„Ob Transferpolitik, Marketing oder Zukunftsvision, die Meinungen
sind verschieden. Heute sprengt es den Rahmen, da stellt sich die Frage:
Wo wollen wir hin?“
Auf der Gratwanderung
Als Renato Steffen an der Seitenlinie auf seine Einwechslung wartet, ertönt ein Pfiff. Bis er seine angestammte Position im linken Mittelfeld erreicht hat, durchdringt ein gellendes Pfeifkonzert den Basler St.-Jakob-Park. Angestimmt von der Muttenzerkurve, der größten Fankurve der Schweiz. Hier ist der harte Kern der Fans des FC Basel 1893 beheimatet. Steffen steht seit knapp einem Monat im Kader des Serienmeisters, es ist sein Pflichtspieldebüt.
Sein Transfer von den Young Boys ist umstritten. Der 24-jährige Steffen hat sich in wenigen Jahren mit Provokationen viele Feinde gemacht. Im September reizte er Basels Mittelfeldspieler Taulant Xhaka, bis der sich mit einer Ohrfeige revanchierte und nachträglich eine Sperre ausfasste. Im Rückspiel spuckte Steffen vor die Muttenzerkurve. Nun trägt er Rot-Blau. „Für die Identifikation mit dem Verein ist dieser Wechsel ein Risiko“, sagt Remo Salvi, ein langjähriger Fan, der nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden will.
Der FC Basel ist das fußballerische Aushängeschild der Schweiz. Seit 2002 hat er zehn Meistertitel geholt, im Mai könnte er den siebenten in Folge gewinnen.
Barack in Basel
Der FC Basel ist das fußballerische Aushängeschild der Schweiz. Seit 2002 hat er zehn Meistertitel geholt, im Mai könnte er den siebenten in Folge gewinnen. Daran zweifelt kaum jemand, zu Redaktionsschluss liegt Basel mit 15 Punkten Vorsprung in der Tabelle voran. Diese Vormachtstellung verdankt der Klub seiner Philosophie – und den Mitteln, diese auch umzusetzen. Regelmäßige Aufenthalte in der Champions League ließen Klubfinanzen, Renommee und Erwartungshaltung in die Höhe schießen. Kein Wunder, besiegte der Verein doch Mannschaften wie Liverpool, Chelsea und AS Roma. Im UEFA-Klubranking steht der FC Basel derzeit auf Rang 17 – vor Klubs wie Sevilla, Milan und Ajax Amsterdam. Er operiert ständig im Spannungsfeld zwischen lokaler Verbundenheit und europäischer Elite. Dem sportlichen, vor allem aber dem wirtschaftlichen Erfolg wird dabei vieles untergeordnet. So hat der Klub jüngst eine Prepaid-Karte für den Gastro-Bereich im Stadion eingeführt, er hat die FCB-Golftrophy, ein Stelldichein der lokalen Prominenz, ins Leben gerufen, seinen neuen Mannschaftsbus auf einem Floß am Rhein getauft und mit Urs Fischer einen vorbelasteten Trainer, nämlich mit Wurzeln im rivalisierenden Zürich, geholt. Auch Steffens Verpflichtung gehört in diese Liste. Wohlgesinnte sagen: Der Verein professionalisiert sich auf allen Ebenen. Kritiker entgegnen: Er wird steril und austauschbar.
Bernhard Heusler – smarter Anzug, blitzweißes Lächeln – sitzt im verglasten Mediacenter und schmunzelt. „Wir werden heute sicher eine relativ große Anzahl an Fans im Stadion sehen, die dem Wechsel kritisch gegenübersteht“, sagt er. Heusler führt den Klub seit 2009 operativ, seit 2012 als Präsident. Es ist 15.30 Uhr, eine halbe Stunde noch bis zum Anpfiff gegen Luzern. „Ich gehe nicht von einer orchestrierten Aktion aus, aber hören wird man diese Gruppe bestimmt.“ Heusler kennt den FC Basel und seine Fans, 2003 stieß der Wirtschaftsanwalt als juristischer Berater zum Verein. Am Freitag vor dem Spiel war er bei einem Treffen mit den Fanklubs. Der 52-Jährige ist der zentrale Koordinator innerhalb des FC Basel, er repräsentiert ihn nach außen, und seine Stimme hat Gewicht in der Liga wie im Verband. Der frühere Barcelona-Präsident Joan Laporta soll Heusler aufgrund seines integrativen Geschicks einmal als Barack Obama der Schweiz bezeichnet haben. „Auch wenn es nicht meinem Verständnis entspricht, einen Spieler auszupfeifen, bringt es nichts zu sagen, das ist inakzeptabel. Eine Meinungsäußerung ist bis zu einem gewissen Grad immer zuzulassen“, sagt Heusler und knetet seinen Autoschlüssel in der Hand wie einen dieser Anti-Stress-Bälle. „Wir haben eine Abwägung getroffen und sind zu dem Schluss gekommen: Eine Verpflichtung von Steffen macht für uns, den FC Basel, Sinn.“
Nationale Dominanz
Gemeinsam mit seinem Team rund um Sportdirektor Georg Heitz und Marketingchef Martin Blaser hat Heusler den FC Basel als klare Nummer eins im Land etabliert. Hinter der sportlichen Dominanz steht geballte Wirtschaftskraft: Laut einer Studie der Swiss Football League erwirtschafteten die zehn Super-League-Klubs in der Saison 2013/14 knapp 300 Millionen Franken. Allein der FC Basel erzielte im Geschäftsjahr 2014 einen Umsatz von 105 Millionen Franken – und knackte als erster Schweizer Klub die Marke von 100 Millionen. Dieser Wert wird 2015 zwar unerreicht bleiben, zu Buch steht aber immerhin ein Champions-League-Achtelfinale. „Es wird wirtschaftlich ein Okay-Jahr“, sagt Heusler.
Sein Verein beschäftigt heute 245 Angestellte, die erste Mannschaft ist die teuerste der Liga, 2014 gab der Klub 45,2 Millionen Franken für sein Personal aus – 2000 waren es noch 7,5 Millionen gewesen. Die Miete für den St.-Jakob-Park beträgt zwar etwa fünf Millionen Franken jährlich, dafür hat sich der Verein das alleinige Vermarktungsrecht am Stadion gesichert. Die nationalen TV-Erträge sind bescheiden, sie betrugen 2014 knapp 2,4 Millionen Franken. Doch der Verein generiert – international unüblich – einen Löwenanteil des Budgets aus Matcheinnahmen. Allein 2014 waren es knapp 46 Millionen Franken. Ein Ticket auf der Längsseite kostet 59 Franken. Chicken Wings gibt es einzeln zu kaufen, um drei Franken das Stück.
Dem Verein ist es gelungen, die wachsende Finanzlast auf vielen breiten Schultern zu verteilen. Novartis, Adidas, VW, Nestle, Swisscom, Feldschlösschen, Hugo Boss und Raiffeisen sind nur die bekanntesten der 62 Namen im Sponsor-Portfolio. „Der FC Basel arbeitet auf jeder Stufe hochprofessionell. Vom Nachwuchs über Marketing und Präsidium, die Transfers sind sinnvoll – sie bedienen alle Bedürfnisse“, sagt Mämä Sykora, Chefredakteur des Schweizer Fußballmagazins Zwölf.
Der 52-Jährige Heusler ist der zentrale Koordinator innerhalb des FC Basel, er repräsentiert ihn nach außen, und seine Stimme hat Gewicht in der Liga wie im Verband.
Fußball und Fasnacht
Heute ist der FC Basel der reichste Verein in der Schweiz, sein größtes Kapital ist aber die Verwurzelung in der Stadt. Nirgends im Land ist der Fußball so sehr Kulturgut. Nirgends richtet sich der Lebensrhythmus so sehr nach dem Heimverein wie in Basel. Ob in Restaurants und Bars, im Straßenbild oder der Tram – der FCB ist immer Thema.
Dienstag um 15.30 Uhr, Kaffeezeit im italienischen Restaurant Murano, fünf Tramhaltestellen vom St.-Jakob-Park entfernt. Es ist gerade wenig los. Eine Dame Mitte 70, mit grauer Dauerwelle und rosa Pullover, spricht beim Kaffeekränzchen angeregt über den FCB. Ein paar Tische weiter hängt eine kleinkindgroße Klubfahne an der Wand, wie in so vielen Gebäuden dieser Stadt, überdeckt nur von einer Fasnacht-Maske, ein Clownsgesicht mit violetter Nase und rot-weiß kariertem Kopftuch. Nächste Woche ist es wieder so weit, Straßenabsperrungen stehen schon heute bereit. Nur die Fasnacht verbindet in Basel mehr Menschen als der FCB, heißt es. „Ja, ist so“, bestätigt der Kellner. Warum das so sei? Das wisse er nicht. Ob er FCB-Fan sei? „Ja sicher, immer schon.“
In der 200.000-Einwohner-Stadt besuchen seit 2010 im Schnitt etwa 29.000 Fans die Ligaheimspiele. Das sind konstant 10.000 mehr als bei den Young Boys in Bern, zuschauermäßig die Nummer zwei im Land. „Der Verein hat immer viele Anhänger gehabt – natürlich nicht die Mengen von heute, da sind auch ein paar Modefans dabei, aber er hat nie jemanden gleichgültig gelassen“, sagt Josef Zindel. Der langjährige Medienchef des FCB hat miterlebt, wie der Klub Anfang der 1990er Jahre ganz nah vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit stand. Damals, als Nachwuchsspieler des verschuldeten Vereins im Stadion Zwei-Franken-Münzen sammelten, um den Bus für die nächste Auswärtsfahrt zu bezahlen. „Der Verein hat sich nur Spieler leisten können, die kaum mehr als 10.000 Franken Ablöse gekostet haben“, erzählt Zindel. Derzeit betreut er das Klubmagazin Rotblau, früher war er Journalist. Für die Basler Zeitung beobachtete er den Verein auf Schritt und Tritt. Er ist einer derjenigen, die noch wissen, wie verlieren geht. Eine Textstelle von ihm aus dem Jahr 1988 wird besonders oft rezitiert: „Wie Sigi und Ceccaroni, wie Hauser und Knup träum’ auch ich manchmal ganz leise davon, dass es dem FCB einst wieder besser gehen möge. Es muss nicht gerade ein Titel sein oder gar eine Teilnahme im Europacup, behüte nein, nur so, dass der FCB zu Hause gegen Bulle gewinnt, einfach gewinnt.“
Doch weil Zindels Herzensklub auch gegen den FC Bulle nicht gewann, stieg der FC Basel in die zweite Liga ab. Was blieb, war die Erinnerung an Erfolge – wie in der ersten goldenen Ära unter Helmut Benthaus. Mit dem deutschen Trainer gewann der Verein zwischen 1965 und 1982 zehn Titel. Davor und danach war er meist Mittelmaß. Auch nach dem Abstieg dauerte es sechs lange Jahre, bis 1994 an einem Dienstagabend im Mai in Genf die Rückkehr ins Oberhaus gelang. Zehntausende fanden sich in der Innenstadt zu einer spontanen Feier zusammen. Der FC Basel, er war wieder da. Der 1996 zum Präsidenten gewählte René C. Jäggi befeuerte die neue Euphorie zusätzlich. Sein Wahlversprechen: In fünf Jahren spielt der FCB in der Champions League.
Fitgespritzt
Jäggi sollte Wort halten, wenn auch mit einem Jahr Verspätung. Denn vorerst mündete sein Tatendrang im Transferdesaster: Neben Jörg Berger als Trainer lotste Jäggi Franco Foda, Maurizio Gaudino, Oliver Kreuzer und Jürgen Hartmann ans Rheinknie. Sie kamen allesamt aus der deutschen Bundesliga, die Transferoffensive nannte sich deshalb „Bundesliga-Konzept“ und endete fast mit dem Abstieg. Während der Grasshopper Club Zürich meist den Titel holte, blieb der FCB, wo er sich auskannte – im Mittelmaß. Doch mit einiger Beharrlichkeit wusste Jäggi die nötigen Geldquellen für die Umsetzung seiner Pläne anzuzapfen. Die UBS-Bank, mit einem seiner Schulfreunde an der Spitze, soll 1999 acht Millionen Franken gesponsert haben, Toyota dürfte sein Brustsponsoring zwei Millionen Franken wert gewesen sein.
Im Herbst 1999 gelang Jäggi sein größter Coup, indem er mit Gisela „Gigi“ Oeri die Ehefrau des milliardenschweren Erben Andreas Oeri aus der Pharmadynastie Hoffmann-La Roche als Investorin und Vorstandsmitglied gewann. Sie sollte Jäggi 2006 als erste Präsidentin im Schweizer Klubfußball nachfolgen. Das Investment aus dem Erbe des Pharmariesen war – gemeinsam mit dem Umzug in den neuen St.-Jakob-Park 2001 – für den Klub zentral. Oeri ermöglichte den Kauf von Spielern wie Christian Gimenez und Hakan Yakin. Auch später noch soll sie Defizite des Klubs ausgeglichen haben. Wie viel Geld Oeri insgesamt in den FC Basel gesteckt hat, ist nicht bekannt. Doch erfolgten die Finanzspritzen nur streng dosiert. Ihr meist zitierter Satz lautet: „Der FCB muss auch überleben können, wenn ich morgen unters Tram komme.“ Oeris goldenen Fallschirm gibt es seit ihrem Rücktritt als Präsidentin 2012 nicht mehr, sie ist aber weiterhin eng mit dem Verein verbunden: Im Oktober 2013 bezog der Basler Nachwuchs seine eigene Ausbildungsstätte, finanziert von der Stiftung „Nachwuchs-Campus Basel“. Das Gesamtbudget liegt im Bereich der besser situierten Schweizer Zweitligaklubs. Oeri ist Stiftungsgründerin und Präsidentin.
Heute ist der FC Basel der reichste Verein in der Schweiz, sein größtes Kapital ist aber die Verwurzelung in der Stadt. Nirgends im Land ist der Fußball so sehr Kulturgut.
Die „Schande von Basel“
Im sportlichen Bereich bewies Jäggi bereits wenige Monate vor Oeris Engagement ein gutes Gespür. Er setzte Christian Gross auf den Trainerstuhl. Der war Schweizer und erfolgreich – aber zum Leidwesen der Fans aus Zürich. Den Erzrivalen GC Zürich coachte er 1995 und 1996 zu Meisterehren. Er vermochte auch Oeris Geld zügig zu sportlichem Erfolg zu verarbeiten und überzeugte das Publikum mit überlegenen Meistertiteln 2002, 2004 und 2005. Doch dann kam der 13. Mai 2006 und damit jenes Ereignis, das die Sprengkraft hatte, den Verein nachhaltig zu verändern. Der FCB empfing im letzten Saisonspiel den FC Zürich, seinen unmittelbaren Verfolger. Die Basler hatten drei Punkte Vorsprung, aber das schlechtere Torverhältnis – ein Unentschieden hätte zum dritten Titel en suite gereicht. Die Chancen waren hoch, das Team hatte in den vorhergegangenen 59 Heimspielen nicht verloren. Und so stand es bis zur 93. Minute 1:1, ehe Iulian Filipescu den FCZ zum ersten Meistertitel seit 1981 schoss und bei einigen Basler Anhängern alle Dämme des Anstands brechen ließ. Fans aus der Muttenzerkurve stürmten den Rasen, das Spiel artete in Tumulte in und um das Stadion aus. „Das hat uns zwei, drei Jahre sehr, sehr weh getan“, erinnert sich Josef Zindel, damals Kommunikationschef des Vereins.
Es gab keine ernsthaft Verletzten und geringen Sachschaden, jedoch einen riesigen Imageverlust für den Verein. Das Verhältnis der Klubetage zur organisierten Fanszene war bereits vorher belastet. „In der Kommunikation sind viele Dinge schlecht gelaufen. Wir hatten das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden“, sagt ein organisierter Fan, der nicht namentlich genannt werden will. „Wir verdanken der Muttenzerkurve unendlich viel. Aber dass es eine eigene Zelle mit ganz vielen, spannenden Jugendlichen war, hat man sogar im FCB erst später wahrgenommen. Zuvor hat kaum Kontakt zwischen den Fans und dem Klub bestanden, was heute ganz anders ist“, sagt Zindel. Als bereits die Planungen für die neue Saison anlaufen hätten sollen, erklärte Bernhard Heusler die Fanthematik zu seiner Angelegenheit – bis heute.
Kein Fananwalt
Auch aufgrund der Ausschreitungen, die von Medien als „Schande von Basel“ gebrandmarkt wurden, verordnete sich der FCB 2012 selbst eine Charta, in der er seine Werte definiert. Bemerkenswert ist vor allem die Forderung von Toleranz für Fußballfans und die Verurteilung von pauschaler Kriminalisierung – illustriert wird die Charta auch mit Pyrofotos. „Diese Werte wollen wir hochhalten, wissend, dass wir nie alle Leute glücklich machen können“, sagt Heusler. Im Verein machte sich nach 2006 die Erkenntnis breit, dass Dialog und Prävention langfristig eher dienlich sind als Populismus und Repression. Heusler sagt: „Wir dürfen diesen Menschen auch einen Freiraum gönnen.“ Wegen Sätzen wie diesem wird der Klubboss von Kritikern gerne als Fananwalt hingestellt. Lasch und gutherzig, aber eben untauglich nannte Peter H. Müller, ein Stadtrat der Christlichdemokratischen Volkspartei, die Fanpolitik des Vereins – nach den Vorfällen im Europa-League-Achtelfinale bei Red Bull Salzburg im April 2014, als Wurfgegenstände aufs Feld flogen, das Spiel unterbrochen wurde und den Baslern von der UEFA neben einer 107.000-Euro-Geldstrafe ein Geisterspiel aufgebrummt wurde. Die Muttenzerkurve äußerte sich in einem ausführlichen Statement unter dem Titel „Befreyigsschlag“ zu den Vorfällen. Darin heißt es, dass sich derartige Szenen so lange nicht verhindern ließen, wie Matchbesuche emotional erfolgen. Die Fanpolitik des Klubs stoße dabei auf die Grenzen ihrer Einflussnahme auf den Anhang.
Dass der Basler Weg, wie das Modell aus Dialog und Repression genannt wird, nicht immer gemeinsam gegangen wird, gesteht auch Heusler ein. „Freiraum hat dort Grenzen, wo andere Menschen zu Schaden kommen oder dem Klub geschadet wird“, sagt er. Am Schluss sei er immer noch der Klubvertreter: „Der sich aber bewusst ist, dass er einen Klub führen möchte, mit dem sich die Mehrheit der Fans identifizieren kann.“ Sein Verhältnis mit der organisierten Fanszene war bereits entspannter: Wenn Fans in Gesprächen auf den Ursprung des FC Basel als Stadtverein verweisen und Marketingaktionen kritisieren, reagiert Heusler schon einmal gereizt.
Schweizer Unabhängigkeit
Wien, am 29. Jänner. Die Basler haben gerade ihr vorletztes Vorbereitungsspiel gegen die Austria 1:3 verloren. FCB-Trainer Fischer und Präsident Heusler stehen in den Katakomben des Horr-Stadions. Heusler ist leger in schwarzer Daunenjacke mit Glanzoptik und Adidas-Schuhen, Modell Superstar, unterwegs. Er hat auch heute Dialog auf der To-do-Liste: Matchaufarbeitung gemeinsam mit dem Trainer ist angesagt, selbst nach einem Testspiel. Das Gespräch ist ernst, die Pressechefin wagt es nicht, die beiden zu stören. 25 Minuten wird es dauern.
Anders als viele andere Präsidenten ist Heusler vollzeitangestellt. Als er vor mittlerweile sieben Jahren die operative Leitung des Vereins übernahm, brach er alte Strukturen auf. Mit dem Ziel, vorhandene Kompetenzen im Klub besser zu bündeln, führte er klare Entscheidungswege ein. Seither kommuniziert der Verein nie, ob ein neuer Spieler der Wunsch des Präsidenten, Sportchefs oder Trainers war. „Es ist immer ein Kommissionsentscheid. Das ist sehr wichtig für mich und als Führungsprinzip entscheidend, weil wir damit nach außen wenig Angriffsfläche bieten“, sagt Heusler. Zudem versucht sich der Verein in der Emanzipation von Einzelpersonen. „Die Philosophie gibt der Verein vor. Wenn sich der Wunschtrainer damit identifizieren kann, wird er geholt“, sagt Markus Hoffmann. Der Salzburger ist seit Jänner 2012 mit Ausnahme eines einjährigen Russland-Engagements Co-Trainer in Basel. Ein Trainer, der mit seiner ganz eigenen Auffassung von Fußball kommt, so Hoffmann, würde in Basel nicht funktionieren. „Die Philosophie ist, dass man sich nicht abhängig von Trainern macht.“ Thorsten Fink, von 2009 bis 2011 Cheftrainer in Basel, relativiert ein wenig: „Wenn der Trainer einen bestimmten Spieler nicht haben wollte, wurde er nicht einfach überstimmt. Man hat schon Rücksicht auf ihn genommen.“
Dass der FCB in den vergangenen sieben Jahren fünf Cheftrainer hatte, mag auch mit der Philosophie zusammenhängen. Nehmen die Vereinsverantwortlichen ein Ruckeln der gut geölten Basler Maschine wahr, wird nicht lange gefackelt. Wie bei der Trennung vom populären Trainer Heiko Vogel. Dass sich zuletzt niemand lange auf der Basler Trainerbank halten konnte, sieht Co-Trainer Hoffmann nicht negativ: „Vielleicht ist der FC Basel auch für die Trainer ein Karrieresprungbrett?“, fragt er und zieht eine Parallele zu den regelmäßigen Auslandstransfers der Starspieler.
Erfolgsspirale Champions League
„Wir sind genauso ein Ausbildungsverein wie andere Mannschaften in kleineren Ligen“, sagt Hoffmann. Ihren Rahmenbedingungen können auch die Basler Überflieger nicht entfliehen, und die heißen: Zehnerliga in der Schweiz. Doch selbst hier spiegelt sich die Ausnahmestellung des Vereins wider. Durch die regelmäßigen Champions-League-Auftritte verfügt er über genügend Geld und das Renommee, sehr gute, junge Spieler aus dem In- und Ausland zu verpflichten. „Andere Vereine in der Schweiz finden diese Talente auch. Sie können sie sich nur zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr leisten“, sagt Zwölf-Chefredakteur Sykora. Es ist Schritt eins einer Spirale, die sich hier erst richtig zu drehen beginnt. Nützen die Talente das Schaufenster Champions League, spülen sie Geld in die Klubkasse – mehr als die Ligakonkurrenz für ihre Spieler bekommen würde. Mehr Geld, bessere Spieler und vernünftiges Wirtschaften münden in nationale Vorherrschaft und noch mehr Geld. „Man kann diese Dominanz weder der Liga noch dem FC Basel zum Vorwurf machen, sondern einzig und allein der Champions League“, sagt Sykora. „Die dort verdienten Gelder sind der Grund, warum unsere Meisterschaft so langweilig geworden ist.“ In der vergangenen Saison hat der FC Basel allein mit Champions-League-Preisgeldern über 15 Millionen Euro verdient. Mittlerweile könne es der Verein sogar verschmerzen, wenn er die Gruppenphase verpasse, so Sykora. Wie in dieser Saison, als man an Maccabi Tel Aviv scheiterte. „Sie haben mittlerweile so unglaubliche Reserven aufgebaut, dass sie auch drei, vier, fünf Jahre locker ohne Champions League überstehen. Dann verkaufen sie eben Elneny.“
Der Ägypter Mohamed Elneny wechselte im Winter zum Arsenal FC, der 23-Jährige gilt als der Rekordtransfer des FC Basel. Kolportierte Summe: zwischen 15 und 20 Millionen Euro. Im Sommer wurde Derlis Gonzalez um knapp zehn Millionen Euro Klubkollege von Aleksandar Dragovic bei Dynamo Kiew. Der österreichische Teamverteidiger verließ die Schweizer bereits im Sommer 2013 um einen ähnlichen Betrag. Weitere millionenschwere Wechsel: Mohamed Salah, Xerdan Shaqiri, Yann Sommer, Granit Xhaka – die Liste ließe sich noch lange fortführen. Im Winter lehnten die Schweizer ein laut Heusler hervorragendes Angebot des VfL Wolfsburg für Stürmer Breel Embolo ab. In einigen Medien war von 30 Millionen Euro die Rede – eine Summe, die Heusler ins Märchenland verweist. Man kann aber davon ausgehen, dass ein Wechsel einen stattlichen Betrag in zweistelliger Millionenhöhe in die Klubkasse gespült hätte. Der FC Basel im Jahr 2016 kann es sich leisten, solche Angebote nicht anzunehmen.
Im Verein machte sich nach 2006 die Erkenntnis breit, dass Dialog und Prävention langfristig eher dienlich sind als Populismus und Repression.
Dreigeteilt
Der Verein verfolgt bei der Kaderzusammenstellung eine Drittelstrategie: ein Drittel aus dem eigenen Nachwuchs, ein Drittel gestandener Spieler vorzugsweise aus dem Inland und das letzte Drittel talentierte, noch zu schleifende Rohdiamanten. In den vergangenen Jahren hatte Basel das Glück, mit Spielern wie Marco Streller, Alexander Frei und Benjamin Huggel ehemalige Basler als Führungsspieler zurückholen zu können. Unter dem Applaus der Fans lieferten sie sportliche Topleistungen, an ihrer Seite konnten Perspektivspieler ohne die Last der Verantwortung wachsen. Das Basler Modell in seiner Blütezeit war sportlich erfolgreich, ertragreich und identitätsstiftend zugleich. Sinnbildlich dafür stand der letzte Spieltag der Champions-League-Gruppenphase 2011, als die Schweizer mit acht Spielern aus dem eigenen Nachwuchs Manchester United 2:1 besiegten und damit aus dem Bewerb warfen.
Doch Streller und Co. sind nunmehr in Pension. Und Jugendspieler wie Profis mit Basler Vergangenheit, die den Ansprüchen des Vereins genügen, sind nicht die Regel: Philipp Degen, aus Liverpool zurückgekehrt, macht eher Therapie als Fußballspiele. Der Rückkehr von Zdravko Kuzmanovic folgte ein halbes Jahr darauf wieder der Abgang. Heute heißen die Leader Matias Delgado, Marek Suchy und Michael Lang. Sie sind angesehene Leistungsträger, aber Basel-Deutsch wie Streller und Frei sprechen sie nicht. Zwar existieren in einer Schublade in der Geschäftsstelle Listen mit Namen potenzieller Rückkehrer. Valentin Stocker, derzeit bei Hertha BSC unter Vertrag, wäre so einer. „Gelingt es, Stocker zurückzuholen, wären die Leute absolut begeistert“, sagt der langjährige Fan Salvi. Viele kritische Stimmen würden damit leiser werden. „Gelingen solche Rückholaktionen jedoch nicht und rücken nicht ständig aus dem eigenen Nachwuchs Spieler wie Embolo nach, verliert die Mannschaft ihren lokalen Charakter.“ Sollte Embolo den Verein im Sommer verlassen, steht womöglich kein Basler mehr in der Startformation.
Keine Show
Doch so erfolgreich der Klub wirtschaftet und spielt, so sehr fehlt bei Ligaspielen immer öfter die Spannung. Der FC Basel hat zwar 23.800 Dauerkarten abgesetzt, doch bei Duellen gegen Mannschaften wie Lugano, Vaduz und Thun machen viele Saisonkartenbesitzer Pause. Dafür gibt es längst eine eigene Bezeichnung: No Shows. Die Basler Verantwortlichen sollen bereits an einem Konzept arbeiten, damit das Stadion auch gegen unattraktivere Konkurrenten gut gefüllt ist. Saisonkartenbesitzer, die ein Spiel nicht besuchen, sollen die Möglichkeit haben, ihren Platz für ein geringeres Entgelt anderen zur Verfügung zu stellen. Dieses Konzept könnte in Basel selbst bei internationalen Auftritten Anwendung finden: Den Last-Minute-Aufstieg gegen Saint-Etienne im Rückspiel des Europa-League-Sechzehntelfinale verfolgten lediglich 20.976 Zuschauer im Stadion.
Mit den Erfolgen ist die Erwartungshaltung der Zuschauer gestiegen, das scheint logisch. Oder ist dem gar nicht so? „Ich glaube, dass der Verein den Fans etwas unterstellt. Die hohe Erwartungshaltung kommt nämlich primär von den Funktionären“, sagt Salvi. In einer 2010 durchgeführten Umfrage gaben lediglich sechs Prozent der 4.000 befragten Fans an, bei geringerem sportlichen Erfolg ihren Stadionbesuch zu überdenken. „Vielleicht wäre es besser, wenn der Verein wirklich wieder durch ein, zwei Seuchenjahre müsste“, sagt Salvi. Diese Meinung ist von mehreren Seiten zu hören – in schwierigeren Zeiten würden nicht weniger Zuschauer, sondern ein treueres Publikum kommen, so das Credo.
Will der FC Basel ein hemdsärmeliger Stadtklub oder ein Dauergast in den K.-o.-Runden der Champions-League sein? Fanverein oder auf Erfolg getrimmte Marketingmaschine? In ihrem „Befreyigsschlag“ forderte die Muttenzerkurve genau jenes Austarieren zwischen erfolgreich geführtem Klub und lebendiger Fankultur. „Dieser Spagat wird nicht einfacher“, sagt Heusler. „Wenn wir die Entwicklung im europäischen Spitzenfußball anschauen, müssen wir uns nicht Sand in die Augen streuen: Sie geht klar dorthin, dass die ganz großen Klubs in Bezug auf die Fankultur nicht mehr so aufgestellt sind, wie es vor zehn bis 20 Jahren war.“
Es mag längst vergangene Fußballromantik sein, doch bei einigen Anhängern hält sich der Wunsch vom Profi zum Anfassen. Mit Spielern wie dem im Sommer zurückgetretenen Kapitän Marco Streller, der sich ohne Starallüren in den Bars rund um den Barfüsserplatz hier und da ein Bierchen genehmigte. Vieles deutet aber darauf hin, dass das derzeit noch in Grundzügen bestehende Bild vom Basler Sportverein immer stärker mit der Idee eines börsenorientierten Unternehmens kollidieren wird. Heusler und sein Führungsteam wissen das. „Das Herz des Vereins darf sich nicht ändern, auch wenn er wirtschaftlich wächst“, sagt er. Es ist eine ständige Gratwanderung zwischen Erfolg und Misserfolg, zwischen Basisnähe und Austauschbarkeit.
Folgende Artikel könnten
dich auch interessieren
Gschichtendrucker
lesen
Paradoxe Intervention
lesen
FC Sion — FC St. Gallen
lesen