„Basisnah, nachhaltig und zeitgemäß“ – das sind die Schlagworte der Erklärung, die die deutsche Initiative „Unser Fußball“ Ende Juni veröffentlichte. Darin verlangen Fans Veränderungen von Vereinen und Verbänden. Die Coronakrise und die Fortsetzung des Profibetriebs ohne Zuschauer ist der Auslöser, doch die Probleme liegen tiefer. Die Initiative fordert eine gerechtere Verteilung von Fernsehgeldern, eine Begrenzung des Einflusses von Investoren und ein glaubwürdiges Engagement gegen Diskriminierung und Korruption. Unter dem Dach von „Unser Fußball“ sind Ultragruppen, Fanklubs, Organisationen und Einzelpersonen zusammengekommen, die die Erklärung unterzeichnet haben. Erfasst man dabei, wie viele Personen die Gruppen jeweils repräsentieren, sieht die Initiative „Unser Fußball“ mehr als 400.000 Menschen hinter ihrem Statement versammelt.
ballesterer: „Unser Fußball“ ist nicht die erste vereinsübergreifende Faninitiative. Es ist auch nicht das erste Mal, dass Forderungen an Verbände gestellt werden. Was ist dieses Mal anders?
Manuel Gaber: Wir befinden uns in einer Krisensituation. Die Coronapandemie hat die Schwächen eines kaputten Systems aufgezeigt und dazu geführt, dass erste Funktionäre von Verbänden und Vereinen Reformbereitschaft signalisiert haben. Dass den Worten nicht immer Taten folgen, wissen wir leider alle. Wir haben diese Initiative gestartet, um mit Nachdruck dafür zu plädieren.
Haben Sie aus früheren Kampagnen gelernt, was anders gemacht werden muss?
Uns ist besonders wichtig, dass wir mit einer Stimme sprechen. Natürlich gibt es bei Fanklubs und Ultragruppen jeweils unterschiedliche Meinungen darüber, wie Reformen aussehen sollen. Aber wir wollen zeigen, dass tatsächlich eine sehr breite Fanbasis Veränderungen will. Es sind nicht nur die üblichen Verdächtigen, die sich immer zu Wort melden.
Was sind die nächsten Schritte?
Wir übergeben die Erklärung an die Vereine und Verbände und fordern einen Grundsatzbeschluss, der die Richtung des Reformprozesses vorgibt, bevor die neue Saison im September startet. Uns reicht es nicht, auf eine Task Force zu warten, die irgendwann die Arbeit aufnimmt.
Wie sieht der Zeitplan genau aus? Es dauert noch ein gutes Monat, bis die Wettbewerbe in Deutschland wieder losgehen.
Wir werden Mitte August die Erklärung an den DFB und die Mitglieder der DFL übergeben. Dann ist die Zeit gekommen, um von Vereinsseite zu handeln. Wir brauchen den Grundsatzbeschluss. Denn wir merken auch, dass die zentrale Diskussion um die künftige Verteilung der Fernsehgelder Fahrt aufnimmt. Immer mehr Vereine positionieren sich bereits. Fortuna Düsseldorf und der 1. FSV Mainz 05 sprechen sich beispielsweise für eine gleichmäßigere Verteilung der Fernsehgelder aus.
Von Ihren Forderungen ist bis jetzt noch nichts umgesetzt worden, sie stehen auch nicht mehr so prominent in der Öffentlichkeit wie vor einigen Wochen. Aber die DFL diskutiert derzeit die Bedingungen für die Rückkehr von Zuschauern ins Stadion. Wäre das nicht das viel dringendere Anliegen für eine Faninitiative?
Beide Themen sind wichtig. Die Frage, wie in der Pandemie Fußball gespielt wird, ist natürlich akut. Da müssen die Fans mitreden. Gleichzeitig gibt es hier auch sehr unterschiedliche Positionen. Mitglieder von aktiven Fangruppen und Menschen, die auf der Haupttribüne sitzen, sehen die Frage sicher jeweils etwas anders. Deshalb sind das für uns zwei getrennte Diskussionen: Wie wird jetzt wieder Fußball gespielt? Und: Wie soll unser Fußball aussehen, wenn die Lage wieder normal ist?
Eine Nachfrage zum Fußball in der Pandemie: Jahrelang haben Fans Stehplätze verteidigt und personalisierte Tickets abgelehnt. Stehen wird in den nächsten Monaten niemand, persönliche Daten wird man sicher angeben müssen. Haben Sie da keine Bedenken?
Persönlich habe ich große Bedenken. Trotzdem haben wir dieses Thema innerhalb der „Unser Fußball“-Initiative bewusst ausgeklammert. Dennoch gibt es auch in dieser Debatte Aspekte, die jetzt beschlossen werden könnten, die nicht mit unserer Erklärung einhergehen. Fanrechte könnten eingeschnitten, Überwachungsmaßnahmen eingeführt werden. Die Gefahr ist groß, und dagegen gilt es sich einzusetzen.
An welchen Hebeln können Sie ansetzen?
Wir wollen stark lokal arbeiten, auf unsere Vereine zugehen und dort Druck für einen Grundsatzbeschluss aufbauen. Natürlich ist es schwierig, wenn Fans nicht zu den Spielen gehen können, weil uns so die Stimme im Stadion genommen wird. Aber mit der breiten Masse an Unterstützung haben wir deutlich gemacht, dass man uns nicht einfach ignorieren kann.
Die Forderung nach einem Grundsatzbeschluss noch vor Saisonbeginn ist eine starke Ansage. Ist das nicht auch etwas naiv, so etwas in so kurzer Zeit erreichen zu können?
Ich halte es eher für naiv, auf eine Task Force zu hoffen. Die soll irgendwann einberufen werden, und dann schaut man einmal, was dabei herauskommt. Angeblich haben alle erkannt, dass sich etwas verändern muss. Dann gilt es doch gerade jetzt, eine Richtung für einen solchen Reformprozess vorzugeben. Es gibt ja auch Vereine, die einen anderen Fußball wollen.
Welche Vereine sind das?
Der FC Augsburg hat beispielsweise gesagt, dass er unsere Forderungen gut findet. Kaiserslautern und Trier haben ebenfalls öffentlich auf unsere Initiative hingewiesen. Andere Vereine wie der SC Freiburg teilen viele Punkte inhaltlich. Dass man nicht zwingend mit RB Leipzig und dem FC Bayern als Unterstützern rechnen kann, ist klar.
Was passiert, wenn die Saison beginnt und es keinen Grundsatzbeschluss gibt?
Das ist denkbar. Und als Initiative können wir nicht großartig mit Konsequenzen drohen. Es ist aber klar, was auf dem Spiel steht. Wenn sich nichts ändert, werden sich immer mehr Menschen vom Fußball abwenden. Die Zeit der Spiele ohne Zuschauer hat ohnehin schon zu einer weiteren Distanzierung geführt.