Der Fußball ist ein öffentlichkeitswirksames Anschlagsziel für den IS. Und dennoch lässt sich der Sport auch für die Terrorgruppe nicht nur als Symbol des säkularen Westens abtun.
Nicht unterzukriegen
Bagdad. Stadtautobahn. Route 1 Richtung Norden. Die Namen auf den Straßenschildern rufen Bilder aus den Nachrichten ins Gedächtnis. Mossul, Tikrit, Samarra – diese Städte sind mit Elend, Terror und Tod verbunden. Die Kontrollpunkte werden häufiger, je weiter es nach Norden geht. Ebenso die Einschusslöcher an den baufälligen Gebäuden und den Checkpoints. Nach zweieinhalb Stunden kommen wir in Samarra an, der Geburtsstadt von Ibrahim Awad Ibrahim al-Badr, besser bekannt unter seinem nom de guerre Abu Bakr al-Baghdadi. Er ist der selbsternannte Kalif des selbsternannten Islamischen Staats. Vor dem Spiralminarett von Samarra verkauft ein Bub im Barcelona-Trikot Coca-Cola. Ein Sixpack um einen Dollar. Nach 52 Metern auf steilen Stufen steht man oben auf der ungesicherten Aussichtsplattform und schaut hinunter auf die Stadt. Zwei Gebäude stechen hervor: die Goldene Moschee und das Fußballstadion.
Der Samarra FC spielte hier zuletzt 2011 in der Iraqi Premier League. Dann kam der Abstieg – für den Klub und den Fußball. Im Februar des Jahres erreichte der Arabische Frühling die Region. Was als Bewegung für mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit begann, mündete in einer Katastrophe. In kürzester Zeit kontrollierte der sogenannte Islamische Staat große Territorien im Irak und Syrien, der damals beginnende Bürgerkrieg in Syrien dauert bis heute an, und Diktator Baschar al-Assad übt nach wie vor staatlichen Terror an der eigenen Bevölkerung aus. Fußball wird trotz aller Widrigkeiten weiter gespielt.
Leere Prunkbauten
„Was sollen wir denn eurer Meinung nach tun?“, fragt Hassanin Mubarak. „Stillsitzen und auf den Tod warten?“ Mubarak ist einer der führenden Sportjournalisten im Irak, Fragen über den Fußball im Ausnahmezustand kann er nicht mehr hören, seit den 1980er Jahren wird in seiner Heimat ein Krieg vom nächsten abgelöst. „Mit dieser Einstellung wäre Deutschland neun Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nicht Weltmeister geworden.“ Davon ist man im Irak noch weit entfernt. An Initiativen mangelt es aber nicht. Sieben neue Stadien wurden in den letzten drei Jahren auf Initiative des Sportministeriums fertig¬ gestellt. Finanziert wurden sie mit öffentlichen Geldern und der Unterstützung einzelner Privatsponsoren. Der monumentalste Neubau steht in Basra im Südosten des Landes. Das Gebiet war in den Golfkriegen heftig umkämpft, heute ist es militärisch ruhiger. Die Gegend ist weit weg vom IS-Gebiet, ungefährlich ist sie deswegen nicht. Entführungen stehen hier an der Tagesordnung.
Als wir uns auf den Weg zur Basra Sports City machen, beginnt Reiseführer Jamal al-Quassim zu erzählen. „Die Kinder sind verrückt nach Fußball, sie spielen überall“, sagt er. „Fast täglich steigt hier eines auf eine Mine. Die Bereiche sind nicht ausreichend markiert.“ Auf den Straßen um das Stadion ist viel los, aber nicht wegen eines bevorstehenden Spiels, es ist Imam-Ali-Tag, einer der wichtigsten Feiertage der Schiiten zu Ehren des Cousins des Propheten Mohammed. Die Wachen an den alle 100 Meter aufgestellten Checkpoints wirken nervöser als sonst, nur jene beim Einlass zum Stadion sind entspannt. Bereitwillig lassen sie uns in die 65.000 Zuschauer fassende Arena.
Das Stadion wurde anlässlich der erwarteten Ausrichtung des Golf-Cup 2013 im Irak errichtet. Ein Monumentalbau um 550 Millionen Dollar. Dazu zwei kleinere Stadien und ein Fünf-Sterne-Hotelkomplex. „Dann haben wir den Zuschlag für den Golf-Cup nicht bekommen“, sagt Journalist Mubarak. „Wegen des IS. Leider hat sich von den Verantwortlichen keiner Gedanken gemacht, was in diesem Fall mit dem Stadion passiert.“ Eine Handvoll Spiele wurde bisher darin absolviert. Der Traum, dass es eines Tages das Nationalstadion des Irak wird, ist in weite Ferne gerückt. Das irakische Nationalteam muss, ebenso wie das syrische, seine Heimspiele derzeit in der Fremde austragen. „Und wenn eines Tages wieder im Irak gespielt wird, dann in Bagdad im Al-Shaab-Stadion“, sagt Mubarak.
Der Ball rollt
Auf einem der Nebenplätze des Basra International Stadium findet an diesem Tag ein Ligaspiel statt. Naft al-Janoob, der Klub der staatlichen South Oil Company, trifft auf al-Karkh aus Bagdad. Keine 1.000 Zuschauer wollen das Duell der beiden Mittelständler sehen. Das Stadionbild wird von Grün und Blau beherrscht – den Farben der Uniformen der zahlreich anwesenden Soldaten und Polizisten. Eine kleine Gruppe Fans auf der Längsseite der Tribüne versucht, für Stimmung zu sorgen. Sie schwenken Fahnen und stimmen vereinzelt Fangesänge an. Der Großteil des Publikums verfolgt das Spiel aber im Sitzen. „Die Klubs in Basra haben sportlich nicht viel zu bieten“, sagt Mubarak. „Bei den Derbys in Bagdad sieht das ganz anders aus.“ Al-Zawraa, al-Talaba, al-Quwa al-Dschawiya und al-Shorta sind die vier großen Klubs der irakischen Hauptstadt. Bis zu 45.000 Zuschauer sind bei ihren Spielen untereinander keine Seltenheit.
„Wir sehen uns eher als normale Supporter“, sagt Yaseen Kabash von den „Ultras Green Harp“ des Polizeisportvereins al-Shorta dem ballesterer. „Die Ultragruppen sind auch kaum politisch aktiv.“ Rivalitäten gibt es ohnehin genug, vor allem mit den Klubs aus den kurdischen Gebieten. „Sie beschimpfen die Spieler aus Bagdad als Araber, obwohl ein Großteil ihrer Spieler selbst keine Kurden sind und aus Bagdad kommen“, sagt Journalist Mubarak. Mit dem Erbil SC musste im Dezember das kurdische Aus¬ hängeschild seine Mannschaft aus der Liga zurückziehen. „Die großen Clans haben sehr viel in die Klubs investiert“, sagt Mubarak. „Jetzt haben sie kein Geld mehr.“ Schon in der letzten Saison ist mit dem Duhok SC ein kurdischer Klub freiwillig den Gang in die Zweitklassigkeit angetreten.
Insgesamt 20 Klubs aus acht Städten sind derzeit in der höchsten Spielklasse vertreten. 2014, als der IS den Nordwestirak überrannte, wurde nur eine verkürzte Meisterschaft ausgetragen, ansonsten gelang es dem Verband, den Bewerb am Laufen zu halten. In der aktuellen Saison konnte sogar erstmals seit 2003 wieder der Cup durchgeführt werden. Doch noch ist das System instabil. „Man muss sich nur ansehen, wie unorganisiert die Liga ist. Ständig werden Spieltermine verschoben“, sagt Fan Yaseen Kabash. Journalist Mubarak wiegelt ab, im Ligafußball spiegle sich einfach der Zustand der Gesellschaft, sagt er. „Die handelnden Personen denken nicht an die Zukunft. Die Politik ist durchzogen von Korruption. Und genauso ist es auch im Fußball.“ Doch zugleich bietet der Sport Struktur und ein bisschen Normalität im Chaos – und er kann von allen betrieben werden. Kaum setzt die Dämmerung ein, wird auf den improvisierten Fußballplätzen von Basra bis Bagdad wieder gekickt.
Dieser Beitrag wurde 2018 mit dem Sports-Media-Austria-Journalistenpreis in Kategorie Print ausgezeichnet.
Anschlagsziel Stadion
Doch nicht nur, wer versehentlich auf eine der millionenfach übers Land verteilten Minen tritt, kann mit dem Fußball sein Leben riskieren. Im Juli 2016 schockierte ein Video aus Rakka, der Hauptstadt des IS in Syrien, die Öffentlichkeit. Es zeigte fünf kniende, orange gekleidete Männer mit verbundenen Augen. Hinter ihnen standen fünf IS-Kämpfer in Uniform. Einer von ihnen sprach ein paar Worte in die Kamera, dann begannen sie, die Männer zu enthaupten. Vier der fünf Exekutierten waren lokale Berühmtheiten. Osama Abu Kuwait, Ahmed Ahawakh, Nehad al-Hussen und Ihsan al-Shuwaikh. Offiziell wurde ihnen Spionage für die kurdische Miliz vorgeworfen, doch daran gibt es starke Zweifel. Hartnäckige Gerüchte zeichnen ein anderes Bild. Den Ermordeten soll ihr Beruf zum Verhängnis geworden sein: Sie waren Profifußballer des örtlichen Klubs al-Shabab Raqqa.
Die Exekutionen waren nicht der erste Terrorakt im Umfeld des Fußballs. Im Jänner 2015 erschossen Mitglieder des IS 13 Jugendliche in Mossul, weil sie sich das Asienmeisterschaftsspiel des Irak gegen Jordanien im Fernsehen angesehen hatten. Die Leichen ließen die Terroristen tagelang auf der Straße liegen. Den Eltern war es verboten, ihre Kinder zu begraben. Im März 2015 waren 45.000 Zuschauer im Al-Shaab-Stadion von Bagdad zum Derby zwischen al-Zawraa und al-Quwa al-Dschawiya gekommen, als eine Serie von Bombenanschlägen rund um das Stadion 30 Menschen tötete. Im Juni 2016 sprengte sich ein Selbstmordattentäter im Al-Shuhadaa-Stadion 50 Kilometer südlich von Bagdad während einer Pokalübergabe in die Luft und riss 41 Menschen mit in den Tod.
Der Fußball ist ein öffentlichkeitswirksames Anschlagsziel für den IS. Und dennoch lässt sich der Sport auch für die Terrorgruppe nicht nur als Symbol des säkularen Westens abtun. Als Abu Bakr al-Baghdadi am 5. Juli 2014 in der Al-Nuri-Moschee von Mossul das Kalifat ausrief, wurde zur Feier des Tages ein Spiel- und Spaß-Tag abgehalten – mit einem Koranzitierwettbewerb und einem Fußballturnier. Der IS will den Fußball nutzen, dafür muss er ihn kontrollieren. Sobald er zur Gefahr für die Einhaltung religiöser Verpflichtungen wird, soll er verboten oder zumindest reguliert werden. Doch zu klären, wie genau diese Regeln ausschauen, ist nicht leicht. Der IS will nicht einfach nur islamische Traditionen fortführen: „Er will den Islam in seinem Namen nochmals einführen“, schreibt Spiegel-Journalist Christoph Reuter in seinem Buch „Die schwarze Macht“. „Die Menschen unter IS-Kontrolle mussten ihren Treueeid als Neu-Muslime nochmals ablegen.“ Nichts von früher soll Gültigkeit haben. Die Charta des IS untersagt jegliche Annehmlichkeiten, darunter können auch Rauchen, Facebook und eben Fußball fallen. „Der IS hat alles kaputt gemacht. Der Koran verbietet Fußball nicht. Ganz im Gegenteil“, sagt Khaled Saleh dem ballesterer. Der 29-Jährige spielte beim syrischen Zweitligisten Darrayya im Tor, ehe er mit Frau und Kind nach Wien flüchten konnte. „Der Prophet ermuntert uns zur körperlichen Ertüchtigung.“
Grenzen der Allmachtsfantasien
Der IS interpretiert das anders, er beruft sich dabei auf die 15-Punkte-Fatwa des saudi- arabischen Klerikers Abdallah al-Najdi aus dem Jahr 2003, die Fußball nur unter starken Modifikationen duldet. Der Sport müsse dem Dschihad dienen. Der Regelkatalog mutet in seinen Details skurril an: Wer ein Tor schießt, darf nicht zurücklaufen und seine Mitspieler animieren, ihn zu umarmen. Begriffe wie Foul und Corner sind verboten. Auf Schiedsrichter soll verzichtet werden, und kommt es zu Verletzungen, soll die Bestrafung nach dem Gesetz der Scharia durchgeführt werden – Auge um Auge, Kreuzbandriss um Kreuzbandriss.
Was sich wie eine endlose Glaubensdiskussion gibt, ist für Spiegel-Reporter Reuter das Ausleben von Machtgelüsten im Kleinen und Kleinsten. Eine Debatte darüber, was verboten wird und was nicht, findet im sogenannten Islamischen Staat ohnehin nicht statt. „Es wird irgendwo oben entschieden“, schreibt Reuter. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich alle in der dezentral geführten Organisation daran halten. Wenn mächtige Provinz-Emire in ihrem Territorium andere Entscheidungen in der Bewertung des Sports treffen, kümmert das in der ideologischen Führung des IS keinen. Vermutlich ein Grund, warum die Organisation den Fußball nicht aus ihrem Herrschaftsgebiet verbannen konnte. Einige sehen darin sogar einen symbolischen Sieg. Der Sport könne als Akt des Widerstands gelten. „Der Fußball sollte im Kampf gegen die Extremisten eine zentrale Rolle spielen“, sagt Jamal al-Quassim. „Die Freiheit und die Seele des Spiels sind das perfekte Gegengift gegen extreme Ideen.“
Doch bei aller Rhetorik weiß auch der IS um die anhaltende Attraktivität des Fußballs. Abu Otaiba ist ein selbsternannter Imam des IS, er rekrutierte Kämpfer in Jordanien: „In die Moscheen können wir nicht mehr gehen“, sagte er 2016 dem Wall Street Journal. „Da sind zu viele Agenten. Also gehe ich auf Fußballplätze. Wir nehmen die Rekruten mit zu unseren Ausbildungsfarmen. Durch organisierte Fußballspiele binden wir sie näher an uns.“ Hinzu kommt, dass ein Großteil der IS-Kämpfer aus dem Ausland stammt und auch im Dschihad auf gewohnte Annehmlichkeiten nicht verzichten will. „Die Internetcafés waren für die IS-Kämpfer geöffnet“, sagt Ex-Fußballer Saleh, der in Durbol aufgewachsen ist, einem Dorf südlich von Damaskus. „Während sie 2014 allen anderen verboten haben, die Weltmeisterschaft im Fernsehen zu verfolgen, haben sie die Spiele auf ihren Smartphones geschaut.“
Ali Adnan, Rekrut
Zurück in Samarra. „Wir müssen vorsichtig sein“, sagt Reiseführer Jamal al-Quassim, als wir durch die Straßen gehen. „Es gibt hier immer noch sehr viele IS-Spitzel.“ Auch der Vollbartträger aus Österreich wird von den schiitischen Milizen kritisch beäugt. Mehr als einmal muss der Reisepass vorgezeigt werden. Unsere vier Flaschen Wasser werden konfisziert. Protestieren ist wenig ratsam. Die Soldaten haben in der Nachmittagshitze Durst. Unweit eines Checkpoints zwischen dutzenden Armeefahrzeugen haben sich Jugendliche in der beginnenden Dämmerung einen Fußballplatz gebaut. Als Tore fungieren jeweils zwei Autoreifen. Die Spieler tragen Trikots internationaler Spitzenvereine und des irakischen Nationalteams mit der Rückennummer sechs. Das ist beflockt mit dem Namen Ali Adnan. „Unser Nationalheld“, sagt Jamal al-Quassim lächelnd. Denn Ali Adnan hat es in eine europäische Spitzenliga geschafft. Seit 2015 spielt der 23-Jährige beim Serie-A-Klub Udinese. Bei der U20-WM in der Türkei führte der Defensivspieler die irakische Auswahl 2013 ins Halbfinale, am Ende wurde sie Vierter.
Doch Adnan ist auch ein Held, weil er sich als prominentester Fußballer des Irak politisch positioniert hat. „Er ist ein Symbol für den Widerstand gegen den IS“, sagt al-Quassim. Im Jahr 2014 posierte Adnan für ein Foto in Uniform mit Kämpfern des irakischen Militärs. Das Bild machte ihn berühmter, als er es ohnehin schon war. Heute will sich Ali Adnan politisch nicht mehr äußern. „Zumindest solange sich die Lage im Irak nicht gebessert hat“, lässt die Udinese-Pressestelle dem ballesterer ausrichten.
Schrittweise scheint es tatsächlich jetzt schon besser zu werden. Im Oktober 2016 begann die Offensive der irakischen Armee auf Mossul. Der Osten der Stadt ist bereits befreit. „Im Westen Mörsergranaten, im Osten Elfmeterschießen“, schreibt Fache Wilson im März dieses Jahres in seiner Reportage für das Fußballmagazin So Foot. Amateur¬ spieler versammeln sich wieder zu organisierten Fußballspielen am Platz des Mossul FC. „Das Klublokal liegt in Schutt und Asche, aber das Wichtigste ist in Ordnung: das Spielfeld.“ Die Räumlichkeiten waren von den Dschihadisten als Waffenlager genutzt worden, zweimal wurde das Lokal Ziel von Luftangriffen. Während der IS-Besatzung war es den Mannschaften der Amateurliga nicht gestattet, ihre Spiele auszutragen. Also spielten die Teams nur interne Trainingsbegegnungen. Der Fußball in Mossul fand nach Regeln des IS statt. „Keine Logos auf den Dressen, keine Spiele zu Gebetszeiten und sie brachen die Spiele ab, wann es ihnen passte“, schreibt Wilson. „Die Dschihadisten verbaten dem Schiedsrichter den Gebrauch der Pfeife, weil das Geräusch Dämonen herbeirufe.“ „Es ist öfters vorgekommen, dass sich IS-Kämpfer unseren Partien angeschlossen haben“, wird der 28-jährige Nawfal Mohammed in So Foot zitiert. „Es waren Burschen aus dem Viertel, ich bin mit einigen zur Schule gegangen. Es waren gute Jungs, aber eines Tages haben sie zu ihren Eltern gesagt: Wenn ihr mir kein Geld gebt, arbeite ich für den IS.“ Denn als der IS Mossul im Juni 2014 einnahm, verfügte die Terrorgruppe über enorme Geldsummen. Gerade hatte sie aus der Zentralbank 500 Milliarden irakische Dinar erbeutet, umgerechnet 318 Millionen Euro. Einheimische Kämpfer wurden mit bis zu 550 Euro im Monat entlohnt, ausländische sogar mit bis zu 800. „Inzwischen liegen die Gehälter fast bei Null. Dem IS gehen das Geld und damit die Kämpfer aus“, sagt Spiegel-Redakteur Reuter dem ballesterer.
Bomben vom Regime
Die Kriegsführung des IS dient aber nicht immer so rationalen Zielen. Die Stadt Dabiq, 40 Kilometer nördlich von Aleppo, hat für die Kämpfer des IS keinen strategischen Wert, aber einen symbolhaften. Der IS hat sein Propagandamagazin nach dem syrischen Ort benannt. Laut der sunnitischen Glaubenslehre wird in der Stadt mit momentan knapp 3.500 Einwohnern die epische Schlacht der Endzeit stattfinden. Im August 2014 eroberten die Dschihadisten den Ort, im Oktober 2016 wurden sie von einer örtlichen Rebellengruppe wieder vertrieben. In Dabiq lebt auch Yasser al-Haji. In seiner Jugend war er U21-Nationalteamspieler, heute ist er Anfang 50 und hat vor einigen Jahren seine gesamten Ersparnisse in den örtlichen Fußballklub investiert und einen Sportplatz mit Kunstrasen, Flutlicht, Spielplatz und Kantine gebaut. Als 2011 der Arabische Frühling begann, setzte al-Haji alle Hoffnungen in den Sturz von Diktator Baschar al-Assad. Doch der kam nicht; stattdessen der staatliche Terror und die syrische Luftwaffe.
Der Sportplatz eines regimetreuen Konkurrenten einen knappen Kilometer entfernt wurde durch einen Raketenangriff getroffen, getötet wurde niemand. „Der Angriff hat mir gegolten“, sagt al-Haji, der Kontakt zur seit Juli 2011 bestehenden FSA, der Freien Syrischen Armee, hält. Die FSA hat selbst einen Fußballverband mit Sitz in der Türkei gegründet. Die Trikots sind grün − die Farbe der Revolution. Bei kleineren Turnieren gegen libanesische oder palästinensische Klubs konnte das Team einige Erfolge feiern. „Der IS hat den Fußball verboten, Assad hat ihn bombardiert“, sagt al-Haji im Gespräch mit dem ballesterer. „Es gibt keinen Fußball mehr in Syrien.“ Im November 2016 bot der Diktator den Rebellen in Aleppo ein Freundschaftsspiel an, gespielt haben am Ende zwei Teams der syrischen Armee.
Die Stadien in Latakia, Dera und Baniyas wurden zeitweise zu Gefangenenlagern umfunktioniert, das Abbasiyyin-Stadion in Damaskus zu einer Militärbasis.
Die Zäsur im syrischen Fußball kam mit dem Bürgerkrieg, die Strukturen der Zivilgesellschaft sind zerstört inklusive des Fußballs. „Die Spieler haben seitdem fünf, sechs Jahre ihrer Karriere verloren“, sagt Yasser al-Haji. „Das ist nicht mehr aufzuholen.“ Und dennoch eine vergleichsweise geringfügige Konsequenz. Andere ehemalige Erstliga¬ spieler wie Iyad Quaider und Louay al-Omar wurden in Gefangenschaft zu Tode gefoltert, wie aus dem Gefängnis geschmuggelte und im Internet veröffentlichte Fotos beweisen sollen. Die Stadien in Latakia, Dera und Baniyas wurden zeitweise zu Gefangenenlagern umfunktioniert, das Abbasiyyin-Stadion in Damaskus zu einer Militärbasis.
Die Propagandaliga
Dennoch lässt das staatliche Syrien inzwischen wieder Profifußball spielen. Private Investoren gibt es in der Liga wenige, die Vereine sind – ähnlich wie im Irak – staatlichen Institutionen zugeordnet wie der Armeeklub al-Jaish und der Polizeiverein al-Shorta. Als Titelfavorit gilt in dieser Saison Tichreen SC aus Latakia, der passenderweise seine Heimspiele im Al-Assad-Stadion austrägt. Al-Jaish, al-Shorta und al-Wahda gehören traditionell ebenso zum Favoritenkreis. Am 23. Dezember 2016 startete die Syrian Premier League in ihre neue Saison. „Eine Farce, ein schlechter Witz“, sagt al-Haji. „Das ist eine reine Propagandaliga für Assad. Er benutzt den Fußball, um der Welt Normalität zu suggerieren.“
Nominell kommen die Mannschaften der 16er-Liga aus sieben Orten, darunter aus völlig zerstörten Städten wie Aleppo und Homs. Sogar ein Team aus dem vom IS kontrollierten Deir ez-Zor ist dabei. Gespielt wird allerdings nur in Damaskus und Latakia, den vermeintlich sichersten Städten des Landes. „Das hat mit Professionalismus nichts zu tun“, sagt al-Haji. „Vor dem Bürgerkrieg waren wir auf einem guten Weg.“ 2004 konnte al-Jaish den AFC-Cup, das asiatische Pendant zur Europa League, gewinnen. 2010 schaffte das mit al-Ittihad ein zweiter syrischer Verein. Beide Male wurden die Mannschaften medienwirksam von Präsident Assad empfangen. Dass der Sport für das Regime auch heute sehr wichtig ist, gibt der leitende Direktor des syrischen Verbands, Fadi Dabbas, in einer BBC-Doku von 2017 offen zu. „Fußball vermittelt ein Bild des echten Syriens“, sagt er. „Des Syriens, dem es trotz des Kriegs gut geht.“
Keine Kompromisse
Tatsächlich ist die Qualifikation für die kommende Weltmeisterschaft für das Nationalteam noch im Bereich des Möglichen. Drei Runden vor Schluss hat Syrien vier Punkte Rückstand auf Platz drei, der zur Play-off-Teilnahme berechtigen würde. Für das Regime wäre das einerseits ein großer Propagandaerfolg, andererseits auch ein Risiko. Schon zuletzt waren internationale Auftritte des Nationalteams immer wieder Schauplätze von Protesten der Opposition.
Bereits zu Beginn des Bürgerkriegs gaben sich die Verbandsvertreter der syrischen Nationalmannschaft bei internationalen Pressekonferenzen zugeknüpft. Vor den Qualifikationsspielen für die Olympischen Spiele in London 2012 etwa waren Fragen zur Politik verboten. Dabei brannte den Journalisten gerade damals eine auf der Zunge. Jene nach Abdulbasset al-Saroot. Der Tormann der Olympiaauswahl spielte bei Karamah, dem erfolgreichsten syrischen Klub aus Homs, der Hochburg der Anti-Assad-Proteste. Al-Saroot engagierte sich politisch, wurde eine führende Figur der Protestbewegung. Zunächst soll er sich der FSA angeschlossen haben, dann angeblich dem IS und schließlich der Al-Nusra-Front. Ebenso Firas al-Khatib. Der Stürmer gilt als einer der besten syrischen Spieler der jüngeren Vergangenheit. In 53 Länderspielen schoss er 26 Tore. 2012 schlug er sich auf die Seite der Opposition und kritisierte das Regime öffentlich. Als Spieler in Kuwait war er vor der Verfolgung weitgehend sicher. Kurios ist, dass er Mitte März beim letzten WM-Qualifikationsspiel gegen Usbekistan erstmals seit sechs Jahren wieder im Teamkader stand. „Ich vermute, er hat einen Deal mit Assad gemacht“, sagt Khaled Saleh.
Der Diktator wird wohl an der Macht bleiben, sein Sturz durch die Rebellen ist unwahrscheinlich. Wie es darüber hinaus weitergeht, ist unklar. Syrien droht zu zersplittern. „Ich weiß nicht, ob sich das Land und sein Fußball von diesem Bürgerkrieg noch einmal erholen werden“, sagt Yasser al-Haji, der ehemalige Kicker und heutige Assad-Gegner. Im Irak steht die Armee zwar kurz davor, den IS aus dem Land zu treiben. Doch auch dort bezweifeln viele, dass der Staat in seinen jetzigen Grenzen bestehen bleibt. Denn da gibt es noch die Unabhängigkeitsansprüche der Kurden, deren Milizen im Kampf gegen die Terrorgruppe ein entscheidender Verbündeter sind. Wie die Zukunft in der Region auch immer aussieht, der Fußball wird weiter rollen. Denn wie sagt Journalist Mubarak in Bagdad: Stillsitzen und auf den Tod warten ist keine Alternative.
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