Im Dezember 2012 machte sich Sebastian Kurz als junger, weltoffener Staatssekretär für Integration einen Namen, in Stockholm hatte die neunjährige Greta Thunberg gerade angefangen, mehr über den Klimawandel zu lesen, und in London schmiedete Premierminister David Cameron einen Plan, um interne Widersacher zu beruhigen und zugleich Druck auf die EU auszuüben: Im Fall seiner Wiederwahl im Mai 2015 würde er ein Referendum über den EU-Austritt Großbritanniens ansetzen.
Im Dezember 2012 war Europa ein anderer Kontinent als heute – auch im Fußball. Das Stadion von Donezk, im Sommer Austragungsort der EM, war die Heimstätte von Schachtar und hatte noch keine Kriegsschäden. Michel Platini war noch nicht suspendiert, sondern ein gern gesehener Gast bei Veranstaltungen der UEFA, ja, er musste sie sogar besuchen, denn er war als Präsident des europäischen Verbands quasi der Gastgeber.
RETTENDE IDEE
Und Platini wusste die Bewerbe für sich zu nutzen. Im Wahlkampf zur UEFA-Präsidentschaft 2007 hatte er darauf gedrängt, das Teilnehmerfeld der Europameisterschaft aufzustocken: 2016 sollten sich aus 54 Mitgliedsverbänden 24 Teams für das Turnier qualifizieren. Dieses Zuckerl für kleinere Verbände sicherte Platini den Wahlsieg, es brachte mitten in der globalen Finanzkrise aber auch ein Problem mit sich: Denn welches Land sollte ein solches Turnier mit den geforderten neun Stadien, darunter fünf für mindestens 40.000 Zuschauer, und den damit verbundenen Kosten austragen? Im Mai 2010 setzte sich Frankreich gegen die Türkei als Gastgeber der ersten EM im neuen Format durch. Für 2020 zeigte nur noch der türkische Verband ernsthaftes Interesse. Diese Bewerbung galt allerdings nur, wenn Istanbul nicht zugleich in die engere Wahl für die Olympischen Spiele im selben Jahr kommen sollte – dass sein Land sich damit übernehmen würde, war auch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan klar.
Die Zwickmühle, in die Platini sich und seinen Verband gebracht hatte, löste er mit einem Plan, den er erstmals im Juni 2012 öffentlich machte: Warum nicht ein Turnier in ganz Europa austragen? „Die Idee klingt vielleicht ein bisschen verrückt, aber sie ist auch gut“, sagte er. Im Dezember 2012 machte das UEFA-Exekutivkomitee daraus Realität. Die 13 Austragungsorte in ebenso vielen Ländern gaben Planungssicherheit, und der Verband konnte sich als wirtschaftlich vernünftig präsentieren. „Wir müssen keine Stadien oder Flughäfen bauen, gerade jetzt in Zeiten der wirtschaftlichen Krise“, sagte der Präsident. Ein Blick in die Turniergeschichte lieferte zudem eine glückliche Fügung. Mit dem kontinentweit ausgetragenen Event würde 60 Jahre nach der ersten EM das Turnier selbst passend gefeiert werden: „Eine Euro für Europa“ betitelte die UEFA ihre Meldung.
Nicht ganz so glücklich waren die Fans. Eine Umfrage des Netzwerks „Football Supporters Europe“ hatte ergeben, dass eine Mehrheit die Idee ablehnte, vor allem wegen der langen Reisewege. In einem Treffen mit Fanvertretern versuchte Platini, die Wogen zu glätten. Er versprach Rücksichtnahme: „Wir können Fans nicht über den ganzen Kontinent reisen lassen, wir werden die englischen Anhänger nicht nach Lissabon, Kasachstan und Schweden schicken.“
OHNE BRÜSSEL ZUR EM
Mit Ausnahme von Baku, Budapest und Brüssel bewarben sich in den folgenden Monaten nur Städte mit bereits gebauten Spielstätten. Für die Austragung der Halbfinale und des Finales gab die UEFA eine Mindestkapazität von 70.000 Zuschauern vor. Lediglich London und München kamen dafür infrage, doch vor einer Entscheidung zwischen beiden Städten einigten sich die Verbände: München begnügte sich mit drei Gruppenspielen und einem K.-o.-Match, dafür würde der englische Verband die deutsche Bewerbung für das Turnier 2024 unterstützen. Zu jenen, die im September 2014 nicht auf die Liste der Austragungsorte kamen, gehörten Cardiff, Jerusalem und Stockholm. Am Ende wurden aus den 13 Städten zwölf, weil Brüssel, der europäischste aller Spielorte, sein am Stadtrand geplantes Stadion nicht fertigstellen konnte.
Man werde geografische und politische Entscheidungen treffen müssen, hatte Platini im Dezember 2012 gesagt. Geografisch reichte das Netz der EM-Städte im Februar 2020 von Sankt Petersburg bis Rom, von Dublin bis Baku. Politisch war von EU-Mitgliedern über gerade ausgetretene und nie eingetretene bis zu von der EU sanktionierten Ländern ebenfalls ein breites Spektrum vertreten. Das Versprechen, Fans nicht über den ganzen Kontinent zu schicken, wurde zumindest für jene der großen Verbände eingehalten. Anhänger der Schweiz hingegen hatten nach der Auslosung im November 2019 Flüge nach Baku, Rom und abermals Baku vor sich, bevor vielleicht ein Achtelfinale in London oder Amsterdam auf sie wartete. Doch dann kam die Pandemie.
ÖKOSYSTEM FUSSBALL
Als im März 2020 ein Land nach dem anderen seine Coronaschutzmaßnahmen verkündete, war in Europa an Fußball nicht mehr zu denken. In fast allen Ländern wurden die Bewerbe ausgesetzt, auch UEFA-Präsident Aleksander Ceferin reagierte schnell. „Das Virus hat den Fußball praktisch unmöglich gemacht“, sagte er am 17. März 2020 in einer Videobotschaft, mit der er die Verschiebung der EM verkündete. Darauf hätten sich die UEFA-Mitglieder, die Ligen und die Spielergewerkschaft in Telefonkonferenzen geeinigt. So werde hoffentlich Zeit gewonnen, um die nationalen Bewerbe und den Europacup zu Ende spielen zu können. Die für den Sommer 2021 angesetzte EM der Frauen wurde bald darauf ebenfalls um ein Jahr verschoben. „Wir müssen an den Fußball als Ganzes denken, das Ökosystem des Fußballs“, sagte Ceferin. Gemeint war damit wohl, die Auswirkungen der Pandemie auf die Einnahmen so gering wie möglich zu halten. Bei der EM sollte außer dem Datum alles beim Alten bleiben, dieselben Orte, dieselben Spielstätten. „Aber wenn es kompliziert wird, kriegen wir es auch gut mit elf oder weniger Stadien hin“, sagte der UEFA-Präsident, was als Beruhigung und Drohung gleichermaßen verstanden werden konnte.
Die UEFA entschied, auch ein Jahr später beim Namen „Euro 2020“ zu bleiben, geradeso, als könne die Pandemie dadurch im Rückblick ausgelöscht werden. Praktisch gedacht, ließen sich so manche bereits produzierten Materialien auch 2021 verwenden. Panini widmete sein 2020er-Album zur „Preview Collection“ um und verkauft die heuer erschienene Ausgabe als „Tournament Collection“. Das Teilnehmerfeld stand im März 2020 ohnehin noch nicht fest. Denn in der Qualifikation kam erstmals eine weitere Neuerung aus der Ära Platini zur Anwendung: die Vergabe von vier Endrundenplätzen über die Nations League. Die ursprünglich für Ende März 2020 angesetzten Partien wurden zunächst in den Juni und dann in den Herbst verschoben. So stand schließlich erst am 12. November, vier Monate nach dem ursprünglich geplanten Finaltermin, das Teilnehmerfeld fest.
PANEUROPÄISCHE PANDEMIE
Kritik am EM-Format gibt es auch weiterhin. „Der UEFA-Plan resultierte aus der Bankenkrise in Europa, die dem Fußball einen willigen, verschwenderischen Ausrichter nahm. Der grenzüberüberschreitende Billigflugkompromiss war die Antwort darauf“, schrieb Barney Ronay im März 2020 im Guardian. „Acht Jahre später ist die Allerorts-EM eingerahmt von zwei globalen Krisen.“ Die paneuropäische EM sollte einen offenen und freizügigen Kontinent präsentieren, doch die Pandemie macht das Gegenteil daraus.