Eine Freizügigkeit hinsichtlich des Rauchens findet sich in den 1960er Jahren im englischen Fußball. Hier gehörte der berühmte Bobby Charlton, Spieler von Manchester United, zu jenen wenigen Sportlern, deren Raucherkarriere durch etliche Fotos überliefert ist. Charlton rauchte auch in der Öffentlichkeit. So ist es nicht verwunderlich, dass er vor seinem letzten Spiel vom Präsidenten des gegnerischen Vereins, des FC Chelsea, als Erinnerungsstück ausgerechnet eine Tabatiere überreicht bekam. Aber auch sein Bruder Jack Charlton rauchte regelmäßig. Jack bildete mit William „Billy“ Bremner ein legendäres und vereinstreues Duo bei Leeds United. Sie waren auch privat gut befreundet und teilten sich bei Auswärtsfahrten stets ein Hotelzimmer. Ein Foto zeigt beide rauchend im Hotelzimmer nach dem FA-Cup-Finale von 1972. Jack Charlton erzählte später der Daily Mail: „Er liebte seine Zigaretten – genauso wie ich. Rauchen war damals nicht so schlimm. Wir durften nur im Teambus und im Zug zum Spiel nicht rauchen. Heutzutage schaut dich jeder komisch an, wenn du rauchst. Das war damals nicht so. Billy hat geraucht, ich habe geraucht, ein paar von den anderen Jungs auch. Ich habe allerdings nur in der Sommerpause geraucht, nicht mehr, wenn die Liga wieder losgegangen ist.“
Woodbines, Players, Craven A
An diese Erzählung knüpft auch James „Jimmy“ Greaves an, der fast 15 Jahre in der obersten englischen Liga und 57-mal im Nationalteam gespielt hatte. In Manchester-United-Fanblog Truly Reds erinnert er sich an die 1960er Jahre: „Ich habe an meinem ersten Tag als Chelsea-Spieler mit dem Rauchen begonnen, als ich mir eine Fünferpackung Woodbines gekauft habe. Ungefähr die Hälfte meiner Teamkollegen bei Chelsea, Tottenham und im Nationalteam hat geraucht. Die Teambesprechungen im Hotel Hendon Hall bei der WM 1966 wurden in Räumen abgehalten, in denen der Rauch stand. Ray Wilson, Jack Charlton, Jimmy Armfield, ich – wir alle haben geraucht. Auch Bobby Charlton. Trainer Alf Ramsey rauchte nur im Geheimen. Selbst als das Rauchen komplett akzeptiert war, hat er seine Zigarette abseits der neugierigen Blicke der Presse und der Öffentlichkeit konsumiert.“
Doch nicht nur im Nationalteam waren die Zigaretten ständiger Begleiter, wie Greaves erzählt: „Bei den Spurs habe ich mir das Zimmer mit Terry Dyson geteilt, er war ein echter Kettenraucher. Oft ist er um 3.00 Uhr morgens aufgestanden, um eine zu rauchen. Bryan Douglas, Flügelspieler bei Blackburn und im Nationalteam, war ebenfalls ein starker Raucher. Er hatte immer einen Glimmstängel im Mundwinkel. Und wahrscheinlich konnte nur das skurrile Chelsea-Team der 1950er Jahre einen Tormann wie Reg Matthews haben. Er war so nervös, ich glaube, er hatte eine Packung Players hinter sich im Tornetz verstaut, um eine zu paffen, wenn wir angegriffen haben.“ Stanley Matthews hingegen war Nichtraucher, was ihn allerdings nicht hinderte, für Zigaretten Werbung zu machen: Nur Craven A, so behauptete er in der Werbebotschaft, sei eine wirklich reine Zigarette.
Entspannung nach der Entführung
In eine andere Kategorie fällt ein Bild, das den langjährigen Mittelstürmer der Bolton Wanderers, Nat Lofthouse, nach dem Gewinn des FA-Cups im Jahr 1958 zeigt. Im Zentrum des Fotos ist der riesige Pokal zu sehen: Der Klubmanager der Wanderers, Bill Redding, gibt seinem Stürmerstar einen Schluck aus der vermutlich sektgefüllten Trophäe zu trinken. Nicht routinisierter Alkoholgenuss, sondern die Feier eines außerordentlichen Ereignisses steht hier im Zentrum. Was dabei fast übersehen werden kann, ist, dass Lofthouse in der Linken eine Zigarette hält, die, so scheint es, eher zu den gewohnten Handlungen des Spielers zu rechnen ist.
Wieder anders verhält es sich bei einem Foto des Stürmers Alfredo di Stefano. Es zeigt einen sichtlich gezeichneten unrasierten Mann, der zur Entspannung eine Zigarette raucht. Di Stefano, der üblicherweise nicht in die Kategorie rauchender Sportler gerechnet wird, war 1963 während der Teilnahme seines Klubs Real Madrid in Venezuela von einer regierungsfeindlichen Gruppe entführt und erst drei Tage später vor der spanischen Botschaft in Caracas wieder freigelassen worden. Das Bild zeigt ihn, während er in der Botschaft Journalisten Rede und Antwort steht.
Die 1960er Jahre im britischen Fußball gehörten zu den besonderen Phasen in der Beziehung zwischen Rauchen und Sport, in denen diese Verbindung zumindest von einigen Athleten auch öffentlich ausgelebt und fotografisch festgehalten wurde. Dennoch: Der Vergleich zu den retrospektiven Erzählungen über jene Jahre verdeutlicht, wie sehr die selbstverständliche Zigarette vor der Allgemeinheit verborgen wurde. Dass bis in die 1960er Jahre „allerorten eine nahezu uneingeschränkte Raucherlaubnis im öffentlichen und privaten Lebensraum“ herrschte, wie Imre von der Heydt in seinem Buch „Rauchen Sie?“ schreibt, hatte sich unter den Sportlern nur ansatzweise ausgewirkt.