Für einen kurzen Moment unterbricht Stefan Maierhofer das Aufwärmen. Gerade hat die SV Ried, der heutige Gegner der Admira, in höchster Not ins Toraus geklärt. Maierhofer nimmt den Ball, legt ihn zur Ecke und wartet auf den Schützen. Als Tomislav Tomic bei der Cornerfahne ankommt, putscht Maierhofer ihn auf. Er redet auf ihn ein und gestikuliert mit beiden Händen. Wenige Sekunden später ist der Ball im Tor. Tomic hat den Corner direkt verwandelt und die Admira damit 20 Minuten vor Schluss 3:1 in Führung gebracht. Das Publikum jubelt, für einige Momente ist es an diesem Samstagabend trotz der coronabedingten Abstände im Stadion richtig laut.Wahrscheinlich haben sich die Verantwortlichen der Admira viele solcher Szenen gewünscht. Auch das Spiel muss ganz nach ihrem Geschmack gewesen sein. Neben Tomic trafen auch die 20-jährige Würzburg-Leihgabe Maximilian Breunig und der 26-jährige Routinier Roman Kerschbaum. Die Südstädter bringen das Ergebnis ohne Probleme über die Zeit, am vierten Spieltag feiern sie Anfang Oktober ihren ersten Sieg.
Admira global
Auf den nächsten Sieg wartet die Admira allerdings seither. Es ist ein durchwachsener und unruhiger Saisonstart. Im Sommer war der gerade erst zurückgeholte Sportdirektor Ernst Baumeister nach zwei Monaten wieder entlassen worden. Nach zwei Spieltagen verließ Trainer Zvonimir Soldo den Verein aus privaten Gründen, kurz darauf wurde der ehemalige Kapitän Christoph Schösswendtner hinausgeschmissen. „Wir brauchen noch Zeit“, sagt Franz Wohlfahrt, der im August die Nachfolge Baumeisters antrat. „Unser Umbau hat erst begonnen.“ Der Umbau war nicht seine Idee, er hat seinen Ursprung im bayrischen Würzburg. Dort sitzt die Onlinedruckerei Flyeralarm, die die Admira seit 2012 sponsert. Der Firmenname ist auch beim Heimspiel gegen Ried kaum zu übersehen. Auf Werbebanden steht er ebenso wie auf den Planen, die über die leeren Tribünen gespannt sind. Die Mitarbeiter an der Kassa tragen Mund-Nasen-Schutzmasken mit Firmenaufdruck.
Der Konzern hat sein Engagement im Fußball in den letzten Jahren verstärkt. 2019 wurde er Hauptsponsor der deutschen Bundesliga der Frauen, im Jänner 2020 gründete er die Abteilung „Flyeralarm Global Soccer“. Dort werden seither die übergeordneten Entscheidungen für die Admira gefällt – und für die Würzburger Kickers, die im Sommer in die zweite deutsche Liga aufgestiegen sind. Erster Chef der neuen Abteilung wurde der frühere Meistertrainer Felix Magath. „Wir wollen mit innovativen Ideen und Aktivitäten für Furore sorgen“, sagte er bei seiner Präsentation.
Avancen in Schweinfurt
Der Weg des Unternehmens in den globalen Fußball begann im Herbst 2008 in der bayrischen Provinz. Der 1. FC Schweinfurt, der in der Saison 2001/02 noch zweitklassig war, tingelte damals schwer angeschlagen zwischen vierter und sechster Liga. Die Geschäftsführer von Flyeralarm, Thorsten Fischer und Tanja Hammerl, wollten den Klub als Privatpersonen übernehmen. „Bei uns weckt der Fußball Emotionen“, sagte Fischer, der der Firma heute noch vorsteht, der Mainpost. Doch aus dem Engagement wurde nichts. Die Schweinfurter lehnten das Angebot ab, es ging ihnen zu schnell. Der Verein erklärte, Hammerl und Fischer hätten im November 2008 erstmals das Stadion besucht und die Übernahme bis Dezember fixieren wollen. Mit dem Rückschlag hielt man sich bei Flyeralarm nicht lange auf. Schon im Jänner 2009 startete eine Kooperation mit den Würzburger Kickers in der fünftklassigen Bayernliga. Doch diesmal gingen es Fischer und Hammerl langsamer an. Zunächst wurden sie nur Vermarktungspartner des Vereins, steigerten ihr Engagement aber Jahr für Jahr, bis Flyeralarm 2013 Hauptsponsor wurde.
Im Jahr davor war das Unternehmen auch in der Südstadt gelandet – und wurde Trikotsponsor. Die Admira hatte nach dem Ausstieg von Geldgeber Richard Trenkwalder Existenzsorgen, die Lizenz erhielt sie zumeist nur mit Auflagen. In der Saison 2013/14 wurden ihr wegen schwerwiegender Verstöße sogar fünf Punkte abgezogen. „Die Zustände waren ziemlich chaotisch“, sagt Barbara Holzer, die seit Jahren ein Abo bei der Admira hat. „Da hat sich mit Flyeralarm schon viel professionalisiert.“
Die Machtübernahme von Flyeralarm folgte im Dezember 2016: Gerhard Bügler, Geschäftsführer der Österreich-Niederlassung, wurde Vorsitzender des neu ausgegliederten Profibetriebs, der ehemalige Würzburg-Kicker Amir Shapourzadeh Manager. Wenig später wanderte „Flyeralarm“ in das Logo und den Vereinsnamen. Ein Mini-Red-Bull in der Südstadt nannte der Kurier das Projekt damals. Probleme mit der Lizenzierung hat der Klub seither keine mehr.
Doch nicht alle profitierten vom frischen Wind. Noch in der Winterpause wurde Trainer Oliver Lederer entlassen, obwohl er in der Vorsaison einen Europacupplatz erreicht hatte und das Team nun im Tabellenmittelfeld lag. Bügler gab als Grund Lederers Bewerbung für den vakanten Posten bei Rapid an. Doch die Beziehung zwischen Trainer und Geldgeber soll schon länger angespannt gewesen sein. Die Krone berichtete, dass Lederer den Abgang von Tormann Jörg Siebenhandl stark kritisiert habe. Siebenhandl war mitten in der Europacupqualifikation nach Würzburg gewechselt. Die Kickers waren 2016 zwischenzeitlich in die zweite Liga aufgestiegen.
Franz, der Geduldige
Doch die Kooperation mit Würzburg intensivierte sich zunächst nicht. Die Leihe von Breunig war der erste Transfer zwischen den beiden Vereinen seit vier Jahren. Heute telefoniert Wohlfahrt täglich mit Magath. „Ich profitiere enorm von seiner Erfahrung“, sagt der ehemalige Teamtormann. Erfahrung soll auch bei der Kaderzusammenstellung eine große Rolle spielen. Im Sommer kam der 38-jährige Maierhofer, zum Saisonauftakt bildete er gemeinsam mit dem 33-jährigen Erwin Hoffer den Sturm. Die beiden hatten Rapid vor zwölf Jahren zum Titel geschossen. Auch die Neuzugänge Tomic, Stephan Auer und Lukas Rath sind 28 und älter. „Wir haben damit in der Verteidigung, im Mittelfeld und im Angriff mindestens einen Routinier“, sagt Wohlfahrt. „So eine stabile Achse ist wichtig.“ Sie soll den jungen Spielern Sicherheit geben, die zum großen Teil aus der vereinseigenen Akademie kommen. Gleich fünf Talente zog Wohlfahrt im Sommer von den Admira Juniors aus der Regionalliga Ost hoch.
Doch die Ausbildungsstätte zeigt auch, warum aus den Flyeralarm-Teams so schnell kein zweites Red Bull wird. 700 Euro müssen Spieler monatlich bezahlen, die die Akademie in der Südstadt besuchen und im dortigen Internat unterkommen. Selbst wenn sie privat untergebracht sind, müssen sie 250 Euro Verpflegungsgeld aufbringen. Anders kann die Admira die Akademie nicht betreiben. „Das müssen wir ändern“, sagt Wohlfahrt, der ein Stipendiensystem durchsetzen möchte. „Der Fußball ist ja kein Sport derer, die ihn sich leisten können.“ Die Admira hat damit einen Wettbewerbsnachteil im unmittelbaren Einzugsgebiet, denn weder die Austria noch Rapid verlangen solche Gebühren von ihren Akademiespielern.
Die Nachwuchshoffnungen kommen nicht nur aus der Umgebung. Im Sommer holte die Admira mit Felix Kekoh und Phoenix Missi zwei Spieler von den Gambinos Stars, einer Akademie mit westeuropäischer Beteiligung im westafrikanischen Gambia. Beide erhielten Vierjahresverträge – mit beiden soll eine hohe Ablöse erzielt werden, sobald sie das Interesse größerer Klubs wecken. Bisher hatten sie dazu kaum eine Gelegenheit. Kekoh wurde dreimal eingewechselt, Missi bestritt Mitte Oktober sein erstes Spiel bei den Juniors. „Die Spieler hat der Klub verpflichtet, bevor ich gekommen bin“, sagt Wohlfahrt. „Aber sie haben Qualität, sie müssen sich nur ein bisschen eingewöhnen.“ Beim Gespräch in seinem Büro mit Blick auf das Spielfeld betont Wohlfahrt immer wieder die Geduld. Der schwache Saisonstart überrasche ihn nicht. „Wir haben im Sommer das Team neu zusammengestellt. Bis eine Einheit entsteht, die performen kann, dauert es einfach.“
Felix, der Ungeduldige
Die Vereinsführung trug mit dem Rausschmiss Schösswendtners jedoch nicht gerade zu einem entspannten Klima bei. Denn der Innenverteidiger wurde nicht einfach beurlaubt, ihm wurde ein Trainingsverbot auferlegt. Der Spieler sollte so zu einem Wechsel gezwungen werden, die Fußballergewerkschaft VdF bezeichnete dieses Vorgehen als „Magath-Methode“. Schließlich war der Abteilungsleiter schon in Deutschland immer wieder ähnlich mit Spielern umgegangen, in Österreich ist dieses Vorgehen dank des Kollektivvertrags verboten. Nach Protest der VdF wurde Schösswendtner freigestellt, er wechselte zur Austria. „Die Außendarstellung war nicht die beste, um es vorsichtig zu sagen“, sagt Fan Holzer. „Das hat mit der vielbeschworenen Admira-Familie nicht viel zu tun gehabt.“
Auch in Würzburg griff Magath schon durch. Nach zwei Spielern entließ er Trainer Michael Schiele, der die Mannschaft in der Vorsaison in die zweite Liga geführt hat. Bewirkt hat der Wechsel nichts, mit einem Punkt aus sechs Spielen sind die Kickers bei Redaktionsschluss Letzter. Dafür ist Magath bekannt: Er will schnell sichtbare Akzente setzen. Bei Wolfsburg wechselte er etwa in seiner ersten Saison den langjährigen Tormann Simon Jentzsch während einer Partie aus. Er stand danach nie wieder im Kader. Doch Magath war mit seiner Personalpolitik erfolgreich. Mit dem VfL und den Bayern gewann er drei Meistertitel, mit Schalke und Stuttgart wurde er Zweiter. Von diesen Dimensionen ist er mittlerweile weit entfernt. „Ich komme aus anderen Regionen und muss mich an die Summen gewöhnen, über die wir hier reden“, sagte er dem Profil.
Mit Damir Buric ist bei der Admira mittlerweile ein Trainer am Werk, der die Mannschaft bereits 2017 betreut hat. Vielleicht greifen die Mechanismen im Team bald schon besser, vielleicht etabliert sich die Admira als echtes Farmteam der Würzburger Kickers. Und vielleicht wird Flyeralarm tatsächlich eines Tages zu einem Fußballnetzwerk nach dem Vorbild von Red Bull. „Das ist schon ein interessantes Konzept“, sagt Admira-Fan Holzer. „Aber wir hätten nichts davon. Unsere besten Spieler würden dann nach Würzburg gehen.“