Die Pandemie hat viele Reiseführer in Bücherregalen verstauben lassen. In andere Ländern zu fahren, war in den letzten 15 Monaten kaum möglich. Dennoch hat die DFB-Kulturstiftung das internationale Journalistennetzwerk n-ost auch für diese EM damit beauftragt, einen Reiseführer zu konzipieren. Schon bei den letzten Turnieren gab es einen solchen. Wieder geht es in erster Linie um gesellschaftspolitische Aspekte des Fußballs, anders als 2016 und 2018 drehen sich die Texte aber nur am Rande um die Spielorte. Stattdessen versammeln sich im Buch sehr unterschiedliche, großteils interessante Beiträge wie ein Interview mit dem Philosophen Wolfram Eilenberger, der viele schlaue und manche komplizierte Dinge sagt, eine Reportage über linke Fans in Zagreb und eine Fotostrecke von afrikanischen Flüchtlingen, die in Istanbul strandeten und dort ihre Fußballerkarriere zu starten versuchten.
Unmittelbar mit der Europameisterschaft beschäftigen sich nur wenige Texte. Einer, der in die Geschichte des Turniers blickt, sticht hervor. Darin wird der Reiseführer seinem Namen gerecht, nicht weil er fremde Orte erklärt, sondern weil er eine Zeitreise unternimmt. Anhand der Partie zwischen England und Schottland bei der EM 1996 schildert Jacob Sweetman die Stimmung im Vereinigten Königreich. Es geht um den Aufbruch unter Tony Blair, den Siegeszug des Britpop, die Euphorie nach Paul Gascoignes Tor – und wie das den Grundstein für den Brexit gelegt haben könnte.
ballesterer: Ihr Vorwort führt in „Heimspiele“ ein. Welche Rolle haben Sie sonst bei der Erstellung des Reiseführers gespielt?
Nik Afanasjew: Ich habe auch das Interview mit Wolfram Eilenberger geführt und war gemeinsam mit Jacob Sweetman für die Heftplanung verantwortlich. Nicht unter der Bezeichnung Chefredaktion, aber es ist in diese Richtung gegangen. Wir haben uns überlegt, welche Themen wir behandeln wollen und wen wir dafür beauftragen.
Wie schwer war das? Sie haben mit Leuten aus ganz unterschiedlichen Ländern zusammengearbeitet.
Das war ein Problem und eine Chance zugleich. Wir haben uns in Berlin überlegen müssen, wer in Finnland, Wales und Ungarn Texte schreiben könnte, die für uns interessant sind – sich also mit dem Spannungsfeld zwischen Fußball und Politik auseinandersetzen. Viele Artikel haben in der Rohversion auch entweder nur das eine, also zum Beispiel eine Analyse der Regierung, oder nur das andere, die Rolle der Verteidigung für den Erfolg einer Nationalmannschaft, beinhaltet. Das war in der Bearbeitung dann gar nicht so leicht, aber ich glaube, es ist uns gut gelungen.
In vielen Texten geht es um Fußball als nationalistische Triebfeder und Fans, die dagegen protestieren. Ist das ein Beispiel für dieses Spannungsverhältnis?
Ja, der Nationalismus ist ein sehr gutes Beispiel. Ich glaube, wir hatten da dieselbe Herausforderung wie die vielen Elternmagazine, die es mittlerweile gibt. Die müssen sich auch überlegen, wie schreiben sie über Kinder, ohne sie dauernd nur als Problem darzustellen. Klar spielt bei diesen Turnieren Nationalismus eine Rolle. Aber sie sind doch mehr als das.
Wie groß ist Ihre Vorfreude auf die EM?
Sie ist gewachsen. Am Anfang habe ich das neue Format abgelehnt, die Turniere leben ja davon, dass viele Menschen in einem Land zusammenkommen. Als ich mich dann an die Vorstellung gewöhnt habe, war auf einmal Corona da. Da schien die EM dann ganz weit weg. Aber mittlerweile denke ich mir, es könnte cool werden. Die Stadien werden zwar nicht voll sein, aber endlich sind wieder ein paar tausend Leute auf den Rängen zu sehen. Darauf freue ich mich.
(Moritz Ablinger)