Paul Gascoigne liegt auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, die Haare weiß glänzend, den Mund aufgerissen, und seine Kollegen Alan Shearer, Steve McManaman und Jamie Redknapp spritzen ihm Wasser aus Trinkflaschen ins Gesicht. Gerade hat Gascoigne ein ikonisches Tor der englischen Fußballgeschichte erzielt. An der Strafraumgrenze hat er den Ball mit der ersten Berührung über seinen Gegenspieler gelupft und ihn dann volley ins Tor geschossen. Das Tor beeindruckt aber nicht nur durch seine Schönheit, sondern auch wegen der historischen Relevanz: Gascoignes Treffer zum 2:0 im zweiten Gruppenspiel gegen Schottland ist der Wendepunkt bei der Heim-EM 1996, die für England erst im Elfmeterschießen des Halbfinales gegen Deutschland endet. Das Tor löst eine Euphorie um die Nationalmannschaft aus, wie man sie seit dem Weltmeistertitel 30 Jahre zuvor nicht gesehen hat und in den kommenden 25 Jahren nicht erleben wird. Die Sonne scheint über Wembley, die Mannschaft siegt, die Fans feiern, und alle singen: „It’s coming home. Football’s coming home!“
Beim Zahnarzt
All das kam unverhofft. Nachdem England die WM 1994 in den USA verpasst hatte, verlief die Vorbereitung auf die EM turbulent. Auch weil eine Testspielreise wenige Wochen vor Turnierbeginn mit Gascoignes Geburtstag zusammenfiel. Standesgemäß zog die Mannschaft los und landete in Hongkong in einer Bar, die über ein besonderes Gerät verfügte, den Dentist’s Chair. Das Konzept: Eine Person setzt sich darauf, wird gefesselt, leicht nach hinten gekippt und bekommt anschließend alkoholische Getränke in den Mund geschüttet. In dieser Zeit vor Ernährungsberatern und Schlaftrainern sollen etliche englische Teamspieler zum exzessiven Alkoholkonsum geneigt haben, der Dentist’s Chair wurde entsprechend getestet. Fotos davon landeten jedoch – genau wie Berichte über die Zerstörung eines Flugzeuginnenraums während der Heimreise – in der Presse, was einen Skandal und Rufe nach Suspendierungen auslöste. Trainer Terry Venables stellte sich vor seine Spieler, sprach von einer Hexenjagd und sagte: „Falls es so etwas wie einen Heimvorteil gibt, nutzen wir ihn nicht.“
Die Öffentlichkeit begegnete der Mannschaft mit Skepsis, die nach einem enttäuschenden 1:1 beim Auftaktmatch gegen die Schweiz, den vermeintlich schwächsten Gruppengegner, weiter anstieg. Anschließend ging es gegen Schottland. Der ewige Rivale der Engländer war damals noch ein regelmäßiger Turniergast, verfügte über etliche Stammspieler von Premier-League-Klubs und wies eine ausgeglichene Bilanz gegenüber dem Gastgeber auf. Ins Turnier waren die Schotten mit einem 0:0 gegen den Mitfavoriten Niederlande gestartet.
Für die Engländer kam dieses Spiel zur besten oder zur schlechtesten Zeit: Sie konnten entweder die letzten Hoffnungen begraben oder auf einen Schlag alles gewinnen. Kein Spiel hat in England eine größere Relevanz als die „Battle of Britain“, keines eine längere Geschichte. 1872 duellierten sich die beiden Teams beim ersten Länderspiel der Fußballgeschichte torlos und anschließend abgesehen von den Weltkriegsjahren jeden Frühling, ehe diese Tradition 1989 auch aufgrund der eskalierenden Fangewalt beendet wurde. Das Spiel bei der EM 1996 war das erste Aufeinandertreffen seit sieben Jahren.
Genie und Wahnsinn
Auch gegen Schottland überzeugte England vor den rund 77.000 Zuschauern in Wembley zunächst nicht, ging aber kurz nach der Halbzeit durch Shearer in Führung. Dann das Drama: Rund zehn Minuten vor Abpfiff parierte David Seaman einen Elfmeter von Gary McAllister, der anschließend sagte: „Ich weiß nicht, ob ich noch tiefer sinken könnte.“ Etwa 60 Sekunden später schoss Gascoigne, damals bei den Rangers in Schottland aktiv, sein Tor für die Ewigkeit und erinnerte mit seinen Kollegen beim Jubel an den Dentist’s Chair. Nach dem Abpfiff spielte der Stadionsprecher „Football’s Coming Home“, und die Party begann.
„Das war das Schlüsselspiel“, sagte Englands Mittelfeldspieler Paul Ince später. Das Boulevardblatt Daily Mirror schrieb unter dem Titel „Mr. Paul Gascoigne: An Apology“ stellvertretend für das ganze Land: „Er ist nicht mehr ein dicker, besoffener Idiot. In Wirklichkeit ist er ein Fußballgenie.“ Gascoigne hatte Züge von beidem, und je nach Stimmungslage wurde er medial als das eine oder andere inszeniert. Für den Rest dieses Turniers war Gascoigne wie bei der WM 1990, als England ebenfalls das Halbfinale erreichte und ebenfalls im Elfmeterschießen an Deutschland scheiterte, das Genie. Es herrschte „Gazzamania“.
schottische schwächephase
Vor dem Viertelfinalsieg gegen Spanien zerlegte England im abschließenden Gruppenspiel die Niederlande 4:1. Shearer und Teddy Sheringham gelang jeweils ein Doppelpack, ehe Patrick Kluivert kurz vor Schluss das Ehrentor schoss. Für die Niederländer war es ein wichtiges: Sie egalisierten damit Schottlands Torverhältnis und stiegen wegen der höheren Zahl der erzielten Treffer ins Viertelfinale auf. Schottland schied aus. Zwei Jahre später qualifizierte sich das Team zwar noch für die WM, verpasste in der Folge aber jedes Großturnier. Vor der EM 2000 scheiterten die Schotten im Play-off an England.
Die Niveaus der beiden Nationalmannschaften drifteten nach der EM 1996 auseinander, bis sich Schottland in den vergangenen Jahren dank Spieler wie Liverpool-Linksverteidiger Andrew Robertson wieder steigerte. England stieß bei der WM 2018 unter Trainer Gareth Southgate, der beim Ausscheiden gegen Deutschland 1996 einen Elfmeter vergeben hatte, unterdessen erstmals seit damals bis ins Halbfinale eines Turniers vor. Aktuell verfügen beide Länder über ihre besten Mannschaften seit Langem – und werden am 18. Juni fast auf den Tag genau 25 Jahre nach dem legendären Spiel wieder aufeinandertreffen. Wieder am zweiten Gruppenspieltag, wieder in Wembley.