Schon eine halbe Stunde vor Anpfiff werden die ersten Lieder angestimmt und grün-weiße Fahnen geschwenkt, vor dem Fanblock laufen sechs junge Leute hektisch herum und geben Anweisungen – sie bereiten die Choreografie der Heimfans vor. Die Portland Timbers bestreiten an diesem Juninachmittag das Derby gegen die Seattle Sounders in der Major League Soccer. Vor der Fankurve liegt ein Baumstamm, der vor Anpfiff von den Fans mit Schals geschmückt wird – das Markenzeichen der Timbers aus dem Bundesstaat Oregon an der Westküste. Der Providence Park ist restlos ausverkauft, nicht nur die in der „Timbers Army“ organisierten Fans stehen auf ihren Plätzen, sondern praktisch das gesamte Stadion. Portland ist die Heimat der fanatischsten Fußballfans der USA.
Warten auf das Saisonabo
Die 2001 noch unter dem Kurzzeitnamen „Cascade Rangers“ gegründete „Timbers Army“ ist so berühmt, dass sie 2010 in der Wahl der einflussreichsten Sportpersönlichkeiten im Bundesstaat von der Lokalzeitung The Oregonian auf Platz fünf gewählt wurde. Durch massives Lobbying bei der Stadtverwaltung hatte die Fangruppe den Wechsel der Portland Timbers von der United Soccer League in die MLS vorangetrieben. Seit der Aufnahme des Klubs in die bedeutendste US-Liga 2011 sorgen die Fans auch für einen erstaunlichen Rekord: Bisher war jedes Heimspiel der Timbers in der MLS ausverkauft. Die auf 15.300 Stück begrenzten Saisonkarten sind so begehrt, dass die Warteliste knapp 10.000 Namen fasst.
Der Popularität zum Trotz gibt sich der Verein familiär. Wenige Minuten vor Anpfiff meldet sich erstmals der Stadionsprecher zu Wort, um die neuesten Klubmitglieder vorzustellen. Der jüngste Neuzugang ist nur wenige Wochen alt, der am weitesten entfernte Fan stammt an diesem Nachmittag aus Australien. Danach flimmern unterschiedliche Glückwünsche für und von Timbers-Fans über die riesige Videowall. Tosender Applaus bricht aus, als ein Mann per Videobotschaft um die Hand seines Lebensgefährten anhält. Nur wenige Stunden vor dem Spiel hat der Supreme Court die Ehe zwischen Homosexuellen in allen US-Bundesstaaten für rechtens erklärt. Die Zuschauer feiern das Paar mit Standing Ovations, zahlreiche Regenbogenfahnen werden geschwenkt.
Armee mit Generalin
Die Choreografie der „Timbers Army“ kurz vor Spielbeginn könnte auch einem Prospekt des lokalen Tourismusbüros entstammen. Sie zeigt eine idyllische Landschaft aus Bäumen und Bächen vor dem Mount Hood, dem höchsten Berg Oregons. 90 Sekunden nach Anpfiff lösen zahlreiche schwingende Fahnen und Schals die Choreografie ab, Fangesänge hallen durch das Stadion. Die Finanzierung derartiger Spektakel ist neben einer Fahrtkostenkassa für Auswärtsreisen einer der wichtigsten Verwendungszwecke der Mitgliedsbeiträge der Fangruppe. Die „Timbers Army“ ist ein gemeinnütziger Verein, etwaige Gewinne werden Sport- und Sozialprojekten zur Verfügung gestellt. Allein seit 2010 spendeten die Fans laut eigenen Angaben rund 150.000 Dollar für Sportplätze im Großraum Portland.
Ihren Anspruch, eine Armee ohne Generäle zu sein, gab die Fangruppe hingegen vor sechs Jahren auf. Zu groß sei die „Timbers Army“ mittlerweile geworden, um sie nach anarchistischen Prinzipien zu verwalten, wie es auf der Website der Gruppe heißt. Beim Derby gegen die Sounders geben dann auch sechs Capos, darunter eine Frau, den Takt an. Als Darlington Nagbe in der 12. Minute das 1:0 für die Gastgeber erzielt, stimmen sie einen Chant für den Spieler an, der das Timbers-Trikot mit über 150 MLS-Einsätzen öfter als jeder andere getragen hat. „Dar-ling-ton-ton-ton. He’s the man you came to see. Dar-ling-ton-ton-ton. Made his name in Rose City. To the left to the right. He bleeds green and fucking white“, hallt es für den liberischen Mittelfeldspieler durch den Providence Park.
Trophäen aus Holz
Dank des Tors beginnt auch der Arbeitstag von „Timber Joey“, der seine Motorsäge startet und eine dicke Scheibe des vor dem Tor gelagerten Baumstamms abschneidet. Stolz hält er das Stück Holz in die Luft und reicht es an den Fanblock weiter – unter tosendem Applaus wird die Scheibe geküsst und geherzt. Selbst der Ausgleich durch die Seattle Sounders tut der Stimmung keinen Abbruch. Nach dem erneuten Führungstreffer der Gastgeber werden die ersten grünen Rauchbomben gezündet, auch „Timber Joey“ kommt wieder zum Einsatz. Das Prozedere mit der Motorsäge beginnt von Neuem, zwei weitere Wiederholungen werden noch folgen. Nach dem 4:1 verabschieden die Portland-Fans die Gäste mit dem Chant „It’s all gone quiet over there … we’re having a party over here“ aus dem Stadion.