Im Juli 2014 brodelte die Gerüchteküche. Kehrt der ehemalige brasilianische Starstürmer Adriano wirklich nach Italien zurück? Wird er tatsächlich in der viertklassigen Serie D einen Neustart wagen? Das nicht ganz ernst gemeinte Angebot bescherte Terracina Calcio zum wohl ersten Mal landesweite Medienaufmerksamkeit. Gewonnen hat der Klub bisher nie etwas und auch keine späteren Stars ausgebildet – der 1925 gegründete Fußballverein passt zu seinem Heimatort, einem kleinen Küstenstädtchen auf halbem Weg zwischen Rom und Neapel in den südlichen Ausläufen der ehemaligen pontinischen Sümpfe, das einen Großteil seiner Geschichte mit dem Kampf gegen die Malaria beschäftigt war. Adriano nahm das Angebot aus Terracina nicht an, dennoch sorgte der Klub auch diesen Sommer wieder für Schlagzeilen. Der bankrotte Serie-D-Absteiger wurde in der untersten Liga neu gegründet – und von seinen Fans übernommen.
Gruß an die antiken Götter
Begonnen hat die neue Geschichte Terracinas Ende November 2014 mit der Initiative von elf Fans. Sie gründeten den „Mia Terracina Supporters’ Trust“, in dem ein Jahresbeitrag von zehn Euro Anteile am neuen Fußballklub sichert. Dieses Modell des Azionariato Popolare, das den Mitgliedern Mitbestimmungsrechte einräumen soll, boomt derzeit in Italien. Dabei handelt es sich um eine Annäherung an die Vereinsform des deutschsprachigen Raums. Unter dem gemeinsamen Label versammeln sich unterschiedlichste Beispiele aus verschiedenen Ligen: Der florentinische Klub Centro Storico Lebowski wurde etwa von Fans gegründet. Die Mitglieder von „Sosteniamolancona“ betrieben wiederum jahrelange Kampagnenarbeit, bis sie ihren Stammverein Ancona im Juni übernehmen konnten, und die Aktivisten von „myRoma“ müssen wohl noch lange kleine Aktienpakete kaufen, bis sie maßgebliche Anteile an der AS Roma besitzen.
Das gemeinsame Ziel ist es jedoch, den Fans eine Stimme im Klub zu geben. Manchmal geht es aber auch um noch grundlegendere Dinge wie das blanke Überleben. So auch in Terracina, wo der Verein die abgelaufene Serie-D-Saison auf dem vorletzten Platz beendete – und im Chaos. Fünfmal wechselte der Klub während der Spielzeit den Trainer, die letzten Begegnungen musste Terracina mit einer besseren Jugendmannschaft bestreiten, da ein Großteil der Spieler den Verein verlassen hatte. Zum Auswärtsspiel bei Nuorese trat der Klub erst gar nicht an, da er die Reise nach Sardinien nicht finanzieren konnte. Und auch auf den Heimvorteil musste Terracina lange verzichten, da das Stadion Mario Colavolpe wegen eines Platzsturms und anschließender Ausschreitungen beim Spiel gegen den Lokalrivalen aus Sora im Februar 2014 für fast ein Jahr für alle Zuschauer gesperrt worden war. Erst den Anstrengungen von „Mia Terracina“ war es zu verdanken, dass der Platz im Frühjahr wieder für die Fans geöffnet wurde.
Als der sportliche Abstieg am 17. April fixiert wurde, inszenierten die Fans eine kitschig schöne Abschiedsvorstellung, die sie über die Landesgrenzen hinweg bekannt machen sollte. Die Ultras versammelten sich auf dem Dach des antiken römischen Tempels des Iuppiter Anxur und hoben ihr Spruchband „Vereint wie gestern. Im Angesicht der Götter überreichen wir unsere Herzen“ und zahlreiche Bengalen in den Himmel. Eine der drei Ultragruppen löste sich bei der spektakulären Aktion auf – und kam damit ihrem Verein um ein paar Wochen zuvor. Dessen finanzielle Lage war mittlerweile so aussichtslos geworden, dass er nicht einmal mehr um eine Lizenz für die fünfte Leistungsstufe ansuchte. Unter der neuen Bezeichnung ASD Citta di Terracina schrieb sich der Nachfolgeklub gleich in der untersten Spielklasse ein.
Skepsis vor dem Saisonstart
Der jüngste Bankrott war der zweite innerhalb der letzten fünf Jahre und, wenn es nach den Aktivisten von „Mia Terracina“ geht, der letzte. Bereits im Gründungsmanifest versprachen sie, gemeinsam mit den Fans einen wirtschaftlich nachhaltigen und sauberen Verein betreiben zu wollen. „Es geht darum, einen anderen Fußball zu schaffen“, sagt Francesca Pagliaroli von der Fanvereinigung. „Einen Fußball, der in der Stadt und der Region verwurzelt ist, die sozialen Aspekte des Sports unterstreicht und transparent geführt wird.“
Noch müssen sich die rund 20 Aktivisten aber profanen Aufgaben wie der Beschaffung von Trikots für die Jugendmannschaften widmen oder die Beleuchtung von Stadion und Umkleidekabinen so weit instandsetzen, dass ein Spielbetrieb erlaubt wird. Sind alle bürokratischen Auflagen erfüllt, muss eine Mannschaft zusammengestellt werden. Erste Sichtungstrainings fanden bereits statt. Die wichtigste Aufgabe besteht aber in der zu leistenden Überzeugungsarbeit. Denn noch herrscht in der Stadt große Skepsis gegenüber dem Projekt. Eine erste Geldsammelaktion brachte wenige tausend Euro ein, die Fanvereinigung zählt aktuell nur rund 100 Mitglieder. Und selbst die lokalen Ultragruppen beäugen den Neustart kritisch, wie Pagliaroli berichtet. Sie hätten sich dazu entschieden, den neuen Verein vorerst nicht zu supporten. In den Gesprächen zwischen den Fanaktivisten und den Ultras sei aber immerhin eine Unterstützung zugesagt worden, sollte sich „Mia Terracina“ auf die 90-jährige Geschichte des Vereins berufen und es gelingen, das alte Klubwappen beizubehalten. „Wir hoffen, dass wir mehr Fans für das Projekt gewinnen, sobald die Meisterschaft wieder läuft“, sagt Pagliaroli – die Saison startet am 18. Oktober.