Womöglich ist der Trennungsgrund 1,98 Meter groß, 23 Jahre alt und trägt einen ungewöhnlichen Namen: Nick Woltemade. Der Stürmer kommt aus dem Nachwuchs des SV Werder Bremen, doch in der Kampfmannschaft unter Trainer Ole Werner konnte er sich nicht durchsetzen. Also wechselte er im vergangenen Sommer ablösefrei zum VfB Stuttgart. Dort schoss Woltemade zwölf Saisontore und spielte sich ins Nationalteam. Gerade, so heißt es in übereinstimmenden Medienberichten, hat der VfB ein Angebot über 60 Millionen Euro für ihn abgelehnt.
Die Trennung, um die es geht, ist die von Werner und dem SV Werder, die der Klub mit der Trainerentlassung im Mai offiziell machte. Dabei hatte Werner die Bremer nach einem Jahr in der zweiten Liga 2022 zurück in die Bundesliga geführt und danach die Saisonplatzierungen stetig verbessert. Um ein Haar hätte es in der Vorsaison sogar für das internationale Geschäft gereicht. Das erste Mal seit 2011. Ausschlaggebend für Werners Ende bei Werder war nicht ausbleibender Erfolg, sondern ein Streit über die strategische Ausrichtung: Werner wollte die Mannschaft am Transfermarkt verstärken, die sportliche Leitung durch die Einbindung von jungen Talenten.
Old men playing
27 Jahre alt war der durchschnittliche Spieler, den Werder in der Vorsaison einsetzte. Nur bei Meister FC Bayern und Absteiger VfL Bochum lag der Wert höher. Werner baute auf Routine, der 31-jährige Mitchell Weiser sorgte für Stabilität im Mittelfeld, Marvin Ducksch mit 31 und Jens Stage mit 28 Jahren waren die besten Torschützen. Im März titelte die Bild: „Wann macht Werner Werder jünger?“ Sportdirektor Peter Niemeyer nahm seinen Trainer in Schutz, sagte aber auch: „Wir wollen eigene Jugendspieler zu den Profis führen.“
Ein Monat späten wurden die Risse in der Beziehung zwischen Werner und dem Klub unübersehbar oder besser: unüberhörbar. Ende April, nachdem Stürmer Oliver Burke seinen Abgang zu Union Berlin verkündet hatte, sagte der Trainer bei einer Pressekonferenz: „Man sieht ganz gut, wo wir in der Nahrungskette finanziell stehen.“ Eine Woche später legte er nach: „Wir stehen im Wettbewerb um internationale Plätze, obwohl wir wie ein Abstiegskandidat bezahlen.“ Vier Wochen später folgte die Entlassung, im Juni unterschrieb er bei RB Leipzig.
„Werder will mit jungen Spielern Werte entwickeln“, sagt Journalist und Autor Dietrich Schulze-Marmeling, der den Verein seit Jahren verfolgt, dem ballesterer. „Das war mit Werner nicht möglich.“ Für ihn ist die Verpflichtung des Nachfolgers folgerichtig: Horst Steffen, zuletzt Trainer bei der SV Elversberg. Beinahe hätte er den Klub innerhalb von drei Jahren von der Regionalliga in die Bundesliga geführt, erst in der Relegation gegen den FC Heidenheim endete das Kleinstadtmärchen. „Steffen hat das vor allem mit jungen Spielern geschafft“, sagt Schulze-Marmeling. Dazu zählte auch Woltemade, den Werder für die Saison 2022/23 ins Saarland verlieh – er schoss zehn Tore und bereitete neun weitere vor.
Auf Pump
Ihn nach Bremen zurückzuholen, wäre für Werder finanziell nicht im Ansatz zu stemmen. Der Verein hat bei Druck-legung in diesem Transfersommer für nur einen Spieler eine Ablösesumme bezahlt: zehn Millionen Euro für Flügelstürmer Samuel Mbangula von Juventus. Die Sparsamkeit hat Gründe. Von der Coronapandemie schwer getroffen, musste Werder 2020 einen Kredit von 20 Millionen Euro aufnehmen, um die Liquidität zu sichern, ein halbes Jahr später borgte sich der Verein von seinen Anhänger*innen weitere 17 Millionen Euro. Auch um die Fananleihe bedienen zu können, legte Werder im April erneut eine auf. Wenn der Verein investierte, dann zuletzt eher in Steine statt in Beine: Seit April wird das vereinseigene Nachwuchsleistungs-zentrum in direkter Nachbarschaft zum Stadion am Osterdeich saniert, auch das ist Teil der strategischen Neuausrichtung. Die Anlage war nicht nur in die Jahre gekommen, sondern wegen der Nähe zur Weser auch ständig vom Hochwasser bedroht. Alle Gebäude der Akademie sollen um einen Meter angehoben werden.
„Bei Werder sind keine großen Sprünge möglich“, sagt Schulze-Marmeling. Die Zeiten, in denen der Klub den Bayern Titel streitig machen, seien vorbei. Eine Erfolgsgeschichte, wie sie Eintracht Frankfurt in den letzten Jahren geschrieben hat, hält er für unrealistisch. Die Hessen stiegen 2012 aus der zweiten Bundesliga wieder auf, gewannen 2018 den DFB-Pokal und 2022 die Europa League. Im letzten Jahr hat der Klub Hugo Ekitike, Omar Marmoush und Willian Pacho um über 200 Millionen Euro verkauft und wird für die kommende Saison neben dem BVB als erster Bayern-Verfolger gehandelt. „Aber dafür brauchst du ein Startkapital. Und wo soll das herkommen? Bremen ist eine arme Stadt, Frankfurt die Finanzmetropole Deutschlands“, sagt Schulze-Marmeling. Für ihn gibt es im Südwesten des Landes ein besseres Vorbild: Dem SC Freiburg gelang es in den letzten Jahren durch kontinuierliche Arbeit und ohne spektakuläre Transfers, sich im Spitzenfeld der Bundesliga festzusetzen. „Doch dafür darf man sich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lassen.“
Rainy Days
Insofern könnte die anstehende Saison ein guter Test werden. Werders Sommer verlief nicht nach Wunsch. Der Dauerregen beim Trainingslager in Zell am See war noch das geringste Problem. Zwar holten die Bremer neben Mbangula mit Innenverteidiger Maximilian Wöber einen vierten Österreicher, am Transfermarkt hatte der Klub aber ansonsten oft das Nachsehen und gab Stürmer Ducksch an den englischen Zweitligisten Birmingham City ab. Dazu kam das Pech: Weiser riss sich in Zell am See das Kreuzband, Stage laboriert an einer langwierigen Fußverletzung. Im letzten Vorbereitungsspiel gegen
Udinese Calcio standen mit Tormann Mio Backhaus und Stürmer Keke Topp zwar zwei Eigenbauspieler in der Startelf, es setzte aber eine 1:2-Niederlage. „Viele Fragezeichen und ein bedenklicher Ist-Zustand“, fasste das Fanmedium Deichstube die Situation vor dem Saisonstart zusammen. Das Ausscheiden in der ersten Cuprunde bei Zweitligaaufsteiger Arminia Bielefeld konnte diese Einschätzung nur unterstreichen.
Angst vor der bevorstehenden Saison hat Neo-Trainer Steffen dennoch nicht: „Das ist ein Fremdwort für mich“, sagte er bei der Pressekonferenz vor dem Cupspiel. Vielleicht wird er bald ins Wörterbuch schauen. Nach dem Ligaauftakt bei der Eintracht wartet am zweiten Spieltag Leverkusen, am vierten Freiburg und in der fünften Runde geht es zu den Bayern. „Es ist gut möglich, dass Werder heuer gegen den Abstieg spielt“, sagt Schulze-Marmeling. Das aber sollte kein Trennungsgrund sein. „Die größere Herausforderung wird sein, die neue Strategie weiterzufahren und nicht gleich die Nerven zu verlieren.“