Im Publikum wird viel genickt, als Radoslaw Kossakowski die ersten Ergebnisse seiner Forschung vorstellt. Der Soziologe ist bei der Eröffnung der Ausstellung „Fan.Tastic Females“ zu weiblichen Fans in Europa zu Gast, er arbeitet an einem Projekt über Frauen in der polnischen Fanszene. Eine ultramaskuline Welt, wie er sagt. Mit einem Anteil von 15 bis 20 Prozent Frauen. Die ersten Forschungsabschnitte sind beendet – eine Analyse von Beiträgen im populären Fanmagazin To My Kibice und eine Onlineumfrage. Es folgen Interviews mit Fans und Beobachtungen bei Spielen. Das Forschungsteam ist gemischtgeschlechtlich. Ein männlicher und ein weiblicher Blick seien wichtig, sagt Kossakowski.
ballesterer: Welche Rolle spielt das Geschlecht der Forschenden?
Radoslaw Kossakowski: Die Frage ist, ob Männer und Frauen die Atmosphäre unterschiedlich wahrnehmen. Wenn Gdansk gegen Legia Warschau spielt, ist einer der üblichen Rufe „Legia ist eine Hure“, kurwa auf Polnisch. Der Klub wird durch eine weibliche Bezeichnung beleidigt, aber es gibt keine Chants wie „Legia, du Sack!“.
Sie haben Matchberichte in rund 130 Ausgaben des Fanzines „To My Kibice“ analysiert. Was ist dabei herausgekommen?
Die Artikel sind allesamt aus männlicher Sicht verfasst. Ein Redakteur hat uns erzählt, dass auch hinter den Pseudonymen nur Männer stehen. Weiblichen Fans wird in diesen Matchberichten ein spezieller Status zugewiesen. Das ist bei den Angaben zur Anwesenheit gut erkennbar, da heißt es dann beispielsweise: „Wir sind 100, plus zehn Frauen“. Frauen zählen also buchstäblich nicht dazu. Ihre Anwesenheit wird aber registriert – auch um Niederlagen bei Auseinandersetzungen zwischen Gruppen zu begründen. Man sei sich nicht auf Augenhöhe begegnet, weil ein paar Frauen dabei waren und solche Dinge.
Was folgt daraus, wenn Frauen nicht als richtige Fans wahrgenommen werden?
Das Dogma, dass Frauen nicht geschlagen werden, bedeutet, dass ihnen auch kein Material abgenommen werden kann. Deswegen werden ihnen mitunter die Zaunfahnen anvertraut. In den Artikeln tauchen Aktivitäten von weiblichen Fans aber fast ausschließlich in traditionellen Rollenbildern auf: Sie stellen in Kindergärten und Schulen die Gruppe vor, sie kümmern sich im Stadion um Kinder im Familiensektor oder versorgen die Männer mit Verpflegung. Nur selten erhalten Frauen in diesen Erzählungen denselben Status wie Männer. Dafür müssen sie, so hart es klingt, sterben. Bei Lech Posen haben die Ultras ein Spruchband zum Gedenken an einen weiblichen Fan, die an Krebs gestorben ist. Darauf steht: „Du hast lange gekämpft und nie aufgegeben“. Solche Zuschreibungen sind sonst Männern vorbehalten.
Wie tauchen Frauen noch auf?
Wir haben ein weiteres Muster gefunden: Frauen – aber auch Kinder und ältere Menschen – dienen dazu, auf die Brutalität der Gegner hinzuweisen. Nach Auseinandersetzungen mit der Polizei und Ordnern heißt es dann etwa: „Die gehen sogar gegen Frauen vor.“ Nur ganz selten wird davon berichtet, dass ein weiblicher Fan einem anderen den Schal abgenommen hat. In solchen Schilderungen gibt es immer einen belustigten, ironischen Unterton.
Wie viel haben diese Berichte mit der Realität zu tun?
Es sind zuallererst Geschichten. Ich glaube, es ist ein Weg, die Anwesenheit von Frauen beim Fußball zu verarbeiten. Ich bin viel in Ultrasektoren unterwegs, dort fällt mir auf, dass sich die Männer sehr aufmerksam und höflich gegenüber Frauen verhalten. In Auswärtsbussen sind nur wenige Frauen dabei, ihnen wird aber immer ein Platz angeboten. So ein Gentlemanverhalten ist üblich, das hängt stark mit den traditionellen Bildern in der polnischen Gesellschaft zusammen.
Sehen Sie dort einen Gegensatz?
Ja, das ist doch paradox. In den Interviews wollen wir die Männer danach fragen, ob sie einen Widerspruch zwischen sexistischen Fangesängen, der vorherrschenden Sicht auf Frauen im Fußball und ihrem eigenen Verhalten gegenüber Frauen sehen. Ich denke, dass die Ultrawelt für viele der letzte Bereich ist, in dem sie diese Form von Männlichkeit ausleben können. Laute kurwa-Rufe wären in der Familie, im Beruf und an anderen Orten nicht möglich. Deswegen ist es ihnen vielleicht umso wichtiger, den Fußball möglichst frei von Frauen zu halten. Es ist eine Art Abwehrmechanismus. Diese männliche Welt verschwindet langsam, deswegen wird sie so vehement verteidigt.
Wie sieht diese Welt aus? Polnische Fanszenen gelten häufig als gewalttätig und rechtsgerichtet. Stimmt das?
Um die Jahrtausendwende haben aktive Fans immer auf Auseinandersetzungen gefasst sein müssen. Das ist heute anders, der Fußball hat eine große Modernisierung hinter sich. Die Stadien sind renoviert worden, die Überwachung ist stärker, die Gesetze sind verschärft worden, für den Einsatz von Pyrotechnik kann es bis zu drei Jahre Stadionverbot geben. In den Stadien gibt es kaum noch Auseinandersetzungen, dort ist das Risiko einfach zu groß. Gewalt findet auf dem Acker und im Wald statt. Im Stadion wird symbolische Gewalt ausgelebt, also mittels Spruchbändern, Choreografien und Gesängen. Die werden gegen Schiedsrichter, Homosexuelle und Flüchtlinge gerichtet oder eben gegen Frauen. Nicht alle Ultras sind rechts, aber es gibt in Polen keine linken Fangruppen. Themen wie Flüchtlingshilfe und die Rechte von Schwulen und Lesben gelten sofort als kommunistisch. Und der Antikommunismus ist hier auch 30 Jahre nach dem Umbruch sehr stark.
Gibt es explizite Regeln gegen die Anwesenheit von Frauen?
Mehrere Ultragruppen haben ein Auswärtsverbot für Frauen und junge Fans. Der offizielle Grund dafür sind Sicherheitsbedenken, weil es ja zu Auseinandersetzungen kommen könnte. Allerdings ist das Verbot auch praktisch, denn die Nachfrage für die kleinen Gästesektoren ist teilweise größer als das Angebot. Es gibt aber auch noch andere Gründe: Ein Fan hat mir im Auswärtszug einmal erklärt, dass die Toiletten dort nach einer halben Stunde vollkommen verdreckt seien. Er würde nicht wollen, dass seine Partnerin unter diesen Bedingungen reist. Die Frauen werden nicht gefragt, was sie eigentlich wollen.
Was sagen sie denn, wenn man sie fragt?
Die meisten Frauen akzeptieren die Situation, wie sie ist. Sie haben nicht den Eindruck, dass sie daran etwas ändern können. Sie wissen, dass sie sich anpassen und die männlichen Zuschreibungen und Verhaltensweisen nutzen müssen, um akzeptiert zu werden. Das fängt bei der eigenen Bezeichnung an. Auf Polnisch heißt Fan kibol, es gibt auch die weibliche Form, kibolka, aber die verwenden Frauen nicht, wie sie mir bei früheren Forschungen erzählt haben. Als ich gefragt habe, warum nicht, haben sie gesagt, sie würden keine weibliche Bezeichnung brauchen. Ich habe auch nach dem Schimpfwort kurwa gefragt, die meisten Frauen meinen, das gehöre eben dazu. Ein Fan hat allerdings gesagt, dass sie es leid sei: „Haben wir wirklich keine anderen Chants?“
Gibt es organisierte weibliche Fans in Polen?
Es gibt zwei offizielle Gruppen – in Katowice und in Rybnik. Die Frauen von „Female Elite 94“ in Katowice dürfen aber nicht auswärts fahren. Sie haben gesagt, dass sie das zwar für diskriminierend halten, es aber gleichzeitig für ihre eigene Sicherheit richtig sei. Sie haben das Verbot internalisiert.
Sie haben auch eine Onlinestudie gemacht. Was sind die zentralen Ergebnisse?
Fans von neun Vereinen haben mitgemacht, wir haben rund 4.000 Antworten bekommen. 22 Prozent davon waren von Frauen. Bei den Fragen zur Identifikation mit dem Verein und den Gründen für den Spielbesuch gibt es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Ebenso bevorzugen etwa gleich viele Frauen wie Männer den Ultrasektor im Stadion. Dieses Ergebnis hat uns überrascht.
Weil es im Gegensatz zu den Erzählungen der Ultras steht?
Ja. Wir alle erzählen Geschichten. Das ist ein Weg, uns und unser Leben zu definieren. In Bezug auf die Rolle von Frauen in der Ultraszene ist die Abweichung jedoch sehr groß. Die Erzählungen im Fanmagazin stellen weibliche Fans als weniger wichtig, als fehl am Platz oder als Sicherheitsrisiko dar. In unserer Umfrage ist eine große Mehrheit der Männer ganz anderer Meinung. Auf die Frage „Ist das Stadion ein guter Ort für Frauen?“ antworten 50 Prozent mit „Ja, auf jeden Fall“, 40 Prozent mit „Ja, eher“. Die Zeiten ändern sich schön langsam.
Radoslaw Kossakowski (40) ist Sportsoziologe an der Universität Gdansk. Derzeit forscht er gemeinsam mit Dominik Antonowicz und Honorata Jakubowska zu weiblichen Fans im Männerfußball. Die Ergebnisse werden 2020 auf Englisch in Buchform veröffentlicht.
Update: Das Buch ist im September 2020 bei Routledge erschienen.