Nicolas Seiwald ist ein Musterschüler. Der 24-Jährige durchlief die Jugend von Red Bull Salzburg, spielte sich über den FC Liefering in die Kampfmannschaft und 2023 um 20 Millionen Euro zum Schwesterklub nach Leipzig. Kein Spieler kam unter Ralf Rangnick im ÖFB-Team öfter zum Einsatz. Rangnick hätte wohl gerne mehr Seiwalds. Doch Seiwald ist der bislang letzte Seiwald.
Rangnick bereiten die Zahlen aus dem Europacup wenig Freude. Mit sechs Belgiern habe Brügge in der Qualifikation zur Champions League gegen Salzburg gespielt, Bodö/Glimt gar mit neun Norwegern gegen Sturm. Bei Salzburg hingegen hätten nur zwei Österreicher am Platz gestanden und bei Sturm mit Leon Grgic, der sich für das kroatische Nationalteam entschieden hat, und Emir Karic, der wohl für Bosnien und Herzegowina auflaufen wird, zwei halbe, wie Rangnick es nannte. Beide Klubs verloren ihre Duelle.
„Shakespeare hat damals gesagt, es ist etwas faul im Staat in Dänemark. Irgendwas scheint ja hier im Staat Österreich nicht zu stimmen“, sagte Rangnick im Anschluss an die Kaderbekanntgabe Ende August. Während seiner Zeit in Salzburg hätten dort noch regelmäßig drei, vier, fünf gute Österreicher gespielt. „Bemerkenswert“ fand der Teamchef, dass das nicht mehr der Fall sei. „Und darüber müssen sich alle, die im österreichischen Fußball Verantwortung haben, Gedanken machen, wie man so etwas ändern kann.“
„Ein jedes Ding hat seine Zeit“, heißt es in Shakespeares „Komödie der Irrungen“. Die der unerschöpflichen rot-weiß-roten Red-Bull-Quelle scheint vorbei. Einst spülte sie Talente von Salzburg nach Leipzig, manche deutlich weiter. Viele sind jetzt Teil des Nationalteams, manche Weltstars. Heute sprudelt die Quelle weniger stark, 14 Spieler im Liefering-Kader haben keine österreichische Staatsbürgerschaft, 21 sind es bei Salzburg. Das ist das Resultat einer Entwicklung, die Rangnick als Salzburgs Sportdirektor einst angeschoben hat: internationales Scouting, Talente günstig holen, bevor andere überhaupt bemerken, dass sie Talent haben. Spielzeit in Österreich, dann um viel Geld in die Topligen. Dieses Muster – und nicht die eigene Nachwuchsarbeit – hat auch den SK Sturm überhaupt erst zu einem Topklub gemacht, der vom Teamchef kritisiert werden kann. Der SK Rapid unter Markus Katzer eifert dem nach.
Die Aufgabe der Bundesligisten ist es nicht, Österreicher spielen zu lassen – sondern konkurrenzfähig zu sein. Dass mit Sturm, Salzburg, Rapid und dem LASK die vier Teams mit den teuersten Kadern in der Vorsaison komplett auf den Österreicher-Topf verzichtet haben, ist kein Zufall. Mit etwas über einer Million Euro hat der achtplatzierte TSV Hartberg in der Vorsaison am meisten Einnahmen daraus lukriert. Andere haben mit den Transfers einzelner Spieler in den letzten Jahren ein Vielfaches eingenommen. Die Beispiele tragen Namen: Brenden Aaronson, Erling Haaland, Benjamin Sesko. Und Mika Biereth, Rasmus Höjlund und Isak Jansson. Sie alle sind keine Seiwalds. Aber vielleicht ist die Bundesliga auch keine Ausbildungsliga mehr. Sondern eine Kurzparkzone für Talente. Was in Salzburg angefangen hat, passiert nun in Graz und Wien. Auch Sturm und Rapid sind Rangnicks Musterschüler.