Vor dem Gespräch mit dem ballesterer hat Patrick Wolf ein privates Lauftraining in seiner Heimatgemeinde südlich von Graz absolviert. Am späten Nachmittag steht noch das Training beim SV Allerheiligen an – dem Regionalligisten, bei dem der Ex-Profi inzwischen spielt. Der Übergang von der ersten in die dritte Liga war nicht schmerzfrei, Wolfs Motivation hat jedoch nicht gelitten. Am Feld galt und gilt er als Arbeiter. Abseits davon auch: Er hat bei der Post und beim Magistrat sein Geld verdient. Wolf musste früh lernen, Job und Fußball unter einen Hut zu bringen.
ballesterer: Sie haben bis Sommer noch beim SK Sturm gespielt, jetzt sind Sie in der Regionalliga. Das klingt nach einem Abstieg.
Patrick Wolf: Von der Liga her schon. Ich würde auch lügen, wenn ich sagen würde, dass mich die Umstände, wie es dazu gekommen ist, nicht beschäftigt hätten.
Inwiefern?
Bis kurz vor Ende der Transferzeit hat es geheißen, dass ich bei Sturm bleiben kann. Dann habe ich doch keinen neuen Vertrag mehr bekommen. Das hat mich getroffen – ich bin ein Schwarzer durch und durch. Jetzt, wo Franco Foda wieder Trainer ist, hätte ich gern noch bei Sturm gespielt und die Stimmung im Stadion erlebt.
Fehlt Ihnen die Atmosphäre?
Klar. Wem würde es da anders gehen? In Liebenau vor der Nordkurve zu spielen oder auswärts gegen Rapid – das ist schon etwas anderes als gegen Wallern oder Gurten. Aber bevor ich zu viel jammere: Ich habe das Ende bei Sturm abgehakt. Ich hege keinen Groll und halte den Burschen weiter die Daumen. Und was ich jetzt mache, ist ja auch fein.
Weil?
Ich habe mehr Zeit für mich. Ich habe in der Nähe von Unterpremstätten ein Haus gebaut. Ein Wechsel zu einem Bundesligisten hätte sich wirtschaftlich durch das damit verbundene Pendeln nicht gerechnet. Ich hätte Angebote gehabt, aber ich wollte dem Fußball nicht mehr alles unterordnen. Jetzt bin ich in wenigen Minuten beim Training. Die Mannschaft taugt mir, und ich denke, dass wir uns heuer aus dem Mittelfeld noch weiter nach oben arbeiten können. Mehr Freizeit zu haben, ist eine schöne Begleiterscheinung, wenn man nicht mehr Profi ist.
Stichwort Freizeit: Das Klischee vom Profi, der außer Training und Spiel tun kann, was er will, hat auf Sie ja nie richtig zugetroffen.
Weil ich gearbeitet habe. Gelernt habe ich Automechaniker, ich habe bei der Post gearbeitet, war beim Grazer Magistrat. Wenn du in der Früh in die Hackn gehst und dann abends noch Training hast, geht das an die Substanz. Das war zum Beispiel so, als ich bei Gratkorn gespielt habe. Das Tandem Arbeit und Fußball hat mich von der Jugend auf geprägt. Aber genau davon habe ich später enorm profitiert. Ich habe auch nicht mehr damit gerechnet, dass es mit der Profikarriere noch klappt. Umso schöner war es dann, mich als Profi nur aufs Kicken konzentrieren zu dürfen.
Junge Spieler können sich ein Lebensmodell mit Arbeit und Fußball wahrscheinlich kaum noch vorstellen.
Das glaube ich auch. Aber da können sie nichts dafür. Heute wechseln junge Kicker schnell in Akademien, wo sie bestens ausgebildet werden. Dazu müssen viele noch die Schule fertig machen. Neben dem Kicken noch zu arbeiten, weil man Geld verdienen muss, erscheint manchen fremd.
Werden die Jungen in den Akademien verhätschelt?
Nein. Es ist gut, dass es diese Ausbildungsmöglichkeit gibt. Man braucht ja nur schauen, welche Topkicker da rauskommen. Und die meisten sind vernünftig und kümmern sich ums berühmte zweite Standbein. Aber es gibt halt auch die, die sich sagen: „Ich gehe nicht hackeln, wenn ich die Chance habe, Profi zu werden.“ Die sind nicht dankbar dafür, dass sie den Sport zum Beruf machen durften. Die denken halt: „Klasse – schlafen bis zehn, Training, freier Nachmittag, Training, fertig.“ Sie lassen dann raushängen, dass sie nie hackeln haben müssen. Das gilt aber auch für manche Ältere.
Sehen Sie sich selbst als Arbeiterkind?
Ich komme aus Eggenberg, einem Arbeiterbezirk in Graz. Ich bin nach wie vor oft in meinem Viertel, besuche regelmäßig meine Eltern oder schaue im Cafe Wigo vorbei und treffe mich dort mit Freunden. Das ist doch normal. Ich habe nichts dazu beigetragen, woher ich komme.
Patrick Wolf (33) spielt seit Sommer 2014 für den SV Allerheiligen, daneben lernt er für den ÖFB-Trainerkurs. Davor war er unter anderem für Ried, Wiener Neustadt und Sturm tätig. 2010 bestritt er zwei Länderspiele für Österreich.