Es ist Juni, Salzburg ist österreichischer Meister und Christoph Freund ein zufriedener Mann. Der bald 40-Jährige leitet Salzburgs sportliche Agenden seit Ralf Rangnicks Umzug nach Leipzig im Jahr 2015 und betont stolz: „Wir befinden uns in der erfolgreichsten Zeit, seit es Red Bull Salzburg gibt.“ Er wirkt gelassen, dabei rumort es hinter den Kulissen gerade gehörig. Der schwierig zu verhandelnde Wechsel von Erfolgstrainer Oscar Garcia zu Saint-Etienne ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht offiziell, doch es gilt längst als ausgemacht, dass der Klub – wieder einmal – mit einem neuen Trainer in die bevorstehende Qualifikation zur Champions League starten wird.
Magie und Leistungsdruck
Vielleicht ist Freunds Ruhe gespielt oder der Gewissheit geschuldet, dass Salzburg für Garcia wie für den Großteil der Spieler ein Sprungbrett war. Die Identifikation mit dem zuletzt eingeschlagenen Weg ist dem Katalanen sowieso nie leicht gefallen. „Wir haben jetzt zwei Ausbildungsmannschaften. Liefering A und Liefering B“, sagte er im August 2016, als unmittelbar vor Transferschluss der Brasilianer Bernardo zu RB Leipzig wechselte. Ausgerechnet aus Leipzig kommt auch der neue Trainer Marco Rose. Der Zögling Rangnicks ist ein logischer Nachfolger. Man könne einen Trainer präsentieren, „der seit 2013 mit verschiedenen Mannschaften in unserer Akademie sehr erfolgreich war und sich beeindruckend entwickelt hat“, wird Freund in der klubeigenen Aussendung zitiert. Doch der Aufstieg von Rose ist ein weiterer Mosaikstein in einem Prozess beim Serienmeister, der mit Garcia als „Lieferingisierung“ bezeichnet werden kann. Talente zu sichten und auszubilden – was in Salzburg für Spieler seit 2015 das Credo ist, gilt nun offenbar auch für Trainer. Sein Meisterstück gelang Rose in der vergangenen Spielzeit, als er mit dem Salzburger Nachwuchs die UEFA Youth League, die Champions League auf U19-Ebene, gewann. „Die beste Mannschaft der Saison steht bereits fest – es ist die U19 des FC Salzburg“, schrieb FM4-Fußballblogger Martin Blumenau bereits im Februar. Da hatten die Salzburger nach einem 5:0 gegen Paris Saint-Germain gerade das Viertelfinale erreicht. Der Titel bringe den heimischen Fußball auf die europäische Landkarte, sagt Blumenau dem ballesterer – und Salzburgs Akademie viel Prestige. „Ich könnte mir vorstellen, dass in den Führungen der großen Player jetzt enormes Interesse herrscht und sie sich fragen: ‚Wo steht der Kessel mit dem Zaubertrank?‘“
Dabei glaubt Blumenau selbst weniger an Magie denn an die Umsetzung eines guten Plans. Rose und seinem Co-Trainer Rene Maric sei es gelungen, das Wesentliche zu erkennen: Wer bin ich, und was kann ich? „Sie haben für die Burschen, die sie zur Verfügung hatten, die optimale Spielidee herausgefiltert“, sagt der Journalist. Eine taktische Zauberformel, abgestimmt auf den Gegner und von hochtalentierten Spielern exakt umgesetzt, begründete das Fußballmärchen.
Der Alltag ist weniger märchenhaft. Denn schnell kann ein Spieler am Ende seiner Nachwuchslaufbahn aussortiert werden. In diesem Jahr erwischte es Oliver Filip, der gegen PSG drei Tore schoss. Und auch Sandro Ingolitsch, Ersatzkapitän des österreichischen U21-Nationalteams. „Das ist völlig unverständlich. Noch dazu auf einer Position, auf der es im österreichischen Fußball ohnehin kaum jemanden gibt“, sagt Blumenau über den Rechtsverteidiger Ingolitsch. Sportdirektor Freund spricht von einer fairen Trennung und hält mit einem soziologischen Befund dagegen: „Wir befinden uns in einer Leistungsgesellschaft, nach oben hin wird die Luft immer dünner. Wir waren nicht der Überzeugung, dass es die Jungs bei uns in die erste Mannschaft schaffen würden.“
Konzernveredelung
Die Selektion wird nach dem Youth-League-Titel nicht weniger hart. Im Infight um das nächste Supertalent können sich die Salzburger mittlerweile auch gegen europäische Topklubs behaupten, die Zugkraft für heimische Nachwuchskräfte hat sich wohl noch einmal erhöht. Hinzu kommen ein ausgezeichnetes Scoutingnetz in Gebieten, die, wie Freund sagt, noch nicht so ausgefischt seien, und die Finanzkraft, das Talent an Land zu ziehen. Fündig wird der Klub dank seiner Kontakte vorwiegend in afrikanischen Ländern wie Mali und jüngst Sambia, in Frankreich und auch im süddeutschen Raum. „Funktionierende Achsen“, wie Blumenau sie nennt.
Salzburgs Kaderstrategie gleicht längst einem Haigebiss. Bricht ein Zahn aus, rückt der nächste, gleichwertige nach. Amadou Haidara ist einer davon. Der 19-jährige Malier kam im Sommer 2016, seine Bewegungen erinnern an jene des früheren Salzburger und aktuellen Leipziger Mittelfeldregisseurs Naby Keita. Knapp ein Jahr lang in Salzburg, hat er bereits in der Youth League, in der zweiten Liga bei Liefering und im Oberhaus gespielt. Er ist der Prototyp eines Red-Bull-Profis – ein Talent, das rasend schnell die interne Wertschöpfungskette der Konzernvereine durchläuft. Hält Haidara Schritt mit Keita, Bernardo, Dayot Upamecano, Konrad Laimer und wie sie alle heißen, könnte er schon bald zum Schwesternklub in Leipzig wechseln.
Um eine UEFA-Zulassung für beide Klubs zu ermöglichen, tritt Red Bull in Salzburg offiziell nur noch als Hauptsponsor auf. Das Budget für die kommende Saison wurde um bis zu 20 Prozent gekürzt. „Das macht die Arbeit nicht schwieriger, aber ein bisschen anders“, sagt Freund und betont später. „Wir müssen sehen, dass wir so viele gute Transfers wie möglich machen“. Die Anhänger dürfen sich also weiter auf ein Team mit talentierten Spielern und schnell wechselnden Gesichtern einstellen. Der Anziehungskraft hat dies zuletzt geschadet. Der Zuschauerzuspruch war im Jahr des achten Meistertitels in der zwölfjährigen Ära Red Bull zum dritten Mal in Folge rückläufig. Die Talsohle, glaubt Freund, sei nun durchschritten. National ist der Klub erfolgreich, und es scheint, als hätte er nach Jahren des Schlingerns und Schlitterns seinen Platz in der Fußballwelt gefunden – als Ausbildungsklub. Der Sportdirektor sagt: „Ich denke, dass das auch von den Fans immer mehr angenommen und verstanden wird.“