Nach knapp achtmonatiger Verletzungspause kam Viktoria Schnaderbeck Ende März zu ihrem Pflichtspieldebüt für Arsenal. Im Interview spricht die Kapitänin des österreichischen Nationalteams über ihren Umgang mit Verletzungen, die Entdeckung Londons und ihren Glauben.
Verletzung, Operation, Reha, Comeback – Viktoria Schnaderbeck kennt dieses Prozedere zu gut. Im vergangenen August zog sie sich ihre sechste schwere Knieverletzung zu. Nur wenige Wochen davor war sie nach elf Jahren beim FC Bayern zu Arsenal gewechselt. Am 24. März kam Schnaderbeck dort zu ihrem Ligadebüt, danach zu weiteren Kurzeinsätzen. Ende April gewann sie mit Arsenal den Meistertitel. Der ballesterer traf die 28-jährige Defensivspielerin nach ihrem Comeback für das Nationalteam – einem 0:2 gegen Schweden – im Teamhotel in Wien-Hietzing.
ballesterer: Am Ende einer schwierigen Saison haben Sie den Meisterpokal in die Höhe stemmen dürfen – wie viel von den Schmerzen der letzten Monate macht der Titel wett?
Viktoria Schnaderbeck: Ich habe mir versprochen, die Momente zu genießen und gebührend zu feiern. Ich weiß, wie viele schwierige Tage in London hinter mir liegen, daher sind die vergangenen Wochen eine Belohnung, eine Entschädigung und ein Happy End.
Ende März haben Sie beim 5:1-Sieg in Liverpool Ihr Debüt für Arsenal gegeben. Ein Video zeigt Sie bei der Einwechslung mit einem breiten Grinsen. Was war das für ein Gefühl?
Als ich das Video gesehen habe, ist mir bewusst geworden, wie ich gestrahlt habe. Ich habe es genossen. Ich wollte endlich für den Verein auflaufen. Das erste Mal ist ja immer speziell.
Wie wollen Sie einen Stammplatz ergattern?
Es ist schwierig, als Verteidigerin in eine eingespielte Mannschaft zu kommen. Ich will die Vorbereitung nutzen und nächste Saison voll angreifen. Mit der Champions League, den zwei Cups und der Meisterschaft steht viel auf dem Programm. Ich war fast ein Dreivierteljahr raus. Da kann man nicht erwarten, dass es dann ruckzuck geht.
Was ist der größte Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Liga?
In England ist die Spielanlage risikoreicher. Bei Arsenal spielen wir mit sehr viel Tempo. Die Trainings sind intensiver, dafür gibt es weniger Einheiten. In Deutschland haben wir sehr viel trainiert, wir waren Trainingsweltmeister. Generell hat sich in England in kurzer Zeit viel getan. Die deutsche Liga ist seit Jahren auf einem sehr guten Niveau, aber zuletzt ist nicht mehr viel passiert. Teams wie Freiburg, Bremen und Hoffenheim haben nicht den nächsten Schritt gehen können – obwohl sie an Männervereine gekoppelt sind.
Ist die Aufmerksamkeit für den Frauenfußball größer als in Deutschland?
In England wird er mehr gepusht. Egal ob in sozialen Netzwerken, durch TV-Übertragungen oder Livestreams. Es wird viel berichtet. Das ist sicher ein Verdienst des Verbands. Die Zuschauerzahlen sind durchschnittlich auch höher. Arsenal hat einen Schnitt von 1.500. Weil die Stadien kleiner sind, ergibt das eine coole Stimmung.
Seit 2018 spielen in der Women’s Super League nur noch Vollprofis. Ist die Professionalisierung ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung?
Wenn man es aus diesem Blickwinkel sehen will, ja. Ich würde aber gar nicht zwischen Männern und Frauen vergleichen. Es hat auch innerhalb des Frauenfußballs Riesenunterschiede gegeben. Inzwischen sind die Gehälter auf ein Grundlevel angehoben worden.
Können Fußballerinnen zu mehr Gleichberechtigung beitragen?
Ich glaube schon. Wir sind Vorbilder, wir können Akzente setzen. Ich denke an die schwedischen Teamspielerinnen, die sehr feministisch eingestellt sind. Ich bin keine aktive Feministin, aber ich äußere meine Meinung. Mir ist es wichtig, dass Frauen gleichberechtigt werden.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie gern Fußball spielen, wenn es harmonisch ist. Ist es bei Arsenal harmonisch?
Auf jeden Fall. Harmonie und Teamspirit sind für mich wichtige Erfolgskriterien, aber man muss auch sachliche Kritik üben können. Bei Arsenal ist das eine gute Mischung. Wir haben ein tolles Mannschaftsklima und einen familiären Umgang. Ich habe mich von Anfang an wohlgefühlt.
Auch in der Stadt?
Ja, sehr. London ist eine coole Stadt. Mir taugt das Lebensgefühl, der Umgang unter den Menschen, das Offene. Manchmal ist mir zu viel los, aber da ich etwas außerhalb wohne, habe ich einen Rückzugsort.
Sie gehen gerne in Kaffeehäuser und testen Restaurants. Haben Sie in London schon interessante Lokale gefunden?
In München habe ich eine Liste an Lokalen gehabt, die ich abhaken konnte. In London komme ich nicht hinterher. Während ich zwei Cafés teste, haben wieder fünf neue aufgemacht. Ich fahre gerne an eine bestimmte Ecke von London, erkunde sie per Fahrrad oder zu Fuß, um ein Gefühl für die Gegend zu bekommen. Ich bin durch die Stadt viel offener geworden. Das betrifft die Menschen, aber ebenso Kunst und Kultur. Ich gehe zum Beispiel auch manchmal ins Museum.
„Das Ziel ist, dass wir uns für die EM 2021 in England qualifizieren und dass ich dort spiele. Danach schaue ich weiter.“
Sie haben sich immer wieder von Verletzungen zurückgekämpft. Wird es mit der Zeit einfacher, eine Reha anzugehen, weil man weiß, was auf einen zukommt, oder schwieriger, weil man weiß, wie zäh es sein kann?
Es wird schwieriger. Eine neue Verletzung katapultiert dich wieder zurück. Es ist ja nicht so, dass man sich herankämpft und dann gleich voll da ist. Du weißt nicht, wie das Knie reagiert. Der Prozess, bevor man wieder ins Training einsteigt, wird immer schwieriger. Einfacher ist, dass man die Situation kennt und weiß, welche Herausforderungen anstehen. Was das Mentale betrifft, habe ich mich weiterentwickelt, da habe ich ein gutes Paket für mich erarbeitet.
Wie schnell können Sie den Frust in eine positive Sicht umwandeln?
Relativ schnell. Nach meiner letzten Verletzung habe ich gedacht: „Das kann nicht sein. Wieso hat es mich wieder getroffen?“ Ich bin echt verzweifelt gewesen. Dann habe ich einen Plan aufgestellt: Ich habe mir ein paar Versprechen gegeben und sie aufgeschrieben. Manchmal habe ich sie besser umsetzen können, manchmal schlechter. Aber das hat mir geholfen.
Haben Sie das in dieser Reha erstmals so gemacht?
Dass ich die Punkte aufgeschrieben habe, ja. Aber sie sind schon irgendwie in mir drin gewesen. Wahrscheinlich habe ich noch nie Tag für Tag so bewusst Sätze gesagt wie: „Sei dankbar für gewisse Dinge“, „Bleib im Hier und Jetzt“, „Lass Emotionen zu“ und „Hör auf deinen Körper“. Ich habe gespürt, dass es am Ende gut sein wird, wenn ich mich auf diese Punkte verlassen kann. Und wenn mein Knie nicht mitmacht, wird der Körper mir das Signal geben. Das habe ich so verinnerlicht, dass es mich stark gemacht hat.
Haben Sie dabei Unterstützung von Mentaltrainern gehabt?
Ich habe unter anderem mit unserer Sportpsychologin aus dem Nationalteam geredet, aber ich war mehr oder weniger mein eigener Mentalcoach. Ich wollte nicht von einer anderen Person abhängig sein. Ich habe gewusst, dass ich meinen Kopf so programmieren kann, dass ich mein eigener Coach bin. Das hat geklappt. Darauf bin ich stolz.
Wie haben Sie gelernt, mit Verletzungen so positiv umzugehen?
Ich war immer schon eine Kämpfernatur. Ich habe nie den einfachen Weg gewählt. Auch im Privaten habe ich immer gewusst: So schnell wirft mich nichts um.
Was war die bisher schwierigste Phase in Ihrer Karriere?
Für mich waren zwei Verletzungen am schwierigsten: Aus mentaler Sicht die erste große Verletzung mit gerade einmal 17 Jahren, als ich frisch nach München gekommen bin. Ich war praktisch noch ein Kind und weg von daheim. Und auf einmal ist mir das, wofür ich alles aufgegeben habe, genommen worden. Als ob mir der Boden unter den Füßen weggerissen worden wäre. Mittlerweile habe ich mich weiterentwickelt, ich habe viele gute Jahre im Fußball erlebt, bin nach Verletzungen immer wieder zurückgekommen. Das hat mir eine gewisse Gelassenheit gegeben. Trotzdem war die jüngste Verletzung aus körperlicher Sicht vielleicht die schwierigste.
Wie oft haben Sie schon ans Aufhören gedacht?
Nicht daran, dass ich aufhören will. Aber wenn das Knie wieder schmerzt und man sich noch einmal operieren lassen muss, fragt man sich schon: „Wird das noch einmal?“ Die Ungewissheit ist vielleicht das Schwierigste in so einer Phase. Ich habe zu akzeptieren gelernt, dass ich den Ausgang nicht kenne. Du weißt lange nicht, in welche Richtung es geht, aber umso näher das Comeback rückt, umso mehr vergisst du, was gewesen ist. Die schlechten Erinnerungen treten dann in den Hintergrund. Aber ich darf nicht darüber nachdenken, wie oft ich ein OP-Kleid getragen habe, wie oft ich an dem Punkt war, an dem ich bei null anfangen musste.
Sie glauben an Gott. Hilft Ihnen das in den Verletzungsphasen?
Der Glaube ist für mich ein Anker, ich bin aber nicht stark gläubig. Ich glaube daran, dass alles so kommen wird, wie es kommen muss. Als Kinder waren wir fast jeden Sonntag in der Kirche, jetzt gehe ich noch, wenn ich daheim bin. Ich bete auch regelmäßig das Vaterunser. Das war früher das Einschlafritual mit Mama und Papa.
Auf Ihrer Website ist zu lesen, dass Sie in Ihrer Kindheit immer das Gefühl von Sicherheit und von Freiheit hatten. Haben Sie diese Gefühle noch immer?
Eigentlich ja. Das wird auch immer stärker, wenn ich heimkomme. Vielleicht auch, weil ich dann von der Großstadt aufs Land komme, wo das Leben viel langsamer ist. Es ist für mich ein Zufluchtsort. Daheim kann ich so sein, wie ich bin. Ich werde nicht danach bewertet, ob ich ein Spiel gewonnen oder verloren habe, ob ich verletzt bin oder nicht. Für mich ist das Heimkommen ein Stück weit Kindsein.
Wie viel Freiheit können Sie sich nehmen, ohne die Sicherheit aufzugeben?
Durch mein Umfeld und durch die Anker in meinem Leben verspüre ich eine Sicherheit, und gleichzeitig habe ich die Freiheit, Dinge so zu entscheiden, wie ich will. Ich bin frei in der Entscheidung, welchen Job ich ausüben will. Ich bin mehr oder weniger frei in der Entscheidung, in welchem Land ich meinen Job ausüben will. Ich bin frei in der Entscheidung, wie ich mein Leben gestalten will. Ich hätte diese Freiheit wahrscheinlich nicht, wenn die Sicherheit als Grundstock fehlen würde. Dann würde sich das Freisein nicht so gut anfühlen.
Rekordteamspielerin Nina Burger hat ihre Karriere im Nationalteam kürzlich beendet. Haben Sie einen Plan, wie lange Sie noch spielen wollen?
Nein. Aber die EM 2021 ist in England. Das Ziel ist, dass wir uns dafür qualifizieren und dass ich dort spiele. Danach schaue ich weiter.
Nach dem Halbfinaleinzug bei der EM 2017 in den Niederlanden hat Österreich an die dort gezeigten Leistungen nicht ganz anschließen können. Was ist schief gelaufen?
Das hat verschiedene Gründe. Die EM ist für uns überragend gelaufen, wir haben das Maximale herausgeholt. Danach haben wir in der WM-Qualifikation nicht mehr in diesem Flow weiterspielen können. Vielleicht war die Luft ein bisschen draußen. Trotzdem waren wir auf einem besseren Niveau als noch Jahre davor. Das 0:4 in Spanien ist zu hoch ausgefallen, gegen Serbien haben wir 1:1 gespielt, da hätten wir drei Punkte holen müssen. Aber wir haben die Gruppe klar als Zweiter abgeschlossen.
Und jetzt läuft es wieder besser?
Definitiv. Ich bin zwar eine Weile nicht dabei gewesen, aber im letzten Lehrgang hat man den Spirit und die Gier spüren können. Das Niveau war hoch, wir waren immer voll fokussiert. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt am Durchstarten sind.
Das heißt, die Europameisterschaft 2021 findet wieder mit Österreich statt?
Ja, ich bin davon überzeugt, dass wir es schaffen werden.
Viktoria Schnaderbeck (28) debütierte 2007 im Nationalteam, seit 2013 ist sie Kapitänin. Mit dem Arsenal FC hat sie im April in ihrer ersten Saison den Meistertitel gewonnen, davor spielte die Steirerin elf Jahre lang für den FC Bayern. Schnaderbeck hat einen Bachelor-Abschluss in Sportmanagement und absolviert ein Masterstudium in Wirtschaftspsychologie.
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