hate Fascism
Der WSC trägt seine Heimpartien in der Halle C der 1958 eröffneten Wiener Stadthalle aus, der Eisstadthalle. An Spieltagen ist dort Schwarz-Weiß die dominierende Farbkombination, Shirts mit dem Aufdruck „Love Hockey – Hate Fascism“ sind zu sehen. „Die Eisstadthalle ist mit dem Sport-Club-Platz vergleichbar. Beide haben so ein abgerissenes Flair, das passt richtig schön zusammen“, sagt Renate. Auch sie kommt vom Fußball, ist aber mittlerweile voll in Eishockey reingekippt, wie sie sagt. Letzten Herbst habe sie sich nach Ewigkeiten wieder Eislaufschuhe gekauft. Auch am 10. November ist sie dabei, als es gegen die Ice Tigers des Polizeisportvereins geht. „We love you Sport-Club, we do!“, schallt es durch die Halle. „Wir rechnen uns schon etwas aus“, hat Prückler wenige Tage zuvor bei einem Krügerl Cerna Hora gemeint. Und er soll Recht behalten. Der Sport-Club feiert seinen Premierensieg in der zweiten Wiener Liga, 6:1 heißt es am Ende. „We’re the finest hockey team, the world has ever seen“, singen die Fans.
Elf Tage später matcht sich der Sport-Club mit den Vindobona Praetorians. Es ist ein Donnerstagabend, der Besucherandrang hält sich in Grenzen, die WSC-Fans sind deutlich in der Überzahl. Traditionsgemäß begrüßen sie ihren Goalie mit einem adaptierten Wencke-Myhre-Schlager. „Er steht im Tor, im Tor, im Tor, und wir dahinter. Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind wir nah bei unsrem Schatz, auf dem Hockeyplatz.“ Der Sport-Club hält in diesem Duell der Tabellennachbarn lange mit, findet viele Chancen vor, verwertet allerdings keine. Die Gegner zeigen sich kaltschnäuziger, sie treffen viermal und verlassen als verdiente Sieger das Eis.
Elegante Bodychecks
Das vierte Drittel geht aber wieder an die Dornbacher. Kein Wunder, bündeln Eishackler und Fans dort doch regelmäßig ihre Kräfte. „Nach dem Schlusspfiff stehst du gemeinsam vor der Halle, trinkst ein Bierchen und redest über das Match“, sagt Xaver. „Eishockeyspieler sind nahbarer als Fußballer, die irgendwie in ihrer eigenen Sphäre leben.“ Xaver ist als Betreiber des Flag-Shops unter der Friedhofstribüne integraler Bestandteil der Fanszene und das erste Off-Ice-Mitglied der neuen Sektion. Seine Liebe für den Sport-Club hat sich zuletzt etwas verlagert. „Ich bin bei jedem Fußballheimspiel dabei und fahre auch immer wieder auswärts, gehe mittlerweile aber eigentlich lieber zum Eishockey.“ Renate hat es die Geschwindigkeit angetan. „Es ist irrsinnig schnell. Mir taugt die Dynamik mit den Bodychecks – und die Eleganz.“ Ihren Enthusiasmus gießt sie in Comicform. Dafür sucht sie Inspiration, wo andere oft nur Frustration finden: im Regelbuch des internationalen Eishockeyverbands IIHF. Das durchforstet sie immer wieder nach besonderen Passagen und macht daraus kurze parodistische Strips. Zum Beispiel darüber, warum Spieler keine schweren Gegenstände mit aufs Eis nehmen dürfen.
Schon bald nach Gründung der Eishockeysektion wurde deutlich, dass sich die Kantineure der Wiener Eishallen auf WSC-Spiele anders vorbereiten müssen, als sie das von jenen der Konkurrenz gewohnt waren. Es kann nämlich durchaus vorkommen, dass ein Bus voller Fußballfans bei der Rückkehr von einem Match noch beim Eishockey Halt macht. In der Eisstadthalle schupft Michaela die Kantine. Während eine Dose Bier den Besitzer wechselt, sagt sie: „Der Sport-Club ist ja quasi ein Familienbetrieb. Wenn die spielen, ist immer viel los.“ So war es auch beim freundschaftlichen Duell gegen die WEV Lions Ende September. Das ging am selben Tag wie das Heimderby der WSC-Fußballerinnen gegen die Vienna über die Bühne. „Nach Schlusspfiff ist sofort ein voller 80er-Bus von Dornbach aus zum Eishockey nach Kagran gefahren“, sagt Prückler. „Die kürzeste Auswärtsfahrt aller Zeiten.“
Das Wappen des Meisters
Gegen Ende der Premierensaison war die Euphorie riesengroß. Der WSC schaffte es auf Anhieb in die Finalserie der dritten Wiener Liga und erzwang dort den Showdown gegen die Wizards. Prückler: „Wir haben vorher nicht gewusst, wie viele Leute in die Eisstadthalle passen. Jetzt wissen wir es: 450.“ Ausgerechnet dieses Match verpasste Martin Rossbacher aufgrund einer lang geplanten Groundhoppingtour durch die Schweiz. Ansonsten zählt der langjährige Obmann der „Freund*innen der Friedhofstribüne“ zu den Stammgästen hinter dem Plexiglas. Wenn er heute das FHT-Logo auf den Dressen der Eishackler sieht, freut er sich. „Nachdem es schon eine Saison auf den Shirts der Fußballer war, ist das jetzt ein weiteres Highlight in der Sichtbarmachung dessen, was den Verein ausmacht. Das Engagement der FHT für den Sport-Club war in der Vergangenheit schon groß, besonders in den schlechten Zeiten. Und heute steht das alte Haus WSC so gut da wie schon lange nicht mehr.“
Rossbacher spricht nicht von der Gründung der Eishockeysektion, sondern von deren Wiedergründung. Und technisch gesehen hat er damit recht. Der WSC war nämlich 1914 bereits österreichischer Eishockeymeister, in der Zwischenkriegszeit wurde die Sektion jedoch abgemeldet. „Das hat für die Spieler einen emotionalen Aspekt“, sagt er. „Sie wissen, dass sie mit dem Wappen eines ehemaligen Meisters spielen.“ Auch wenn ihr Team nicht immer meisterlich auftritt, bleibt der Support der WSC-Fans positiv. Als der Sport-Club an diesem Donnerstagabend im November gegen die Vindobona Praetorians verliert, wird trotzdem gemeinsam gefeiert. „Der Stimmung tun Niederlagen keinen Abbruch“, sagt Prückler. „Die Leute von der FHT singen ja trotzdem.“ Und nicht nur, wenn sie gewinnen.