Auf ihren Spruchbändern schmähen sie die Gegner, protestieren gegen die Vereinspolitik, begrüßen Neugeborene und trauern um Verstorbene. Die Ultras haben ihr eigenes Medium und ihre eigene Sprache, ihre Botschaften richten sich zumeist an ihr Umfeld – die eigene Gruppe, die Rivalen, den Verein. Nur selten werden ihre Botschaften in der breiten Öffentlichkeit diskutiert. Das jedoch geschah mit dem Spruchband vom 19. August. „Ihr seid die wahren Verbrecher, Journalisten Terroristen“ stand vor dem Spiel zwischen Rapid und Sturm in großen Lettern vor der Fantribüne im Weststadion. Der erste Teil des Spruchbands war in den Schriftzügen der wichtigsten Zeitungen des Landes gestaltet – von Heute bis Österreich, von der Presse bis zum Standard.
Tagelang hagelte es Protest in den Medien, Journalistengewerkschafter Franz Bauer nannte das Transparent gar eine Attacke auf die Freiheit der Meinungsäußerung. Die Provokation wurde angenommen, angekommen ist die Botschaft aber nicht. Über die Wortwahl des „Block West“ ließe sich lang diskutieren, über plumpe Stilmittel wie Vereinfachungen und über den Mangel an Sensibilität. Keine Frage, Medienkritik geht pointierter und kreativer. Bei all der Aufregung ging aber unter, dass die Ultras vor allem eines wollten: den Medien einen Spiegel vorhalten. Immer wieder ist in der Presse vom Terror der Fans zu lesen, von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den Stadien und anderen pauschalen Verunglimpfungen. Das bemängelten auch die Rapid-Fans, die von den Effekten ihres Spruchbands wohl so überrascht waren, dass sie zwei Tage später ein langes erklärendes Kommuniqué nachreichten.
Die Reaktionen der Pressevertreter zeigten, wie wenig ihnen ihre Macht, Debatten zu prägen, bewusst ist. Sie demonstrierten jedoch auch Ratlosigkeit: Wie antwortet man als Journalist auf eine Kommunikation per Spruchband? Wenn der Vorsitzende des Sportjournalistenverbands Hans-Peter Trost eine Entschuldigung von Rapid-Präsident Michael Krammer forderte, lag das wohl auch daran, dass er nicht wusste, an wen er sich sonst richten sollte. Dass er damit gar nicht die Urheber der Beleidigung adressierte und die Fans nicht als Akteure wahrnahm, ist ein Grundproblem im Verhältnis von Ultras und Medien. Erst auf das Kommuniqué der Fans – das Medienvertreter wie eine Presseaussendung verstehen konnten – folgten zumindest im Kurier und im Standard differenzierte Berichte.
Doch auch die Ultras wurden mit der Skandalisierung des Banners aus gewohnten Gefilden – dem Großraum Stadion – herausgezerrt. Sie leben einen Großteil ihrer Aktivitäten in der Öffentlichkeit aus: Sie wollen von ihrer Mannschaft gehört werden, den Rest des Stadions mitreißen und die Gegner übertönen. Gleichzeitig wollen sie mit der Öffentlichkeit gar nicht so viel zu tun haben, sich weder als Einzelpersonen zur Schau stellen noch ihre Freiräume exponieren und so womöglich verlieren. Die Eskalation um das Transparent zeigt aber noch ein weiteres Dilemma des Spannungsverhältnisses zwischen Medien und Fans. Beide Seiten können sich durch die Reaktionen bestärkt fühlen. Journalisten, die Ultras als einen Haufen irrationaler Medienhasser wahrnehmen, und Fans, die sich von der Polizei, dem Kommerz und eben auch der Presse immer stärker bedroht sehen.