Es war wirklich nur eine unschuldige Frage. Der Nachbar auf dem Main Stand des Tynecastle Stadium in Edinburgh drehte den Kopf in Zeitlupe, musterte mich von oben bis unten, nahm die Zigarette aus dem Mund und spuckte nach einem „Bloody Hell“ ganze Gewehrsalven von Schimpfwörtern aus. Warum genau dem Heart of Midlothian FC 15 Punkte abgezogen worden waren, wusste ich danach immer noch nicht genau. Als er fertig geschimpft hatte, nickte ich trotzdem. Verstanden, bad management, alles klar. Er wandte sich wieder dem Spiel zu und deckte Archie Gemmill im rechten Mittelfeld mit ähnlichen wüsten Flüchen ein. Die Hearts verloren an diesem sonnigen Samstagnachmittag im Jänner 2014 trotz tapferer Gegenwehr gegen Motherwell 0:1 und blieben auch nach dem 18. Spieltag Tabellenletzter der ersten schottischen Liga. Mit minus zwei Punkten. Im Pub schwankte die Stimmung zwischen Frustration und Resignation, keiner der anwesenden Fans konnte sich vorstellen, wie es mit ihrem Klub je wieder aufwärts gehen sollte.
Bad Management
Szenenwechsel, zweieinhalb Jahre später. Scot Gardiner, Geschäftsführer des Klubs, sitzt in seinem Büro und trinkt Kaffee aus seiner „Heart of Midlothian“-Tasse. „Das war vielleicht nicht gerade die beste Frage zu der Zeit“, sagt er. „Diese Saison war ganz schwierig, der Verein ist am Abgrund getaumelt, um ein Haar wäre es uns wie den Glasgow Rangers gegangen.“ Dabei ist Heart of Midlothian einer der geschichtsträchtigsten schottischen Vereine überhaupt und im Schatten des Glasgower Old Firm an guten Tagen dritte Kraft. Zu den Erfolgen zählen vier – lange zurückliegende – Meistertitel, acht Cupsiege und Auftritte im Europacup. Doch ab 2000 wuchs der Schuldenberg. Zur Rettung plante die Vereinsführung, das nicht mehr zeitgemäße Tynecastle Stadium, seit 1886 Heimstätte des Vereins, an eine Immobiliengesellschaft zu verkaufen. Der Klub sollte künftig im Murrayfield Stadium des schottischen Rugbyverbands spielen. Der Plan führte unter den Fans zu heftigen Protesten und der Gründung der Initiative „Save the Hearts“.
In dieser heiklen Phase trat der Geschäftsmann Wladimir Romanow auf den Plan, der zuvor mit Übernahmeplänen bei anderen schottischen Vereinen wie Dundee United und Dunfermline gescheitert war. Das Versprechen, das Tynecastle zu renovieren, sicherte ihm im Handumdrehen die Unterstützung der Anhänger. Im September 2004 stoppte eine außerordentliche Mitgliederversammlung die Verkaufspläne, wenige Monate später übernahm Romanow die Anteilsmehrheit.
Zunächst ging es sportlich aufwärts: Die Hearts zogen in die Champions League ein, wurden 2006 Vizemeister und gewannen im selben Jahr den Cup. Aber schon bald häuften sich Probleme. Romanow hatte nicht nur große sportliche Erfolge in Aussicht gestellt, sondern war mit dem Versprechen angetreten, den Verein transparent zu führen und die Schulden abzubauen. Doch er wickelte die Geschäfte über Finanzinstitute ab, die Hauptsponsoren wurden und die er selbst kontrollierte. Zudem verschob er Spieler zwischen den Hearts und Klubs in Litauen und Weißrussland, die ihm ebenfalls gehörten. Gehälter wurden nicht rechtzeitig überwiesen, Steuern nicht bezahlt und die Schulden stiegen. Im Frühjahr 2013 brach Romanows Firmenimperium zusammen, die Finanzinstitute, auf die die Aktenmehrheit am Klub überschrieben war, gingen pleite. Die Hearts wurden unter Insolvenzverwaltung gestellt, sie durften in der Saison 2013/14 keine Spieler transferieren und starteten mit minus 15 Punkten in die Meisterschaft. Die vorwiegend aus unerfahrenen Jugendspielern bestehende Mannschaft stieg chancenlos ab.
Zurück nach oben
Die Fans hielten auch in dieser Katastrophensaison zum Verein. Mehr als 10.000 Jahreskarten wurden verkauft, das Spiel gegen Motherwell im Jänner 2014 sahen fast 13.000 Zuschauer. „Ohne unsere Fans wäre das niemals gut gegangen“, sagt Manager Gardiner rückblickend. „Sie haben uns auch in der schlimmsten Zeit getragen.“ Die Wende kam im Mai 2014. Ann Budge, Hearts-Fan und Unternehmerin, kaufte den Verein und hob damit die Zwangsinsolvenz auf. Um Investitionen zu ermöglichen, gewährte sie ein minimal verzinstes Darlehen, das bis 2019 von der „Foundation of Hearts“ zurückbezahlt werden soll. Der im Sommer 2010 gegründeten Organisation gehören mehr als 8.000 Fans an, die sie mit einem monatlichen Mitgliedsbeitrag von mindestens zehn Pfund finanzieren. Das langfristige Ziel, auf das sich die neue Besitzerin und die Fanorganisation einigten, ist die Übertragung der Aktienmehrheit. Die Hearts sollen in den Besitz ihrer Anhänger übergehen.
Doch zunächst stand die sportliche Neuausrichtung an: Mit Robbie Neilson wurde ein junger, ehrgeiziger Trainer engagiert, der frühere schottische Teamchef Craig Levein wurde Sportdirektor, und Scot Gardiner übernahm die Geschäftsführung. Zehn neue Spieler wurden verpflichtet, wobei der Klub weiterhin bemüht war, den Nachwuchs aus der eigenen Akademie zu integrieren. Der Plan ging auf: Mit mehr als 20 Punkten Vorsprung auf den Lokalrivalen Hibernian und die Glasgow Rangers sicherten sich die Hearts den direkten Aufstieg. Die erste Saison in der Scottish Premiership beendete der Klub auf dem dritten Platz und erreichte damit die erste Qualifikationsrunde für die Europa League.
Im Weltkriegstrikot
Der Wiederaufbau wird auch neben dem Platz vorangetrieben, dabei besinnt sich der Klub auf die eigenen Wurzeln. Noch dieses Jahr soll in Zusammenarbeit mit Sammlern und lokalen Historikern ein Museum eröffnet werden, in dem die Vereinsgeschichte präsentiert wird. Auch im Sponsoring gehen die Hearts neue Wege. Das neue Management verzichtete nach dem Abstieg 2014 auf einen Hauptsponsor und hielt das Heimtrikot in einem schlichten historischen Design – zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Spieler der Hearts, die bis heute Heldenstatus haben. Das Auswärtstrikot hingegen war der „Foundation of Hearts“ gewidmet. Die Fans dankten auf ihre Art: Zwei Wochen nach der Präsentation des Trikots waren bereits 4.000 Bestellungen eingegangen, die Nachfrage war so groß, dass der Vorverkauf gestoppt werden musste. Seit der Saison 2015/16 tragen die Hearts-Spieler den Schriftzug „Save the Children“ auf der Brust, anonyme Spender zahlen dafür einen hohen siebenstelligen Pfundbetrag, der zwischen dem Verein und der wohltätigen Organisation geteilt wird.
Das vielleicht größte Unterfangen ist jedoch die Erneuerung der Haupttribüne im Tynecastle Stadium, ein Projekt, das Geschäftsführer Gardiner Kopfzerbrechen bereitet: „Einerseits ist die Tribüne lebendige Klubgeschichte und ein wichtiger Teil des Vereins, andererseits zahlen wir jedes Jahr einen sechsstelligen Betrag, um eine Lizenz für diese eigentlich baufällige Tribüne zu erhalten.“ Nun soll die Geschichte der Zukunft weichen. Ein Abriss und Neubau soll 4.000 zusätzliche Plätze bringen und für eine noch bessere Atmosphäre sorgen. Die neue Haupttribüne soll innerhalb eines Jahres fertiggestellt werden und zusätzlich ein Stadtteilzentrum, ein Restaurant, einen Kindergarten und kleinere Geschäfte beherbergen.
Basisdemokratisch an die Spitze
Die neue Saison begannen die Hearts wirtschaftlich gleich mit einem Vereinsrekord, 14.000 Saisonkarten wurden verkauft. Sportlich lief es hingegen etwas holpriger: In der Europa-League-Qualifikation blamierte sich der Klub in der zweiten Runde, als er gegen den FC Birkirkara aus Malta ausschied. Das erste Meisterschaftsspiel gegen Celtic Glasgow ging verloren, und im Ligacup unterlagen die Hearts dem St. Johnstone FC. Dem Zuschauerzuspruch tat dies keinen Abbruch. Den ersten Saisonsieg, ein 5:1 gegen Inverness Caledonian Thistle, sahen 15.880 Fans, beim Auswärtssieg gegen Partick Thistle war der Fanblock ausverkauft. Ende August waren die Hearts bereits wieder Tabellendritte – hinter dem Old Firm.
Die Zeiten, als Besitzer Romanow den Gewinn der Champions League als Ziel ausgab, sind für die Hearts aber ohnehin vorbei. Geblieben ist ein solider, von einer breiten Unterstützung getragener Verein, der in wenigen Jahren der „Foundation of Hearts“ übergeben werden soll. Wie genau der Verein dann organisiert sein wird, ist noch unklar. Die Herausforderung, Spitzenfußball in einem basisdemokratisch organisierten Verein zu spielen, ist für Geschäftsführer Gardiner derzeit eine Baustelle. Auf die Frage, welche Statuten sich der Verein geben wird, sagt er: „Das weiß ich beim besten Willen noch nicht, aber nach alledem schaffen wir auch das. Davon bin ich überzeugt.“