„Wenn er eines Tages aufsteht und in seinem Kopf etwas umspringt, dann werden wir einen Spieler haben, um den uns die ganze Welt beneidet.“ Polens Teamchef Jerzy Brzeczek war sich nach dem spielerisch miserablen 0:0 gegen Österreich in der EM-Qualifikation sicher, dass Piotr Zielinski irgendwann zur Führungspersönlichkeit heranreifen werde und bemühte dafür eine Abwandlung der etwas abgestandenen Schalter-umlegen-Floskel. Zielinski enttäuschte damals, im September 2019 in Warschau, auf ganzer Linie und wurde nach weiteren schwachen Auftritten zu einem Meme. In Anlehnung an Brzeczeks Aussage wird Social Media nach Spielen des Nationalteams mit einer Fotomontage des sich im Bett streckenden Zielinskis geflutet. „Heute noch nicht“ lautet die dazu passende Bildunterschrift.
Der Unscheinbare
Knappe zwei Jahre später ist der Schalter immer noch nicht umgelegt. Im März empfing England Polen in der WM-Qualifikation. Die Gäste mussten in Wembley ohne Robert Lewandowski vom FC Bayern zurechtkommen, der 26-jährige Zielinski stand somit im Fokus und in der Verantwortung. Im ersten Qualifikationsspiel gegen Ungarn hatte er einige guten Phasen, im darauffolgenden Spiel gegen Andorra blieb er unscheinbar. Seine Bilanz nach 86 Minuten Spielzeit in London war ernüchternd: 42 Ballkontakte, kein Dribbling und 14 Fehlpässe.
Einer davon leitete einen Gegenangriff ein, der zu einem Elfmeter und dem 0:1-Rückstand führte. Kritik erntete nicht nur der Fehlpass, sondern auch Zielinskis Verhalten nach dem Fauxpas: Er trabte zum Strafraum und gestikulierte, dass sich statt des Gegners ein Mitspieler in der Zielrichtung des Balls befinden hätte sollen. Mit einer 1:2-Niederlage im Gepäck und der bestätigten Erkenntnis, dass man ein Problem mit der Spielgestaltung hat, flogen die Polen zurück in die Heimat. Der neue Teamchef Paulo Sousa sagte kurz nach Amtsantritt, dass er mehrere Leader in der Mannschaft brauche – und in Zielinski einen sehe. Der wird diesen Ansprüchen aber immer noch nicht gerecht und polarisiert mit seinen Leistungen in der Öffentlichkeit.
Wojciech Kowalczyk, der als Stürmer bei den Olympischen Spielen 1992 Silber gewann, sagte nach der Niederlage in einer Talkshow, dass man langsam über einen Verzicht auf Zielinski nachdenken müsse: „Vielleicht sollte man es im ersten EM-Spiel gegen die Slowakei ohne ihn versuchen. Es gibt keine Statistik, die seine Anwesenheit in der Startformation rechtfertigt.“
In seinen bisher 58 Einsätzen im Teamdress kommt der Niederschlesier auf sechs Torvorlagen und elf Treffer, ein herausragendes Spiel ist im kollektiven Gedächtnis der Fans aber nicht vorhanden. Zielinski hat immer wieder gute Phasen, das Gros der Spielzeit bleibt er aber unter dem Radar. Seine enormen Fähigkeiten, vor allem die technischen, kommen selten zur Geltung. Wo liegt also das Problem? Henryk Kasperczak, WM-Dritter von 1974, ortet es im Charakter: „Er wirkt im Team wie ein Trauerkloß. Es mangelt ihm an Aggressivität. Und er leuchtet nicht so auf wie bei Napoli.“
Der Warmherzige
Das unregelmäßige Aufflackern seines Talents dürfte auch Zielinskis Naturell geschuldet sein. Er gibt kaum Interviews und gilt als introvertiert. Auf dem YouTube-Kanal des Verbands, der den Kader vor und nach den Spielen bei Trainingseinheiten und Freizeitaktivitäten begleitet, wird das deutlich. Zielinski ist unauffällig, drängt sich nie in den Vordergrund, überlässt Späße und Ansagen anderen. „Sein gutes Herz steht ihm manchmal im Weg“, sagte seine Mutter Beata Zielinska Anfang des Jahres der Sportzeitung Przeglad Sportowy. „Wir wollten in erster Linie einen guten Menschen erziehen. Wenn er einen anderen, härteren Charakter hätte, würde er vielleicht sogar bei einem noch besseren Klub spielen.“
Das gute Herz hat „Ziela“, wie sein Spitzname lautet, von seinen Eltern geerbt. Sie betreiben zwei Kinderheime, seit 2002 kümmern sie sich in ihrem Wohnhaus auch um Sprösslinge aus Problemfamilien. Zielinski und seine zwei Brüder sind deswegen gemeinsam mit einigen Pflegekindern aufgewachsen. Bei Heimatbesuchen unterstützt er seine Eltern bei der Erziehung der Kinder, die häufig aus einem gewalttätigen Umfeld kommen.
Der Hoffnungsträger
Zu Hause ist Zielinski berufsbedingt jedoch nur selten, seit fast zehn Jahren spielt er in Italien. Von Zaglebie Lubin ging es 2012 zu Udinese, dann per Leihe zu Empoli, wo er Maurizio Sarri kennenlernte. Der Trainer holte ihn 2016 zu Napoli nach, dort gehört er seit Jahren zum Stammpersonal. Diese Saison absolvierte er im Team von Gennaro Gattuso fast jedes Spiel, coronabedingt setzte er zwei Partien aus. Im Napoli-Dress spielt Zielinski seine bisher beste Saison und sammelt in der Presse regelmäßig gute Noten. Worte voller Anerkennung sind keine Seltenheit. Nach dem 5:2-Erfolg über Lazio im April attestierte das Fußballportal calcionapoli24.it seiner Vorlage zum zwischenzeitlichen 4:0 eine außergewöhnliche Eleganz. Eurosport nannte Zielinskis Spiel eine Freude für die Augen, seinen Assist eine Perle.
Obwohl er seinen Vertrag kürzlich bis 2024 verlängerte, spekuliert die Gazzetta dello Sport immer wieder mit dem Abgang zu einem europäischen Giganten wie Liverpool, Manchester City und Barcelona: „Der für 15 Millionen gekaufte Pole ist ein Schlüsselspieler“, hieß es Ende März in der Zeitung. „Seine Technik, sein Taktikverständnis, seine Flexibilität und seine Fantasie machen ihn zu einem wahren Künstler. Er könnte um bis zu 50 Millionen Euro den Klub verlassen.“
In der polnischen Sportpresse ist solches Lob selten zu vernehmen. Die guten Leistungen in Italien werden dort mit der Qualität seiner Mitspieler erklärt. Das große Problem des Nationalteams ist jedoch der Mangel an Alternativen in der kreativen Schaltzentrale. Deswegen sollten die Fans die Hoffnung nicht aufgeben, dass Piotr Zielinski eines Morgens aufwacht und in seinem Kopf etwas umgesprungen ist.