Eigentlich müsste Bernd Storck einen Dankesbrief an die Adresse von Jos Luhukay schicken. Der Ex-Trainer der Berliner Hertha ist gewissermaßen der Grund dafür, dass Storck nach einer über weite Strecken trostlosen Trainerkarriere nun zur Europameisterschaft fahren darf. Als Luhukay vor anderthalb Jahren gerade dabei war, Hertha BSC zielsicher in Richtung zweiter Liga zu coachen, dürfte Storck noch nicht geahnt haben, welche Auswirkungen dessen Schicksal auf seine eigene Zukunft haben wird.
Am 5. Februar 2015 geriet der Stein ins Rollen. Die Hertha-Verantwortlichen feuerten Luhukay und ersetzten ihn durch die Vereinslegende Pal Dardai. Dieser war aber eigentlich schon ziemlich beschäftigt, er war nämlich gerade dabei, Ungarn zur ersten EM- Teilnahme seit 1972 zu führen. Die Aufgabe bei der Hertha war ihm aber ebenfalls eine Herzensangelegenheit. Eine Weile brachte Dardai beides unter einen Hut – dann wurde er vor die Wahl gestellt: Hertha oder Heimat?
Stabilität und ein Weltmeister
Dardai entschied sich im Juli für erstere Option. Und Storck, zu diesem Zeitpunkt Sportdirektor des ungarischen Verbands, wurde auf einmal Teamchef. Die Trainerlaufbahn des heute 53-jährigen Deutschen bot wenig Spektakuläres. Er war Co-Trainer in der deutschen Bundesliga, beim VfL Wolfsburg etwa und auch bei Borussia Dortmund. Er betreute das Nationalteam von Kasachstan und nebenher den FK Kairat Almaty, danach den Nachwuchs von Olympiakos Piräus. Als er die ungarische Mannschaft übernahm, waren in der Qualifikation noch vier Spiele zu absolvieren. Das Team konnte den dritten Platz halten und erreichte das Play-off. Unter widrigen Umständen. „Ich hatte keine Zeit, die Mannschaft ordentlich vorzubereiten und ich hatte keinen richtigen Trainerstab“, sagte er damals gegenüber Sport1. „Ich war auf mich allein gestellt.“
Sandor Csanyi, der Präsident des ungarischen Verbands, war trotzdem von Storcks Arbeit angetan. Der neue Teamchef habe Stabilität und Ordnung in die Mannschaft gebracht, sagte er. Storck setzte auf Professionalisierung auf allen Ebenen, die wichtigste betraf den Trainerstab, der bisher aus Teilzeitcoaches bestanden hatte. Vor den Play-off-Spielen gegen Norwegen engagierte Storck zwei Landsleute, die ihm seither zur Seite stehen: Tormanntrainer Holger Gehrke und Co-Trainer Andreas Möller. Ähnlich wie Storck hat auch Möller als Übungsleiter noch keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Doch der Weltmeister von 1990 kenne den Erfolg, wie Storck Möllers Anstellung begründete.
Das Trauma
In den Play-offs bewies Storck Mut – und wurde dafür belohnt. Ausgerechnet im wichtigsten Spiel der ungarischen Nationalmannschaft seit Jahrzehnten verhalf er dem damals 21-jährigen Mittelfeldspieler Laszlo Kleinheisler zum Teamdebüt. „Ich wollte den Leuten zeigen, dass man einfach mutig sein muss“, sagte Storck der Welt. Die Personalie Kleinheisler steht exemplarisch für seine Arbeit als Trainer. Storck gewichtet den Faktor Talent höher als einen bekannten Namen. Kleinheisler, seit Jänner bei Werder Bremen unter Vertrag, gilt heute als Versprechen für die Zukunft. Damals kickte er auf Vereinsebene aber nur für die zweite Mannschaft des FC Videoton. Keine 26 Minuten lief er bei seinem Debüt über den Platz, ehe Kleinheisler sein Team in Norwegen 1:0 in Führung schoss. Der Vorsprung hielt, das Rückspiel in Budapest gewann Ungarn 2:1.
Nach den ersten Jubelstürmen hoben die Spieler Bernd Storck auf dem Feld in die Höhe und schmissen ihn durch die Luft – in etwa so wie Ferenc Puskas, Nandor Hidegkuti und Kollegen 1954 gerne Gusztav Sebes in Bern in die Höhe geworfen hätten. Dem WM-Finalgegner Deutschland war damals aber nach Wunder zumute, er bescherte Ungarn sein nationales Trauma.
Denn noch mehr als der verpasste WM-Titel schadete dem ungarischen Fußball die damals geweckte Erwartungshaltung, die wohl nicht zu erfüllen ist: Spielergeneration um Generation wird an der Goldenen Elf der 1950er Jahre gemessen. Und scheitert daran. Die tragischen Helden von damals sind laut Storck immer noch allgegenwärtig, wie er im Welt-Interview sagte: „Das finde ich sehr schade. Die Jungen hätten eine faire Chance verdient, sich ohne Druck weiter zu entwickeln.“
Der Ungarn-Topf
Der enorme Druck und die hohe Erwartungshaltung mögen sich auch 62 Jahre nach der Niederlage im WM-Finale halten, über die Jahrzehnte hinweg verloren gegangen sind hingegen die professionellen Strukturen im Verband. Mitte der 1950er Jahre zählte der ungarische Fußball zu den fortschrittlichsten Europas, wenn nicht der Welt. Als sich die Goldene Elf aber Stück um Stück in den Ruhestand verabschiedete, stagnierte die Entwicklung. Erst in den vergangenen Monaten ging es wieder aufwärts. Auch dank Storck, der Anfang 2015 zum Sportdirektor des Verbands bestellt wurde. „Wir haben ganz neue Strukturen im rundum erneuerten Leistungszentrum in Telki aufgebaut“, sagte er gegenüber fifa.com. Derartige Strukturen, die in anderen Ländern längst Standard sind, werden in Ungarn gerade erst aufgebaut.
Zudem wurden Stützpunkttrainings für Jugendnationalteams eingeführt, und auch auf der Vereinsebene will sich der Verband auf die Zukunft vorbereiten. Ein Bonussystem, das Klubs belohnt, die junge Ungarn einsetzen, soll dafür sorgen, dass die Nationalmannschaft mit talentierten Arbeitskräften versorgt wird. Bei der EM wird aber immer noch der 37-jährige Zoltan Gera die Kommandos im Mittelfeld geben, im Tor der 40-jährige Gabor Kiraly seine graue Jogginghose verdrecken. Zumindest bis 2018 soll Storck die Nationalmannschaft anleiten, nach der EM-Qualifikation wurden die Verträge mit ihm und seinem Team verlängert. Dass sie es tatsächlich nach Frankreich geschafft haben, nennt Storck ein Wunder.