Damit die Verhältnisse klar sind, stellt Sohn Lucas früh fest: „Es gibt zwei Arten von Männern. Die, die lügen und die, die masturbieren.“ Während sich immer noch hauptsächlich Männer auf den Rängen der Fußballstadien befriedigen, sind im Theaterstück „Bist du GAK oder Sturm?“ Frauen die Trägerinnen der Handlung. Sie verkörpern das „In your face, Vati“, wie Schwiegertochter Laetitia gleich einmal proklamiert. Aber alles der Reihe nach.
Kreatives Improvisationstheater
Hinter dem Stück des Grazer Schauspielhauses steht die Bürgerinnenbühne, die sich als partizipative Kunstform versteht. Regisseur Ed Hauswirth verfolgt seit Jahrzehnten sein Konzept des Improvisationstheaters und setzt dabei auf Laiendarsteller. Die Schauspieler entwickeln das Stück im Laufe der Proben innerhalb einer Rahmenhandlung aus sich selbst heraus. Das führt in diesem Fall zu einer authentischen Darbietung mit komischen Elementen. Sturm-Fan Lucas etwa ist privat und auf der Bühne Lehrer, der die eigenen Kinder nicht im Griff hat.
Bei der letzten Aufführung des Stücks am 10. Oktober wird in zweieinhalb Stunden das Fußballuniversum der beiden großen Grazer Klubs und ihrer Fans auseinandergenommen und wieder neu zusammengebaut. Hauswirth und sein Ensemble wirbeln auf einer Drehtribüne mit eingebautem Fanshop. Immer wieder treiben sie die Handlung mit Liedern, Videoaufnahmen, Bildern auf sich überlagernden Leinwänden und Tanzeinlagen voran. Videos mit Faninterviews zu unterschiedlichen heißen Themen der beiden Vereine werden eingespielt. Ein GAK-Fan schlägt darin etwa in der Stadionfrage vor, wieder einen GAK-Platz in der Korösistraße zu schaffen – durch Enteignung. Die Zuschauer lernen daraus, dass das Liebenauer Stadion die GAK-Fans nicht besonders interessiert.
Basisdemokratisch statt bürgerlich
Das Stück betont neue Fakten im Selbstverständnis der beiden Vereine. So ist es eine vergleichsweise junge Erkenntnis, dass auch Sturm eine mehrheitlich studentische Gründung war. Dass der GAK im Verlauf seiner Geschichte trotzdem bürgerlicher geprägt war, bleibt hingegen unerwähnt. Vielleicht auch, weil das dem neuen Selbstverständnis des Klubs widersprechen würde. Seit der Neugründung 2012 und dem fulminanten Lauf von der ersten Klasse bis in die zweite Liga verstehen sich die „Roten“ als basisdemokratischer Fanverein. Der SK Sturm ist in ihren Augen der kommerziellere Verein. Zu ihm hält der Opportunist leicht, weiß er sich damit zumeist in der Mehrheit. Die wird auch auf der Bühne durch eine ständige Überzahl an Fans der „Schwarzen“ dargestellt.
Im Kern der Handlung feiert Sturm-Fan Vati seinen Geburtstag. Er ist seit einem Jahr Witwer, seine Frau erscheint immer wieder im weißen Kleid und kommentiert verständnisvoll die Leidenschaft ihres Mannes. Fast alle Familienmitglieder sind schwarz eingefärbt. Lediglich Schwiegertochter Laetitia ist GAK-Fan. Sie wird deshalb in der Familie bestenfalls ignoriert, lässt sich das aber nicht gefallen. An einer langen Tafel nimmt die Handlung ihren Lauf.
Das Stück ist eine semidokumentarische Mischung aus Wahrheit und Erfindung. Vor allem ist es eine Einführung in die Fußballleidenschaft für Außenstehende, in der GAK- und Sturm-Fans weniger Unterschiede aufweisen, als ihnen lieb ist. Der GAK sammelt im Verlauf des Stücks mehr Sympathiepunkte. Als klar wird, dass Vatis Geburtstagsfeier ausgerechnet im Gasthaus eines GAK-Wirts stattfindet, verschmelzen beide Welten endgültig. Der Wirt wird von Gerhard Schmieder, der Ende der 1970er Jahre Teil der großen GAK-Mannschaft um Mario Zuenelli war, gespielt. Er erzählt in dem Stück, wie er für einen Tag bei Sturm unterschrieb, um dann doch zum GAK zu wechseln. Er ist Zeuge einer Welt, in der sich beide Klubs sportlich noch auf Augenhöhe begegneten und damit ihre Rivalität anheizten.
Ob Salmutter oder Säumel
Erst als am Ende des Stücks der strahlend schüchterne Ex-Sturm-Spieler Klaus Salmutter mit einem Geschenk für Vati die Bühne betritt und sogleich als Jürgen Säumel erkannt und um ein Autogramm gebeten wird, holt Sturm Sympathiepunkte auf. Nicht nur die grandiose Tamara Semzov als Kellnerin/Schiedsrichterin/Schauspielerin/Sportreporterin kann sich seinem Charme nicht entziehen. Er erzählt, wie er mit Freunden am Jakominiplatz unterwegs ist, ihm der FC Liverpool telefonisch ein Angebot unterbreitet und er es unter vorgeblichen Verbindungsproblemen seines Mobiltelefons ausschlägt. Bis heute kann er sich den Grund für seine Absage nicht erklären. Vielleicht lag er einfach in den Vereinsfarben des englischen Klubs.
Das Stück endet mit einem Fußballmatch auf der Bühne, Salmutter engagiert sich so leidenschaftlich, dass sich seine Gegner auf ihn werfen müssen, um ihn zu halten. Im Finale krönt das Ensemble sein Ideenfeuerwerk, indem es im Spalier unter der Dusche steht. Darsteller und Stück zeigen eines ganz deutlich: GAK- und Sturm-Fans werden einander in ihrer Rivalität brauchen, um dem modernen Fußball in Graz weiter etwas entgegenzusetzen.
In der Printausgabe 156 des ballesterer lest ihr zudem, wie unsere Rezensenten aus dem roten und dem schwarzen Graz ads Stück erlebt haben. Termine für weitere Vorstellungen gibt es derzeit leider nicht.