Österreich am 18. Dezember 2016: Das ganze Land befindet sich im Adventfieber. Weihnachtsmärkte werden gestürmt, das unvermeidliche „Last Christmas“ beschallt die Shoppingcentren der Republik, und der eine oder andere Glühwein wird getrunken. Auf den Tag genau sechs Jahre später befindet sich das Land schon wieder im Vorweihnachtsfieber. Adventkränze werden entzündet, „Last Christmas“ wird nach wie vor in schier endloser Dauerschleife gespielt, doch etwas ist anders: Neben dem Glühwein- ist auch der Bierkonsum auf den Weihnachtsmärkten sehr hoch. Überall sieht man Leute mit Schals in Nationalfarben herumlaufen. Allerdings nicht, weil gerade der Nachtslalom vor dem Schloss Schönbrunn ansteht. Nein, es ist der Tag des Finales der Weltmeisterschaft in Katar.
Die kalendarische Revolution
Was vor Jahren noch unmöglich schien, ist seit der Vergabe der WM an das Wüstenemirat Realität. Ursprünglich war sie im Sommer angesetzt, jedoch wurde rasch offenkundig, dass Temperaturen jenseits von 50 Grad Celsius für einen reibungslosen Ablauf des Turniers nicht förderlich sind. Daher wurde die WM auf Dezember verschoben – quasi eine kalendarische Revolution.
Kalender haben wichtige Funktionen: Sie vermitteln Orientierung und bieten Halt. Kommt es zu Veränderungen, sorgt das für Irritationen bei den Fans, da gewohnte Abläufe nicht mehr greifen. Dieses Phänomen ist beim Fußball höchst aktuell: Statt an einem Wochentag – in Österreich am traditionell arbeitsfreien Samstag – werden Spieltage häufig auf drei bis vier Tage aufgeteilt, um noch mehr Exklusivität und damit höhere Preise für Fernsehübertragungsrechte zu lukrieren. Die zehn Spiele einer Runde der spanischen Primera Division werden heute etwa zu neun unterschiedlichen Anstoßzeiten angepfiffen.
Ein weiteres Merkmal von Kalendern ist die Unterscheidung zwischen besonderen – oft „heiligen“ – und gewöhnlichen Zeiten. Diese Unterscheidung treffen auch Religionen mit ihren Feiertagen, die den Höhepunkt der Woche darstellen. Für Fußballfans avanciert der Spieltag zu einem „heiligen Tag“ mit festen Ritualen.
Geistliche Gesänge
Religionen haben ebenfalls viel mit Ritualen zu tun – sie sollen das Leben ordnen und ein Gefühl der Vertrautheit anbieten. Ein katholischer Gottesdienst etwa unterliegt einem klaren Grundkonzept, egal ob er im Stephansdom in Wien oder im Petersdom zu Rom gefeiert wird. Ähnlich verhält es sich beim Fußball. Ein Match dauert grundsätzlich 90 Minuten plus Nachspielzeit, egal ob in der Bundesliga oder der Nigeria Professional Football League gespielt wird. Auch nimmt der Fußball Anleihen an Ritualen etablierter Religionsgemeinschaften. Wie in der Kirche wird bei einem Match gesungen, wobei geistliche Lieder für den Stadionbesuch adaptiert werden. Aus „When the Saints Go Marching In“ wird schon einmal ein „When the Spurs Go Marching In“ oder hierzulande ein „Der SK Sturm ist wieder da“. Wie in anderen Ritualen üblich, tragen die Spieler eine spezielle Kleidung, um sie als Träger solcher Rituale zu kennzeichnen.
Rituale haben auch mit Gemeinschaft zu tun: Sie werden in unterschiedlichen Kontexten gefeiert und versuchen im Idealfall Menschen zusammenzuführen. Auch der Fußball hat in diesem Sinne integrative Kraft. Für viele Menschen, etwa Spieler mit Migrationshintergrund, kann der Sport eine Hilfe zur Etablierung in einer Gesellschaft sein. Ein Paradebeispiel dafür war etwa das Tor von Ivica Vastic im WM-Spiel 1998 gegen Chile. Obwohl er bereits 1996 im Nationalteam debütiert hatte, wurde er erst danach von der auflagenstärksten Boulevardzeitung zu einem „echten Österreicher“ gemacht. Voraussetzung hierfür ist demnach oft der sportliche Erfolg, wie auch der bosnischstämmige Trainer Radan Lukic einmal bestätigte: „Solange du ein guter Fußballer bist, ist alles okay. Erst wenn du nicht mehr gebraucht wirst, kommen die anderen Dinge.“
Augenblicksgötter
Im religiösen Kontext verweisen Rituale oft auf etwas „Heiliges“, das über das Menschliche hinausgeht. Auch im Fußball wird diese Dimension manchmal erreicht, etwa wenn Tore mit der „Hand Gottes“ erzielt werden. Gerade rund um Diego Maradona, den Torschützen dieses Treffers im WM-Viertelfinale 1986, nahm die Verehrung skurrile Züge an und mündete in der Gründung einer „Iglesia Maradoniana“. Allerdings werden diese menschlichen Augenblicksgötter oft schnell von anderen abgelöst, wenn die Wirkmächtigkeit nachlässt – ein wesentlicher Unterschied zu Göttern im religiösen Kontext. Ein Schicksal, das wohl auch Maradona als Teamchef erleiden musste, als Argentinien bei der WM 2010 nach schwachen Leistungen bereits im Viertelfinale ausschied.
Auch religiöse Metaphern finden sich häufig im Fußball. Bereits das Wort Fan leitet sich aus dem lateinischen fanum ab, das einen heiligen Ort bezeichnet. In der Presse ist von „sportlichen Auferstehungen“ und „erlösenden Tore“ die Rede, Fans eines Wiener Vereins bezeichnen ihren Klub gerne als Religion und „pilgerten“ bis vor Kurzem ins „Sankt Hanappi“. Auch die FIFA bedient sich derartiger Bilder, Ex-Präsident Joseph Blatter sagte einmal sogar: „Die FIFA ist durch die positiven Emotionen, die der Fußball auslöst, einflussreicher als jedes Land der Erde und jede Religion.“
Dennoch kann der Fußball, den Anspruch, eine Religion zu sein, nicht ganz erfüllen. Aber die beiden können voneinander lernen. Während der Fußball von der Religion die Ausrichtung auf etwas Absolutes mitnehmen kann, lehrt der Fußball die Religion wiederum eine Begeisterung, die wohl auch 2022 noch viele Menschen berühren wird – sei es im Stadion, zu Hause oder am Weihnachtsmarkt.