„Was will der Halbwüchsige mir denn jetzt über Fußball erzählen?“ – manchmal, so erzählt Tobias Escher, würden ältere Zuschauer so auf seine Fernsehauftritte reagieren. Der Mitgründer des Blogs spielverlagerung.de erklärt als Taktikexperte in TV-Sendungen und Zeitungen Gegenpressing, Packing und Deckungsschatten und ist noch keine 30. Die goldene Zeit des Fußballs, die war laut Escher vorbei, bevor er geboren wurde. Denn das waren die 1970er Jahre mit Spielern wie Johan Cruyff und Franz Beckenbauer. Das klingt nach einer romantischeren Sicht auf den Fußball, als es Eschers Taktikanalysen vermuten lassen.
ballesterer: Für das Reden über Taktik gibt es in Deutschland einen prägenden Moment: 1998 lud das ZDF Ulm-Trainer Ralf Rangnick ein, um an der Taktiktafel die Viererkette zu erklären.
Tobias Escher: Ja, dieser Fernsehauftritt ist im kollektiven Gedächtnis eingebrannt, auch wenn er Rangnick nicht unbedingt beliebt gemacht hat. Das Reden über Taktik hat dadurch den Charakter einer Wissenschaft bekommen, Rangnick ist anschließend der „Professor“ genannt worden.
Ist das Thema damit verbrannt gewesen?
Zumindest ist lange Zeit nichts gekommen – bis zur WM 2006, als Jürgen Klopp TV-Experte wurde. Er hat auch über Taktik geredet, aber verständlich. Die Zuschauer haben nicht das Gefühl gehabt, eine Lektion zu bekommen. Ich erinnere mich, wie er damals einmal nach einem Gegentor erklärt hat, wie die Mittelfeldspieler hätten vorrücken müssen und dass die Verteidiger nicht schuld waren. Das hat es vorher nicht gegeben, da war einfach immer der Abwehrspieler zu weit weg von seinem Mann.
War es die Gründungsidee von spielverlagerung.de 2011, etwas Ähnliches im Netz zu versuchen?
Der Anspruch war nicht, eine Revolution zu starten. Oder damit Geld zu verdienen. Ich habe damals noch studiert und wollte eigentlich Lehrer werden. Wir haben uns einfach für Taktik interessiert, gern geschrieben, einen gemeinsamen Blog gestartet und damit offenbar einen Nerv getroffen. Taktik muss nicht schwer verständlich sein. Wenn du einmal anfängst, darauf zu achten, kannst du das auch nicht mehr abschalten. Ich schaue Spiele also nicht in einem speziellen Taktikmodus.
Sondern wie?
Es ist kein Hexenwerk – ich sitze vor dem Fernseher und schaue mir das Spiel an. Der Blick löst sich vom Ball, ich achte darauf, wie die Mannschaften aufgestellt sind, wer was macht, welche wiederkehrenden Spielzüge es gibt. Ab und zu spule ich zurück, aber im Grunde schaue ich einfach genau hin. Zwischendurch werfe ich einen Blick in die Statistiken, um zu sehen, ob meine Thesen haltbar sind, also ob etwa der Linksaußen wirklich so viele Ballkontakte hat. Wenn er dann bisher nur zwei hatte, muss ich noch einmal nachdenken.
Fehlt da nicht das Stadionerlebnis?
Das ist ein kleiner Streit, den ich mit den Kollegen vom Kicker habe, weil die sagen: „Ihr seid nur Fernsehleute, ihr seht nicht, was im Stadion passiert.“ Wir arbeiten manchmal mit den Kameraperspektiven von Statistikanbietern, bei denen man wie im Stadion das ganze Feld sieht. Wenn ich auf der Pressetribüne sitze, unterscheidet sich das nicht so stark vom Fernsehen. Wenn ich mit Freunden ins Stadion gehe und vielleicht ein paar Bier trinke, ist es sowieso ein anderes Erlebnis.
Aber die Atmosphäre im Stadion und die Stimmung auf der Bank sind ja auch wichtige Faktoren für das Spiel.
Sicher, aber davon bekommt man nicht viel mit, der Profifußball ist eine abgeschottete Welt. Auf der Pressetribüne hörst du nicht, was von der Trainerbank gerufen wird. Was in der Kabine passiert, erfährst du nicht, auf der Pressekonferenz wird selten etwas Substanzielles gesagt. Stimmungen in der Mannschaft bekommst du eher beim Training mit. Für das, was ich mache, haben Stadionbesuche keinen Mehrwert. Die Beschäftigung mit Taktik vor dem Fernseher ist auch eine Reaktion auf diese Abschottung. Wir schauen auf den Platz – ohne Mutmaßungen darüber, was hinter den Kulissen passiert.
Sie kommen aus dem Blogbereich, schreiben inzwischen aber auch für Printmedien. Wie groß ist der Unterschied?
Das ist schon manchmal ein Spagat. Für Spielverlagerung schreibe ich anders als für die Welt oder 11Freunde. Dem klassischen Journalismus täte es aber mitunter auch nicht schlecht, Blogtugenden zu beachten, also wirklich die eigene Meinung zu schreiben oder auch richtig nerdig in ein Thema einzusteigen. Umgekehrt sind wir bei Spielverlagerung manchmal unnötig komplex.
Sie haben den Nutzen von Statistik erwähnt. Haben die Daten immer recht?
Nein. Wir haben zuletzt einen Boom quantitativer Daten erlebt. Alles, was man messen kann, wird gemessen. Aber manchmal bringt dich das auch nicht weiter, ein Ballbesitz von 60 zu 40 sagt nichts darüber aus, wie die Mannschaften gespielt haben. Jetzt kommen neue Werte dazu, Packing zum Beispiel hat eine qualitative Ebene, das sagt dir, wie viele Pässe ein Spieler nach vorne schlägt und wie viele Gegner er dabei überspielt. SAP entwickelt gerade Messungen, wie lange sich ein Spieler im Deckungsschatten befindet und wie gut er sich frei läuft. Mit solchen Daten kann man viel anfangen.
Welche Innovationen kommen auf das Spiel zu?
Das Spannende ist, dass du nie weißt, wo die nächste Neuerung herkommt. 2005 war nicht abzusehen, dass fünf Jahre später Spanien und Deutschland die dominierenden Kräfte im Weltfußball sein werden. Derzeit erleben wir, dass die ideologischen Grabenkämpfe zwischen Ballbesitz und Konterspiel etwas verschwinden. Trainer wie Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel wollen beides. Sie versuchen, von einer Grundformation wegzukommen und auch innerhalb eines Spiels auf mehr Flexibilität zu setzen. Das ist vermutlich die nächste Stufe, also nichts grundlegend Neues, sondern ein immer schnellerer Wechsel zwischen bekannten Mustern.
Tobias Escher (29) ist Mitgründer von spielverlagerung.de, schreibt als freier Journalist über Taktik und ist regelmäßiger Gast der Youtube-Sendung „Bohndesliga“. 2016 erschien sein Buch „Vom Libero zur Doppelsechs“.