Wesentlich mehr Kritik musste sich der vorherige Eigentümer Mike Ashley gefallen lassen.
Öl nach Newcastle
Wir sind nicht hier, um uns beliebt zu machen, wir sind hier, um zu gewinnen“, steht auf einem Banner in der Ecke des Gallowgate Stand im Saint James’ Park. 2023 reagierte Newcastle Uniteds Trainer Eddie Howe mit diesem Satz auf Kritik an der Spielweise seiner Mannschaft. Als Newcastle Anfang Oktober Nottingham Forest empfängt, ist der Klub in der Premier League nur 15., hat in der Champions League aber ein paar Tage zuvor Union Saint-Gilloise 4:0 geschlagen. Es ist ein schöner Herbsttag, der Wind bläst durch die Stadt, Trikots und Schals sind unter Jacken verpackt. Die Tribünen sind bis auf wenige Plätze gefüllt und fast ganz in Schwarz und Weiß getaucht. Die Heimfans grölen zur Melodie von „Hey Jude“ lautstark: „Nananana, Geor-dies“. So heißen in Newcastle Menschen und Dialekt heißen. Nach Anpfiff entladen sich Szenenapplaus und Beschimpfungen Richtung Rasen, nichts davon scheint vorerst bei den Spielern zu wirken. Die erste Hälfte ist chancenarm, doch trotz des 0:0 zur Pause klatscht das Publikum.
Der Wind, der heute aus Nordwesten kommt, hat sich gedreht in Newcastle. Jahrzehntelang verfluchten die Bewohner*innen den Verfall der Stadt und die Fans des Klubs dessen Eigentümer Mike Ashley. Am 7. Oktober 2021 wurden sie ihn los, da übernahm der saudische Staatsfonds PIF 80 Prozent der Anteile an Newcastle United. Sportswashing nennen das einige, an den Millionen, die nun in den Verein fließen, klebe Blut. Doch die meisten Fans in Newcastle jubelten. Vielleicht, so hofften sie, könnten sie nun wieder wie in den 1990er Jahren um Titel mitspielen und sogar wie zuletzt 1927 Meister werden. Und tatsächlich geht es sportlich steil aufwärts. Für manche ist die Übernahme deswegen heute noch ein Grund zum Feiern, einige wenige haben sich vom Klub abgewandt, seit er in den Einflussbereich des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman gelangt ist.
Pietät der Proleten
Newcastle ist eigentlich keine Stadt der Könige. „Es ist eine Stadt der Arbeiterklasse. Wir haben nicht viel. Am Wochenende der Mannschaft zuzuschauen, bedeutet die Welt. Für uns ist das Religion“, sagt Jon Corbett. Corbett ist Mitte 40 und Musikjournalist. Er trägt ein kariertes Hemd und eine ähnliche Frisur wie Liam Gallagher Mitte der 1990er Jahre. Er vergöttert aber nicht Manchester City, sondern hat seit 1991 ein Abo bei Newcastle United: „Vom ersten Moment, an dem du Dinge hören und fühlen kannst, geht es in dieser Stadt nur um den Verein.“
Rund 300.000 Einwohner*innen hat Newcastle upon Tyne. Dass Corbett einer von ihnen ist, ist zu hören, auch wenn er sein Geordie zu kaschieren versucht. Sein i klingt wie oi, das a fast schon deutsch, nicht wie im Englischen eigentlich üblich. Die Gegend hat nicht nur eine eigene Sprache, sondern auch einen eigenen Stolz. Newcastle liegt nahe der Grenze zu Schottland, der verhasste Rivale AFC Sunderland ist um die Ecke, alle anderen Premier-League-Teams sind weit entfernt. Bis in die nächste größere Stadt Leeds braucht man zwei Stunden mit dem Auto, nach London mehr als sechs.
Newcastle United ist der Leuchtturm der Stadt, und die Stadt ist eine One Club City, anders als Manchester und Liverpool, London und Birmingham. Die überragende Bedeutung des Klubs ist deutlich sichtbar. Michael Chaplin sagt: „Wenn du auf der anderen Seite der Tyne in Gateshead bist, kannst du über den Fluss schauen – und er ist der Fokus.“ Er, das ist der Saint James’ Park, der auf dem Hügel mitten in der Stadt thront. Chaplin hat für das Fernsehen und als Journalist gearbeitet, Theaterstücke verfasst und ein Buch darüber geschrieben, wie er Newcastle-Fan wurde. Er empfängt den ballesterer in seinem Zuhause, nahe der U-Bahn-Station Ilford Road. Englische Vorstadt, rote Ziegelsteinhäuser, auf dem Küchentisch stehen Kekse. Chaplin redet formelleres Englisch als die meisten hier. „Mein Geordie wird stärker, wenn ich beim Fußball bin“, sagt er. Fan ist er seit 1957, als er als Fünfjähriger neu in der Stadt war und mit dem Nachbarsbuben Charles auf der Straße spielte. Plötzlich sei da dieser Lärm gewesen. „Charles hat gegrinst: ‚Newcastle muss ein Tor geschossen haben.‘ Da hatten sie mich an der Angel.“ Nicht nur Chaplin spürt diese Faszination: Der langjährige englische Teamchef und Newcastle-Trainer Bobby Robson nannte den Saint James‘ Park „the cathedral of football on the hill“. Die Fußballkathedrale auf dem Hügel.
Back to the Future
Statt Lobpreisungen wurden dort aber jahrelang Klagelieder angestimmt. Bis zum 7. Oktober 2021. Euphorisch bejubelten viele NUFC-Fans vor dem Stadion die Übernahme durch den PIF. Manche trugen eine Kufiya, ein arabisches Kopftuch, andere hatten saudische Flaggen dabei. Sie waren sich sicher, dass große Zeiten auf ihren Klub zukommen, Titel in der Champions League und der Liga. Corbett sagt: „Es war, als ob sich ein Dach über der Stadt öffnen würde.“ Newcastle war damals 19. und beendete die Saison noch als Elfter. In der darauffolgenden Saison qualifizierte sich der Klub für die Champions League, und im März 2025 ging eine lange Durststrecke zu Ende: Newcastle gewann den EFL-Cup und holte nach 70 Jahren wieder einen nationalen Titel. „Liverpool hat im Finale gar nicht gewusst, wie ihnen geschieht“, sagt Chaplin. Er schaute das Spiel gemeinsam mit seinem Kindheitsfreund Charles im Fernsehen.
Corbett sah die Partie live in Wembley. Es war das fünfte Finale von Newcastle, das er dort verfolgte. In den vier Spielen zuvor hatte sein Team kein einziges Tor geschossen. Dieses Mal habe er sich nicht zu verrückt machen lassen wollen. „Also bin ich mit meiner Familie zur Ablenkung in das Musical ‚Zurück in die Zukunft‘ gegangen. Der Saal war voll mit Newcastle-Fans, die dieselbe Idee gehabt haben.“ Schon am Weg zum Stadion hatte Corbett ein gutes Gefühl. Über das 1:0 durch Dan Burn kurz vor der Pause sagt er: „Ich habe meinen Vater angeschaut und angefangen zu weinen.“ Am Ende gewann Newcastle 2:1.
Sein Vater sei ebenfalls in Wembley gewesen, sagt Andrew Page. Er blieb zu Hause. „Viele Leute, die ich kenne, waren dort. Aber niemand hat mich kontaktiert, damit ich ihnen nicht den Spaß verderbe.“ Page ist Mitglied der „NUFC Fans against Sportswashing“, einer Initiative, die sich nach der Übernahme durch den PIF gegründet hat, um gegen die neuen Besitzer*innen zu mobilisieren. Page trägt einen kurzen Vollbart und bezeichnet sich als links. Er trifft den ballesterer nach Feierabend in einem Pub nahe des Bahnhofs. Sein Frust ist spürbar. „Beim Finale bin ich alleine vor dem Fernseher gesessen, es hat mich kaum mitgerissen. Der erste Titel nach 70 Jahren – und dann siehst du Yasir Al-Rumayyan die Trophäe hochheben, die Menge jubeln und denkst: ‚Das sind wir jetzt also.‘“ Al-Rumayyan ist chairman von Newcastle United und Geschäftsführer des saudischen Staatsfonds. Dessen Vorsitzender ist der Kronprinz und Premierminister bin Salman. Kritiker*innen lässt er verhaften, er soll 2018 den Mord am oppositionellen Journalisten Jamal Khashoggi in Auftrag gegeben haben. Als Verteidigungsminister befehligte er den Eintritt in den Krieg im Jemen, der zur humanitären Katastrophe wurde. In Saudi-Arabien sind Rechte von Frauen und queeren Personen eingeschränkt. Vergehen können mit Peitschenhieben bestraft werden, bis Juli 2025 sind mindestens 180 Personen hingerichtet worden.
Richer than you
Eine Voraussetzung für die Genehmigung der Übernahme durch die Premier League war die Zusicherung des PIF, der saudische Staat werde keinen Einfluss auf den Klub nehmen. So deutlich wie bei Paris Saint-Germain, wo der katarische Vereinspräsident Nasser Al-Khelaifi omnipräsent ist, ist er nicht. Auf den zweiten Blick wird die Nähe sichtbar. Bei Auswärts- und Ausweichdressen setzt der Klub seit 2022 auf ein Grün, wie es auch in der Flagge Saudi-Arabiens zu finden ist. Im November 2024 hielt Newcastle United ein Trainingslager in der saudischen Hauptstadt Riad ab, das saudische Nationalteam spielte 2023 zwei Testspiele im Saint James’ Park. Die neuen Eigentümer machen kein Geheimnis daraus, worum es ihnen bei der Übernahme in Newcastle ging. Es brauche Einfluss, um seine Ziele zu erreichen, sagte bin Salman 2023 im saudischen Staatsfernsehen: „Nehmen wir unseren Public Investment Fund als Beispiel. Wenn man Einfluss hat in der Welt, ein gutes Ansehen, dann wird die Welt offener sein für unsere Investitionen.“
Die „NUFC Fans against Sportswashing“ gehören zu den wenigen Stimmen in Newcastle, die sich gegen den Staatsfonds aussprechen. Sie problematisieren die Menschenrechtsverletzungen im Golfstaat und werfen ihm Sportswashing vor, also, dass er den Sport nutzen würde, um das saudische Image zu aufzupolieren. Als Saudi-Arabien im März 2022 81 Personen hinrichtete, organisierte die Initiative vor dem Heimspiel gegen Chelsea einen Protest vor dem Stadion. Die Fans im Stadion richteten ihre Gesänge allerdings nicht gegen die neuen Eigentümer, sondern den gegnerischen Klub: „Wir sind reicher als ihr“, sangen sie.
The Ashley Years
Wesentlich mehr Kritik musste sich der vorherige Eigentümer Mike Ashley gefallen lassen. „Er hat die Stadt nicht verstanden“, sagt Corbett. 2007 kaufte der Milliardär und Besitzer des Sportartikel-Discounters Sports Direct den Klub, 2009 stieg Newcastle das erste Mal seit 30 Jahren ab. Zwar gelang der Wiederaufstieg, doch Erfolge blieben aus. Ashley erzürnte Klublegende Kevin Keegan, der als Trainer 2008 das Handtuch warf, nachdem zwei Spieler ohne sein Wissen verpflichtet worden waren. Ashley erzürnte die Gewerkschaften, die ihn wegen der Arbeitsbedingungen bei Sports Direct kritisierten.
Vor allem aber erzürnte er die Fans, weil er den Saint James’ Park umbenannte und den Klub finanziell vernachlässigte. Unter dem Slogan „Ashley out“ protestierten sie ab 2015 gegen den Eigentümer mit Demonstrationen, leeren Sitzen und zurückgelegten Abos. „Unter Ashley hat es an Ambitionen gefehlt“, sagt Chaplin. „Ich habe es nicht mehr ertragen.“ In der Hinrunde der Saison 2019/20 hatte Newcastle United als einziges Team der Premier League eine Stadionauslastung unter 90 Prozent und verschenkte Abos für die Rückrunde. „14 Jahre lang hast du dich mit Freunden im Stadion getroffen. Und 14 Jahre lang hat Newcastle United dir den Tag versaut“, sagt Corbett. „Wenn er nur ein bisschen Geld investiert hätte, hätte Ashley Titel gewinnen, seine Marke bewerben und Teil der Geordie-Folklore werden können.“
Der Frust machte es dem PIF leichter. Als sich die Übernahme 2020 anbahnte, wurde sie in einer Umfrage des „Newcastle United Supporters Trust“ von 97 Prozent der Fans befürwortet. „Es ist die Gelegenheit für einen Neustart. Der Klub soll wieder seinen Beitrag zum sportlichen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Leben der Stadt Newcastle und der Region leisten“, sagte Greg Tomlinson, Vorstandsmitglied der Fanorganisation, damals dem ballesterer.
Schicht im Schacht
Das wirtschaftliche Leben, das die Stadt einst zur Metropole gemacht hat, pulsiert aber auch heute noch nicht so wie in früheren Zeiten. Anfang Oktober ist es am Hafen ruhig. Ein Schiff wird beladen, ein paar Bauarbeiter teeren ein Stück des Kais. Auch in Newcastles Nachbarstadt Wallsend ist von der Vergangenheit kaum noch etwas zu sehen. Früher waren hier die Werften, in einer arbeitete Chaplins Bruder. Heute befinden sich große Hallen neben verwaisten Betonflächen, ein Kran ragt vergessen in den Himmel. Einst trieb Newcastle die Industrielle Revolution an, bis diese von der Globalisierung überholt wurde. Schiffe, Lokomotiven und Artilleriegeschütze wurden in der Stadt produziert, sieben Millionen Tonnen Kohle jährlich aus den Minen der Region in die ganze Welt verschifft. Kohle nach Newcastle bringen – das ist im Englischen noch heute ein Ausdruck für eine sinnlose Aktion.
Als Newcastle United zwischen 1905 und 1927 seine vier Meistertitel gewann, arbeiteten rund 200.000 Menschen in den Minen der Region, beim Gewinn des Messestädtepokals 1969 noch rund 300.000 in ganz Großbritannien. Dann versank der Klub in der Bedeutungs-, Newcastle in Arbeitslosigkeit. Während der boomende Ölpreis Saudi-Arabien ab den 1970er Jahren immer reicher machte, war der wirtschaftliche Abstieg Newcastles im Gange. Spätestens als Margret Thatcher 1979 Premierministerin wurde, war die Zeit der Bergleute vorbei, Newcastles Schiffbau hatte schon früher an Zugkraft verloren. Die Konkurrenz aus Europa und Asien produzierte billiger und moderner.
Schablonendenken
Heute ist die Erwerbslosigkeit hier höher als fast überall im Land, 38 Prozent der Kinder leben in Armut, über 350 Millionen Pfund hat der Stadtrat seit 2010 an Budgetkürzungen vorgenommen. „Viele meiner Freunde können sich nicht einmal die grundlegendsten Dinge leisten“, sagt Corbett beim Interview im Pub „The Dog & Parrot“. Mit einer Handbewegung deutet er nach draußen, am Ende der Straße ist der Sozialmarkt, der auch vor der Partie gegen Nottingham Forest Spenden sammelt. „Das ist ein fruchtbarer Boden für ausländische Investoren, um als eine Art Retter für die lokale Bevölkerung aufzutreten“, sagte Simon Chadwick, Professor für Sport und geopolitische Ökonomie, 2023 dem Portal „The Athletic“.
Wie so etwas funktionieren kann, zeigt sich seit 2008 drei Autostunden südlich von Newcastle. Damals übernahm die Abu Dhabi United Group, die der Herrscherfamilie der Arabischen Emirate gehört, Manchester City. Dort entwickelte sich rund um das Stadion aus Brachland ein wirtschaftliches Zentrum, vor allem dank Geldern vom Golf. Keine Stadt im Vereinigten Königreich – London ausgenommen – erhält mehr ausländische Direktinvestitionen. Gleichzeitig heißt es im 2022 publizierten Bericht „Manchester offshored“ der University of Sheffield, Manchester habe die Flächen zu billig verkauft, die Profite würden nach Abu Dhabi abfließen.
„Es ist kein Sportswashing, es ist Investment“, sagte Amanda Staveley gegenüber „The Athletic“ kurz nach der Übernahme 2021. Sie fädelte den Deal zwischen Newcastle United und dem PIF ein und stieß auf Unterstützung aus der Politik. Geschäftsbeziehungen zwischen Großbritannien und Saudi-Arabien gibt es schon lange, seit den 1960er Jahren bei Waffen und Öl, heute geht es im Rahmen der saudischen „Vision 2030“ auch um erneuerbare Energie. 2024 übernahm der PIF 40 Prozent der Anteile an der britischen Kaufhauskette Selfridges und 15 Prozent am Flughafen Heathrow. „Ich will die Übernahme gar nicht rechtfertigen, aber ein großer Teil des britischen BIP hängt mit den Saudis zusammen“, sagt Corbett. „Wir sind als Region so lange benachteiligt worden, da hat der Einstieg natürlich Euphorie ausgelöst.“ Tatsächlich verkündete die britische Regierung im Mai 2024, dass über drei Milliarden Pfund an saudischen Investitionen in den englischen Nordosten fließen werden. Doch Auswirkungen der Übernahme auf Newcastle sind überschaubar. Zwar sorgen Champions-League-Spieltage für zusätzliche Nächtigungen. Merkliche Investitionen gebe es aber keine, schreibt Page in einem Artikel für das Onlinemagazin „New Socialist“. „Erst heißt es, dass wir diese Übernahme unbedingt brauchen, jetzt wird ignoriert, dass die Investitionen in der Stadt ausbleiben“, sagt er beim Gespräch im Pub.
Feiern, bis es kracht
Das einzige sichtbare Projekt mit Bezug zu den saudischen Eigentümern befindet sich direkt am Stadion und ist vor dem Spiel gegen Nottingham Forest prall gefüllt, die Fans stehen Schlange, um hineinzukommen. Es ist eine Halle, gebaut aus Schiffscontainern, mit Kiosken, Livemusik und riesigen Bildschirmen, auf denen die Newcastle-Spiele übertragen werden. Werbepartner der Fanzone ist Sela, der saudische Trikotsponsor im Besitz des PIF. Die Halle ist täglich von morgens bis abends geöffnet und zieht an Spieltagen mehrere tausend Fans an. Nicht alle sind dafür dankbar.
Die 2024 eröffnete Fanzone war zunächst nur für drei Jahre geplant, doch heuer wurde die Lizenz bis 2031 verlängert. Über 100 Gastronomiebetriebe unterschrieben im Sommer eine Petition, die kritisierte, die Fanzone sei eine Gefahr für die umliegenden Lokale. „Die Petition hat sich nicht gegen den Klub gerichtet, sondern gegen die Stadt, weil sie die Lizenz vergeben hat“, sagt Tommy Byron. Er hat die Petition unterschrieben und ist der Besitzer des „The Dog & Parrot“ in Gehweite des Stadions. Er trägt eine Bomberjacke, eine abgedunkelte Brille, Goldschmuck um Handgelenke und Finger und sagt dem ballesterer im Geordie-Dialekt, er würde rund 30.000 Pfund im Jahr für seine Schanklizenz zahlen. Das Unternehmen hinter der Fanzone zahle gar nichts, weil sie als befristet gelte. „Sie zerstören die Pubkultur“, sagt Byron. Sein Umsatz sei seit der Eröffnung der Fanzone um 44 Prozent eingebrochen. Auch eine Mitarbeiterin des „Rosie’s“ ein paar Straßen weiter bestätigt dem ballesterer, dass junge Leute dort zunehmend ausbleiben würden, weil sie die Fanzone besuchen.
Millionenboost
Die meisten Fans, mit denen der ballesterer vor dem Spiel gegen Nottingham spricht, akzeptieren die neuen Eigentümer. Dass der Stolz der Geordies und das Geld der Saudis nicht zusammenpassen, ist vielen trotzdem klar. „Es ist ja nicht so, als würden wir die Augen verschließen“, sagt auch Corbett. Doch er fokussiert auf das Sportliche und hofft auf weitere Titel. Bis Newcastle um die Meisterschaft mitspielt, wird es noch ein bisschen dauern. Das macht nicht nur der durchwachsene Saisonstart offensichtlich. „Solange wir uns in die richtige Richtung entwickeln, um Titel mitspielen und die Besten herausfordern, wird jeder Newcastle-Fan glücklich sein“, sagt Corbett.
Das sieht Andrew Page anders. Wie lange er sich noch als Fan bezeichnen wird, weiß er nicht. Fußball schaut er mittlerweile beim unterklassigen Gateshead FC auf der anderen Seite der Tyne. Der Kontakt zu einigen Freunden, mit denen er früher ins Stadion ging, sei abgebrochen. „Ursprünglich wollten wir die Saudis einfach wieder rauswerfen“, sagt er. Realistisch sei das nicht mehr. „Aber zumindest zeigen wir, dass es Leute gibt, die dagegen sind.“ Ein paar Mitglieder hätten die Gruppe zwar verlassen, es gebe aber einen Kern, der niemals aufhören werde. Irgendwo zwischen diesen Positionen liegt die von Michael Chaplin in seinem Reihenhaus am Stadtrand. Er sagt: „Als Fußballfans beeinflussen wir die Weltmächte nicht. Die Saudis haben vielleicht Newcastle United übernommen, aber sie werden niemals das Newcastle United in meinem Herzen übernehmen. Dort drin ist die Geschichte, meine Geschichte.“
Vielleicht ist die Zukunft schwarz-weiß, zumindest in Newcastle. Fans, die sich abwenden, und Fans, die euphorisch sind wie nie. Besitzer, die Widerstand und Wohlwollen erfahren. Und eine Stadt, in der Kronprinz und Arbeiter*innen zusammengefunden haben. Jedenfalls ist die Zukunft teuer erworben. Über 460 Millionen Pfund hat der saudische Staatsfonds in den letzten vier Jahren in den Klub gepumpt. 117 Millionen Euro hat der Klub für Bruno Guimaraes und Nick Woltemade gezahlt. Gegen Nottingham schießen sie die Tore zum 2:0-Sieg. Es sind weitere Punkte für die Popularität.
Die Reportage aus Newcastle wurde durch das Recherche:Wien-Stipendium des fjum ermöglicht.
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