Große Jeföhle
Karnevalslieder erklingen aus den Lautsprechern – „Kumm, loss mer fiere!“ von der Gruppe „Höhner“ und „Kölsche Jung“ von „Brings“. Es ist ein lauer Abend Ende Juli, der Beginn der fünften Jahreszeit also noch einige Monate entfernt, aber Karnevalslieder gehen in Köln immer. Erst recht beim Fußball. Fortuna Köln empfängt den 1. FC Köln. Auf den Businessseats im Südstadion nimmt lokale Prominenz Platz: ehemalige Bürgermeister, ehemalige Spieler, Geschäftsleute. Beide Vereine tragen die Farben der Stadt, doch zahlenmäßig überwiegt das Rot und Weiß der Gästefans. Es ist ein typisches Sommertestspiel mit vielen Wechseln und wenigen Toren, der FC verliert 0:1. Nach der Begegnung führen die Wege der Klubs in ganz unterschiedliche Richtungen: Die Fortuna spielt seit 2014 nach langer Zeit wieder Profifußball, allerdings in der dritten Liga. Der FC hat die vergangene Bundesliga-Saison und damit die zweite Spielzeit nach dem Aufstieg auf dem neunten Platz beendet. Unter Führung des seit rund vier Jahren amtierenden Präsidenten Werner Spinner hat beim FC ein seltenes Gut Einzug gehalten: Kontinuität. Cheftrainer Peter Stöger ist drei Jahre im Amt, nur Hennes Weisweiler und Christoph Daum trainierten den Klub länger. Der 1. FC ist Gründungsmitglied der Bundesliga, wurde dreimal Meister, viermal Cupsieger und hat knapp 80.000 Mitglieder – das ist Platz vier hinter dem FC Bayern, Schalke 04 und Borussia Dortmund. Doch ein großer Name, Meisterschalen und Pokale in der Vitrine sind kein Garant für anhaltenden Erfolg – speziell in Zeiten, in denen der sportliche und wirtschaftliche Konkurrenzkampf im deutschen Fußball immer härter wird. Der FC Bayern und hinter ihm Borussia Dortmund scheinen dem Rest der Liga enteilt, während sich Klubs wie Werder Bremen und der VfB Stuttgart, die noch in diesem Jahrtausend Meistertitel feiern konnten, zuletzt im Abstiegsstrudel wiederfanden.
Die Nummer eins in Köln
Anders als in Gelsenkirchen, München und Hamburg wird die Tradition in Köln nur in zweistelligen Jubiläen gezählt. Der FC ist ein Verein der Bundesrepublik, 1948 entstand der Erste Fußball Club Köln 01/07 aus der Fusion des Kölner Ballspiel Club von 1901 und der Spielvereinigung Sülz von 1907. Eine Vernunftehe sei das gewesen, sagt Dirk Unschuld, der offizielle FC-Archivar und Autor der Vereinschronik „Im Zeichen des Geißbocks“. In der Nachkriegszeit galt es auch im Sport, die knappen Ressourcen zu bündeln. Die Ideengeber waren Franz Bolg und Fritz Plate, die Obmänner der beiden Ursprungsvereine, das Ruder des neuen Klubs sollte jedoch ein anderer führen: Franz Kremer, zunächst Vorsitzender des Kölner BC und dann Präsident des FC bis zu seinem Tod 1967. Die Aufgabe ihrer Vereine zur Gründung eines neuen Klubs machte er den Mitgliedern mit einem bis heute vielzitierten Satz schmackhaft: „Tradition hat nur dann Sinn, wenn der Wille zu noch größeren Taten vorhanden ist.“
Der neue Vereinsname, „Erster Fußball Club“, war nicht historisch gemeint, sondern sportlicher Anspruch. Kremer war in der Stadt bestens vernetzt, und er hatte eine Idee vom Fußball der Zukunft. „Er hat sich genau überlegt, wie man mit Fußball Geld verdienen kann“, sagt Unschuld. Der junge FC Köln wurde ein Verein mit professionellen Strukturen. Zehn Prozent der Spieleinnahmen gingen schon ab 1949 auf ein Sonderkonto zur „Schaffung einer Großsportanlage“, 1953 wurde das Klubhaus, das Geißbockheim, samt Büros und Trainingsgelände eingeweiht. Bis heute wird hier im Grüngürtel, der die Stadt ringförmig umgibt, trainiert. Die Heimstätte, das Müngersdorfer Stadion, liegt keine fünf Kilometer entfernt.
Erster Meister
Das Geißbockheim mit Fanshop, Geschäftsstelle und Nachwuchszentrum ist mehrfach umgebaut worden, doch die weiß gestrichene Front vermittelt immer noch den Geist der vom Wirtschaftswunder geprägten Adenauer-Ära. Der FC setzte mit dieser Anlage Maßstäbe. „Etwas Vergleichbares hat es in Deutschland damals nicht gegeben“, sagt Archivar Unschuld. Der Klub unter Präsident Kremer hatte jedoch noch andere Annehmlichkeiten zu bieten. Dank seiner Kontakte in die Geschäftswelt waren die Einkünfte der Spieler, die bis 1963 offiziell keine Profispieler waren, gesichert: Sie betrieben Trafiken und Lottoannahmestellen, erhielten Bausparverträge bei der Sparkasse und Jobs im Warenhaus. Viele Geschäfte der Spieler lagen in der Luxemburger Straße, die aus der Innenstadt in den Grüngürtel führt und schon bald als „Straße des FC“ galt. Kremer konnte Sponsoren und Partner gewinnen, die – wie die Warenhauskette Kaufhof – dem Klub zum Teil bis heute geblieben sind. So versorgte er Nationalteamspieler der 1950er Jahre wie Paul Mebus, Josef „Jupp“ Röhrig und Hans Schäfer bei seinem Verein.
Innerhalb weniger Jahre wurde der neue Klub zu einer regionalen und dann auch landesweiten Größe. Er gewann die Westdeutsche Meisterschaft, erreichte mehrfach die Endrunde der Deutschen Meisterschaft und holte 1962 schließlich den Titel. Präsident Kremer war auch einer der prominentesten Befürworter einer eingleisigen Profiliga. Nachdem dieses Format unter dem Namen Bundesliga in der Saison 1963/64 eingeführt worden war, holte der FC auch gleich den ersten Titel.
Jecken und feine Pinkel
Doch den Verein, der sich schon früh auf gutes Management und Marketing verstand, umgab auch das Image, elitär und arrogant zu sein. „Kremer hat darauf geachtet, dass die Spieler einheitliche Trainingsanzüge haben und zu Klubessen im Anzug erscheinen“, sagt Dirk Unschuld. „Der FC hat als ‚Feine Pinkel‘-Klub gegolten, das Image hat sich bis in die 1980er Jahre gehalten.“ Dem Gelände im Grüngürtel ist der Verein heute eigentlich längst entwachsen, die Räume sind zu klein, die Plätze nicht alle ganzjährig nutzbar. Doch der 1. FC Köln möchte seine Heimat nicht aufgeben, sondern ausbauen und modernisieren. Dagegen wehren sich Anrainer, die erhöhtes Verkehrsaufkommen und eine Zerstörung geschützter Grünflächen fürchten. Um die Zustimmung der Politik zu den Bauplänen wirbt eine Petition von Unterstützern mit dem Verweis auf die Rolle des Vereins für Köln: „Er ist unser aller Club, der Club dieser Stadt.“
Köln, viertgrößte Stadt Deutschlands, ist im Sommer eine Touristenattraktion. Ende Juli sind zahlreiche Besucher aus aller Welt zwischen Dom, Rheinufer und den Lokalen der Altstadt unterwegs. Auch der FC hat seinen Platz im Portfolio der Kölner Sehenswürdigkeiten, die Silhouette des Stadions in Müngersdorf ziert die Website der Tourismusinformation. Umgekehrt trägt der Klub den Kölner Dom im Wappen und setzt auf Regionalität, um den Marketingclaim „spürbar anders“ mit Leben zu füllen. Die Artikel im Fanshop sind mit zweisprachigen Schildchen versehen – auf Deutsch und Kölsch. Auf den Banden am Trainingsgelände stehen Schlagworte, mit denen sich der Klub selbst beschreibt, neben „einzigartig“, „zielorientiert“, „emotional“ und „tolerant“ ist dort auch das rheinische „jeck“ zu finden, dessen Bedeutungsspektrum von fröhlich-verrückt bis geistig verwirrt reicht.
Jecken gehören zudem zum Karneval und der Karneval seit jeher zum FC. Der Verein veranstaltete schon 1949 seine erste eigene Karnevalssitzung, also eine Veranstaltung mit kostümierten Gästen, Musik-, Show- und Redebeiträgen. Die Spieler sind seit Jahrzehnten auf verschiedenen Wagen des Rosenmontagszugs vertreten, seit 2015 ist der FC sogar mit einem eigenen Wagen dabei. Am vergangenen 11. November, dem Beginn der Karnevalssaison, ließ Stöger die Spieler verkleidet trainieren, anschließend ging es zum Feiern in die Stadt.
„Ihr seid nur ein Karnevalsverein“ war lange ein Schmähgesang der gegnerischen Fans. Seit Jänner 2015 ist der FC förderndes Mitglied des Festkomitees Kölner Karneval und darf sich ganz offiziell Karnevalsverein nennen. Auch bei der Parade zum Christopher-Street-Day ist der Verein seit 2014 mit einem eigenen Wagen vertreten – als Zeichen der Verbundenheit mit der großen schwulen und lesbischen Community in der Stadt und dem FC-Fanklub „andersrum rut-wieß“. 2016 nahm neben Geschäftsführer Alexander Wehrle und Vizepräsident Markus Ritterbach auch Verteidiger Dominic Maroh teil.
Kind in Gefahr
Im Stadion, das seit 2011 einen Energiekonzern bewirbt, ertönt als Auflaufhymne „Mer stonn zo dir FC Kölle“. Geschrieben hat es die Band „Höhner“, die seit Jahrzehnten Lieder rund um die Stadt, den Karneval und den FC veröffentlicht. „Köln ist ein Jeföhl“, sagt Sänger Henning Krautmacher, um die Verbindung zu verdeutlichen. „Das kann nur verstehen, wer das mal erlebt hat. Die Rheinländer – das gilt nicht nur für Köln – sind Herzensmenschen. Man wird hier schnell mit offenen Armen empfangen, es wird gern gefeiert.“ Die großen Fußballgefühle allerdings haben sich meist auf den erfolgreichen Verein der Stadt konzentriert. Fortuna Köln, die nur in den 1970 Jahren einmal erstklassig war, stand immer im Schatten des FC. „Mein erstes Spiel war das Pokalhalbfinale 1983 zwischen Fortuna Köln und dem FC“, sagt der Kölner Reggaemusiker „Gentleman“, der mit bürgerlichem Namen Tillmann Otto heißt und sich wie die meisten Fußballfans der Stadt früh für den FC entschied. „Das Spiel fand im Müngersdorfer Stadion statt, mich hat die Stimmung gepackt. Man wird als Kind geprägt, und da schaut man natürlich lieber Spiele gegen die Bayern und Dortmund als gegen Saarbrücken und Ulm.“
In den 1990er Jahren allerdings hatten die über viele Jahre erfolgsverwöhnten FC-Fans plötzlich einige Saisonen Zeit, sich gedanklich auf andere Gegner als Bayern und Dortmund einzustellen. Der Klub steckte häufig im Abstiegskampf. Doch als der Erfolg ausblieb, erwachte in der Stadt die Liebe zum Verein erneut. „Die Verbundenheit der Kölner mit dem FC hat damals eine richtige Renaissance erlebt“, sagt Archivar Unschuld. „Da hat der Kölner entdeckt, dass das geliebte Kind in Gefahr war. Das durfte nicht sein.“ Trotz sportlicher Misere stiegen die Zuschauerzahlen. Doch 1998 war es so weit, der FC stieg ab. Passend zum 50. Geburtstag und irgendwie auch zum Abstieg hatten die „Höhner“ in diesem Jahr ihre Hymne komponiert. „Das sind die Zeilen, die den Erfolg der Hymne ausmachen: ‚Durch dick und dünn … gemeinsam sind wir stark‘“, sagt Sänger Krautmacher. „Wir haben in der Vergangenheit viel gelitten. Zu gut für die zweite, zu schlecht für die erste Liga“, meint auch „Gentleman“. „Leiden lohnt sich, denn dann weiß man erst die guten Zeiten zu schätzen. Mittlerweile macht es wirklich wieder Spaß, im Verein ist Ruhe eingekehrt.“
Bauerntheater um Daum
Doch noch immer dreht sich in Köln zwar nicht alles, aber sehr viel um den FC. Als in Deutschland Ende Juli Amokläufe und Terroranschläge die Schlagzeilen beherrschen, titelt das Kölner Boulevardblatt Express: „Gipfel-Stürmer Horn“ – es geht um FC-Tormann Timo Horn bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Die Kölner Boulevardmedien haben die Höhen und Tiefen des Klubs über die Jahrzehnte begleitet, die Vorlagen des Vereins im Positiven wie Negativen werden dankbar aufgenommen. Exemplarisch lässt sich das oft desaströse Zusammenspiel am Beispiel von Ex-Trainer Christoph Daum verfolgen.
Daum trainierte den Verein in den späten 1980er Jahren und führte ihn zu zwei Vizemeistertiteln hinter dem FC Bayern. Ohne Gründe zu nennen, beurlaubte ihn die Vereinsführung im Juni 1990. Verkündet wurde der Entschluss nicht in Köln, sondern mitten während der WM auf einer Pressekonferenz im deutschen Teamquartier, wohin die Vereinsspitze gereist war. Der Express bezeichnete die FC-Führung daraufhin als Geißbock-Trampel, und selbst der seriöse Sport Informationsdienst schrieb von einem Kölner Bauerntheater. Als sich der Verein im Jahr 2006 nach dem vierten Abstieg im Mittelfeld der zweiten Bundesliga wiederfand, setzte sich der Express unter dem Motto „Ganz Köln kämpft um Daum“ an die Spitze einer Bewegung, die Daums Rückkehr forderte. Nach wochenlangen Verhandlungen unter Einschaltung des damaligen Kölner Bürgermeisters konnte der medial mittlerweile als Messias betitelte Trainer schließlich überzeugt werden. Mehr als 10.000 Zuschauer verfolgten das erste Training, das ins Müngersdorfer Stadion verlegt wurde. Dieses Mal dauerte die Zusammenarbeit immerhin drei Jahre und führte zurück in die Bundesliga, dann kündigte Daum seinen Vertrag überraschend.
Weg vom Chaosklub
Das Image als Schnöselklub aus den Anfangsjahren hat der FC längst hinter sich gelassen, inzwischen ist der Verein bemüht, auch die Skandal- und Abstiegsjahre vergessen zu machen. Die Nähe zu Entscheidungsträgern aus lokaler Politik und Wirtschaft, die schon Präsident Kremer gesucht hatte, soll den Verein aber weiter begleiten. Über die Jahrzehnte sind ehemalige Spieler und Trainer dazugekommen – nicht immer mit gutem Ende. Präsident Wolfgang Overath verließ den Klub im Herbst 2011 im Streit.
Sein Nachfolger Werner Spinner ist Manager und war früher Vorstandsmitglied der Bayer AG, an seiner Seite stehen Vereinslegende Toni Schumacher und Markus Ritterbach, im Brotberuf Präsident des Festkomitees Kölner Karneval. Spinner und seine Vizepräsidenten betonen gern ihre Verwurzelung in der Stadt, operativ setzen sie in den entscheidenden Positionen aber auf Personal mit einer gewissen Distanz. Weder die Geschäftsführer Jörg Schmadtke und Alexander Wehrle noch Sportdirektor Jörg Jakobs kommen aus Köln. Auch das Trainergespann hat keine FC-Vergangenheit. Die Mischung scheint dem Verein gutzutun, Kapitän Matthias Lehmann sagt dem ballesterer: „Das Bild des Vereins hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Vom Image eines Chaosklubs zu einem absolut seriös geführten Verein.“
Rivalen gesucht
Dementsprechend ruhig verlief für den FC die letzte Saison sowohl wirtschaftlich als auch sportlich, kein anderer Klub spielte öfter Unentschieden als die Kölner. Für die vielleicht größten Schlagzeilen sorgten die Fanboykotte bei den Derbys gegen Gladbach. Nach einem Platzsturm von Kölner Fans in Gladbach im Februar 2015 verhängte das DFB-Sportgericht neben Geldstrafen eine Limitierung des Auswärtskontingents sowie personalisierte Tickets für die kommenden Spiele. Zahlreiche Fans beider Klubs blieben den Auswärtsderbys im September 2015 und Februar 2016 aus Protest fern, in den Heimsektoren in Köln wie in Mönchengladbach waren kritische Spruchbänder statt bunter Choreografien zu sehen. „Es hat sich durch den Fanboykott schon komisch angefühlt.. Es war keine wirkliche Derbystimmung“, sagt Lehmann.
In ihrem Protest verbündeten sich die ansonsten verfeindeten Fanszenen, obwohl das Derby sonst als eines der hitzigsten Deutschlands gilt. Fortuna Köln, der zweite Verein der Stadt, war mangels Anhang und sportlicher Stärke nie ein ernsthafter Rivale. Mit Düsseldorf wird eine leidenschaftliche Konkurrenz gepflegt, die sich inzwischen aber eher auf die Städte und den Karneval konzentriert – zu selten spielten die Klubs in den vergangenen Jahrzehnten in derselben Liga. Der Leverkusener Werksklub und seine Anhänger gleich auf der anderen Rheinseite wiederum taugen gerade den Ultras nicht als echte Gegner. „Dabei waren in den 1950er Jahren die Spiele gegen Leverkusen wohl umkämpfter als die Begegnungen gegen Gladbach“, sagt FC-Archivar Unschuld. Doch was für junge Kölner und Gladbacher Ultras heute die größte Rivalität ist, geht auf einen gemeinsamen Helden zurück: Hennes Weisweiler.
Geliebter Feind
Als Gründungsmitglied des FC stand der 1919 in der Nähe von Köln geborene Weisweiler beim ersten Spiel des Klubs auf dem Rasen, wurde Spielertrainer und bei einem zweiten Engagement zwischen 1955 und 1958 Cheftrainer. Meinungsverschiedenheiten mit Präsident Kremer, der sich auch gern in die Mannschaftsaufstellung einmischte, führten zu seinem Abschied. Was beim FC blieb, war der Geißbock Hennes, der FC hatte das Tier im Februar 1950 zu einer Karnevalssitzung als Geschenk erhalten. In Bierlaune bekam der Bock den Namen des Spielertrainers und wurde zum Wappentier – sein inzwischen siebenter Nachfolger ist als Maskottchen bei jedem Heimspiel dabei. Weisweiler arbeitet zwischen 1964 und 1976 nur 50 Kilometer vom Köln entfernt. Als Trainer bei Borussia Mönchengladbach führte er den Klub in die Bundesliga, zu drei Meisterschaften und einem UEFA-Cup-Titel. Große Erfolge, doch für Weisweiler waren die Spiele gegen seinen ehemaligen Klub von besonderer Bedeutung. Überehrgeizig sei er da gewesen sagte der damalige Gladbach-Spieler Jupp Heynckes über seinen Trainer. Der Ehrgeiz übertrug sich auf Spieler und Fans. Gegen den 1. FC Köln holte Gladbach 1973 den DFB-Pokal.
Weisweiler steht heute für die erfolgreichste Zeit des Vereins, der in den 1970er Jahren zum großen Rivalen des FC Bayern wurde. „Die Traditionsmannschaft der Gladbacher ist nach ihm, also einem Gründungsmitglied des Erzrivalen, benannt, ebenso wie eine Straße am Stadion“, sagt Dirk Unschuld. „Und unser Wappentier heißt wie der Trainer, der mit dem Erzrivalen die größten Erfolge gefeiert hat. Das ist schon verrückt.“ Doch Weisweiler kehrte noch einmal zum FC zurück und führte den Klub 1978 zum Double, es war die erfolgreichste Saison der Kölner und der letzte Meistertitel.
Der Wert von Tradition
Auch Borussia Mönchengladbach musste Ende der 1990er Jahre zum ersten Mal aus der Bundesliga absteigen, doch während sich die Kölner mit insgesamt fünf Abstiegen den Ruf einer Fahrstuhlmannschaft erspielten, folgte am Niederrhein nur ein weiterer Abstieg. In den letzten fünf Jahren gelang es dem alten Rivalen zudem, sich in der oberen Tabellenhälfte festzusetzen – inmitten des jüngsten Booms der deutschen Bundesliga. Auch heuer startet die Liga mit dem Rückenwind von Rekordzahlen in die neue Spielzeit. Anfang Juni verkündete der Ligaverband den Abschluss des neuen, ab 2017/18 für vier Jahre geltenden TV-Vertrags: 1,16 Milliarden Euro werden für die Spiele der ersten und zweiten Liga pro Saison eingenommen, eine Steigerung um 85 Prozent gegenüber dem bisherigen Deal. Hinzu kommen zusätzliche Einnahmen durch die internationale Vermarktung.
Bislang erfolgt die Ausschüttung – neben einem Sockelbetrag für alle – nach sportlichen Kriterien, das heißt, der Platzierung in den vergangenen fünf Saisonen. Doch schon länger brodelt die Debatte darum, wem dieser Reichtum genau zu verdanken und wie er unter den 36 Vereinen zu verteilen ist. Der 1. FC Köln hat sich gemeinsam mit Werder Bremen, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC, dem HSV und dem VfB Stuttgart im März zur Initiative „Team Marktwert“ zusammengeschlossen. Die Vereine wollen weitere Kriterien zur Verteilung der TV-Gelder heranziehen.
„Es geht um das, was der einzelne Klub zu unserem gemeinsamen Produkt Bundesliga beiträgt“, sagt Kölns Geschäftsführer Alexander Wehrle dem ballesterer. „Da hat nun mal mancher Verein aus den unteren Tabellenregionen mehr Strahlkraft als andere, die weiter oben stehen.“ Mehr Strahlkraft, das bedeutet etwa höhere Zuschauerzahlen, bessere Einschaltquoten und mehr Mitglieder. Solche Faktoren sollen nach den Vorschlägen des „Team Marktwert“ künftig bei der Verteilung berücksichtigt werden – ähnliche Kriterien finden in der englischen und spanischen Liga ebenfalls Berücksichtigung. Wehrle argumentiert, dass so ein möglichst großer Wettbewerb auf wirtschaftlicher Augenhöhe erreicht werden könne. „Einige Vereine haben außerhalb ihres operativen Geschäfts – etwa durch einen Konzern – über Jahrzehnte finanzielle Hilfe bekommen“, sagt der FC-Geschäftsführer. „Das vergrößert die Schere zu den Vereinen, die diese Möglichkeit nicht haben, immer weiter.“ Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Ende August neu zu wählende Ligavorstand den Argumenten der Klubs mit größerer Vergangenheit als Gegenwart folgt und zusätzliche Kriterien zur Verteilung der TV-Einnahmen einführt.
Zukunftsmodelle
Durch die mögliche Reform sehen sich die kleineren Vereine benachteiligt, die es geschafft haben, sich zu etablieren. „Da wird sich dann auf Tradition berufen, die 50 Jahre zurückliegt, aber nichts mit der Leistung des Vereins im Jahr 2016 zu tun hat“, sagte Christian Heidel, zu diesem Zeitpunkt noch Manager bei Mainz 05, bei kicker online. „Letztendlich geht es vor allem um Geld. Und das brauchen die sechs Vereine, weil sie zu viele Fehler gemacht haben“, kommentierte Spiegel Online den Vorstoß im April. Dass mit dem VfB Stuttgart eines der Marktwert-Mitglieder abgestiegen ist und mit Bremen und Frankfurt zwei weitere diesem Schicksal nur knapp entkommen sind, ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Die Probleme der Klubs in Not seien in erste Linie hausgemacht – häufige Trainerwechsel, schlechte Transferpolitik und nicht selten Chaos auf der Führungsebene. Vorwürfe, die sich auch der 1. FC Köln in den vergangenen 25 Jahren häufig anhören musste.
Bei Amtsantritt vor knapp viereinhalb Jahren übernahm das neue Präsidium einen Schuldenberg von 30 Millionen Euro. Dank des Wiederaufstiegs und einer Kaderplanung, die auf die Jugend statt auf teure Verpflichtungen setzt, konnten die Verbindlichkeiten deutlich gesenkt werden. In den vergangenen zwei Jahren verbuchte der FC zudem Rekordumsätze. Die großen Einnahmesäulen bilden neben den TV-Geldern das Sponsoring und die Spieltagseinnahmen. Die Fans sind ein großes Kapital des FC, sie sorgen für ein volles Stadion und damit auch für ein attraktives Werbeumfeld. Und nicht zuletzt leihen sie dem Klub Geld. Bereits 2005 hatte der FC eine Fananleihe im Volumen von fünf Millionen Euro aufgelegt, die 2011 fällig geworden war. Nach dem letzten Abstieg 2012 bat der Klub in großer Finanznot seine Anhänger erneut um die Zeichnung von Anleihen. Zehn Millionen wurden auf diesem Weg erlöst, die Rückzahlung ist 2017 fällig. „Wir sind mit dem Verlauf dieses Projekts sehr zufrieden“, sagt Geschäftsführer Wehrle. „Insofern kann es sinnvoll sein, mit diesen Erfahrungen zu arbeiten und möglicherweise auch eine neue Anleihe aufzulegen.“ Die Verantwortlichen des FC wissen die Popularität des Vereins und dessen Verankerung in der Stadt zu nutzen. Und die Kölner sind da, wenn ihr geliebtes Kind sie braucht – in guten wie in schlechten Zeiten.
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