Die Anhänger von Olympique Lyon haben sich einen traurigen Ruf erarbeitet: Sie gelten als verwöhnt. Woche für Woche suchen sie nach jedem noch so winzigen Haar in der Suppe, um sich über die Arbeit ihres Trainers und die Leistungen der Spieler zu beschweren. In den letzten Jahren stand Bruno Genesio im Fokus ihrer Kritik. Der Trainer führte Lyon zum Vizemeistertitel 2016, in zwei Cupfinale und in ein Europa-League-Semifinale. Als er 2019 zu Beijing Guoan in China wechselte, verabschiedeten ihn die Fans mit „Auf Nimmerwiedersehen“-Rufen. Als er vor wenigen Monaten als Trainer von Stades Rennais nach Frankreich zurückkehrte, wünschten sie den gegnerischen Fans viel Glück, fest überzeugt, dass der bretonische Klub unter Genesio dem Untergang geweiht sei.
Kalkül statt Schönheit
Bei allem Spott über das Raunzen der Lyon-Anhänger darf nicht vergessen werden, dass die Fans der Nationalmannschaft ihnen in nichts nachstehen. Unter Didier Deschamps hat Frankreich das EM-Finale 2016 erreicht und die WM 2018 gewonnen. Dennoch ist die Öffentlichkeit nicht zufrieden. Manche Klischees sind nicht kleinzukriegen – weil vielleicht doch etwas dran ist. Dass die Franzosen sich liebend gern beschweren, ist so ein Fall und gilt nicht nur im Fußball, sondern ebenso im Alltag. Unschwer zu erkennen ist das an den wöchentlichen Demonstrationen landauf, landab. Irgendetwas ist eben immer.
Im Fußball heißt das: Frankreich wird 2018 Weltmeister, und schießt in der K.-o.-Runde beachtliche elf Tore. Die Reaktion: Ja, kann schon sein, aber die Mannschaft spielt trotzdem nicht schön. Daniel Riolo, einer der bekanntesten Sportjournalisten des Landes, sagte im Interview mit der Tageszeitung Le Figaro, er könne verstehen, dass die Belgier nach der 0:1-Halbfinalniederlage verbittert seien. Sie hätten gegen eine Mannschaft verloren, die einzig darauf gesetzt habe, Kylian Mbappe anzuspielen. „Die Franzosen spielen einen Fußball für Arme, voller Bescheidenheit und harter Arbeit.“ Das schöne Spiel nach brasilianischem Vorbild sei unter Deschamps dem kühlen Kalkül geopfert worden.
Der Fall Benzema
Dabei wäre die Mannschaft durchaus in der Lage, eine spektakulärere Spielweise zu zeigen. Zumindest wenn es nach der Qualität der Fußballer geht, die Deschamps zur Verfügung stehen. Große Talente kann er in praktisch jedem Mannschaftsteil aufstellen – und einwechseln. In der Innenverteidigung stehen zum Beispiel neben Raphael Varane und Presnel Kimpembe, die bei der EM erste Wahl sein dürften, Lucas Hernandez, Jules Kounde, Clement Lenglet und Dayot Upamecano bereit. Allesamt Spieler, die in einer der großen europäischen Ligen aktiv sind. Im Angriff sieht es ähnlich aus: Dort haben sich so viele großartige Spieler entwickelt, dass jemand wie Alexandre Lacazette, der immerhin regelmäßig für Arsenal spielt, seit November 2017 nicht mehr für die Nationalmannschaft aufgelaufen ist. Damals machte er zwei Tore beim 2:2 im Testspiel gegen Deutschland in Köln.
Doch egal, wen Deschamps nominiert, er muss sich nach jeder Kaderbekanntgabe Kritik von allen Seiten anhören. Kein Thema wird allerdings leidenschaftlicher diskutiert als die Frage „Warum nimmt er Karim Benzema nicht mit?“. Zweifellos spielt der Stürmer eine beeindruckende Saison bei Real Madrid, wettbewerbsübergreifend hat er in 39 Spielen 27 Tore erzielt. Allerdings wird Benzema vermutlich im Herbst in der sogenannten Sextape-Affäre vor Gericht stehen. Gemeinsam mit vier weiteren Männern muss er sich wegen Komplizenschaft bei einer versuchten Erpressung verantworten. Sie sollen 2015 Benzemas damaligen Nationalteamkollegen Mathieu Valbuena unter Druck gesetzt haben. Der Beschuldigte spricht von einem Missverständnis.
Benzema spielte wegen dieser Causa zuletzt im Oktober 2015 im Teamdress, seine Unterstützer sind der Meinung, dass er wieder nominiert werden und anstelle von Olivier Giroud im Sturm spielen sollte. Wer von beiden der bessere sei, dazu hat Benzema eine klare Meinung: „Man vergleicht Formel-1-Autos nicht mit Go-Karts“, sagte er im März in einem Video auf Instagram.Gewinnen oder nicht gewinnen
Diese Meinung über Giroud wird nicht nur von Fans, sondern auch von einigen Medien geteilt. Er treffe einfach nicht oft genug, so der Vorwurf. Als Beleg dafür lässt sich seine Statistik während der WM 2018 anführen, sie weist null Tore aus. Das bestärkt jene, die meinen, dass nur Benzema die Spielkultur des Teams retten könne. Selbst wenn das stimmen sollte, heißt der Trainer aber immer noch Didier Deschamps, und er trifft andere Entscheidungen. Bislang mit großem Erfolg.
Die Causa Benzema erinnert an die Nominierungen eines anderen Teamchefs, unter dem Deschamps als Spieler Weltmeister wurde, nämlich Aime Jacquet. Nach der verpassten Qualifikation für die WM 1994 entschied er sich, auf Eric Cantona und Jean-Pierre Papin, die beiden damals besten Stürmer, zu verzichten. Dafür wurde er von der Sportpresse massiv kritisiert. Der Groll darüber dürfte bei Jacquet ziemlich groß gewesen sein, einer seiner erster Sätze nach dem WM-Sieg in Richtung der Presse war: „Ich werde das niemals verzeihen.“
Vielleicht wird das französische Team unter Deschamps nie so schön auftreten, wie es dank der Klasse seiner Spieler möglich wäre. Aber die Mannschaft ist gut darauf vorbereitet, auch bei diesem Turnier weit zu kommen. Und wenn Frankreich schön spielen, aber nichts gewinnen würde, wären die Kritiker auch nicht leiser.